Nach Reimann-Versetzung wird Ruf nach eigenem Jugendamt der Stadt laut

dzKreisjugendamt

Die Versetzung von Thomas Reimann, dem Macher im Treffpunkt Windmühle, traf Eltern und Jugendliche wie ein Schlag. Schon wurde erneut der Ruf nach einem eigenen Jugendamt laut. Rechnet sich das?

Fröndenberg

, 19.03.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Thomas Reimann war der Treffpunkt Windmühle. So empfinden es viele Eltern auf dem Mühlenberg. Seine Versetzung, veranlasst vom Kreisjugendamt, ließ hie und da den Ruf nach einem eigenen Jugendamt der Stadt Fröndenberg laut werden.

Heinz-Günter Freck

Heinz-Günter Freck © Alexander Heine

„Das ist nicht nur eine isolierte Betrachtung: eigenes Jugendamt ja oder nein.“
Beigeordneter Heinz-Günter Freck

Obgleich nicht Dienstvorgesetzter von Thomas Reimann erboste sich auch Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe in einer Stellungnahme über die Versetzung Reimanns ins Kreishaus. Die Stadt war im Vorfeld nicht in die Personalentscheidung einbezogen worden.

Rechtlich war daran nichts auszusetzen, denn nicht die Stadt, sondern der Kreis ist Träger der Kinder- und Jugendeinrichtung auf dem Mühlenberg. Denn für Fröndenberg, selbst kleine kreisangehörige Gemeinde, übernimmt das Kreisjugendamt sämtliche Aufgaben in der Familien- und Jugendhilfe.

Kreisjugendamt wird von Fröndenberg mitfinanziert

Fröndenberg finanziert diesen Bereich über die sogenannte differenzierte Kreisumlage mit. Der Beitrag, den die Stadt hierfür jährlich nach Unna überweisen muss, ist zuletzt ständig gestiegen.

Bei stolzen 6,9 Millionen Euro steht die Umlage im laufenden Jahr; 2016 waren es noch knapp 5,9 Millionen Euro. Die FWG hatte angesichts dieser Steigerungsrate schon einmal danach gerufen, die Einrichtung eines eigenen Jugendamtes im Rathaus zu prüfen, den Plan aber nicht weiterverfolgt.

Als nun kürzlich Thomas Reimann völlig unerwartet nach 29 Jahren vom Mühlenberg abgezogen wurde, hagelte es Kritik an der Kommunikation beim Kreis Unna - und ein städtisches Jugendamt war wieder Thema.

Das war es auch schon einmal im Jahr 2012. Damals hatte der Rat die Verwaltung beauftragt, die Kosten für ein städtisches Jugendamt zu ermitteln; den Antrag hatte zuvor die CDU-Fraktion gestellt.

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Zur Sache6,9 Millionen Euro für das Kreisjugendamt

  • Neben der allgemeinen Kreisumlage zahlen die Stadt Fröndenberg und die Gemeinde Bönen und Holzwickede eine differenzierte Kreisumlage, weil der Kreis Unna für diese Kommunen die Aufgaben des Trägers der Jugendhilfe übernimmt.
  • Neben der Kindertagesbetreuung gehört hierzu die Krisenintervention bei Kindeswohlgefährdungen, auch für Vormundschaften ist das Kreisjugendamt zuständig oder eben für die Kinder- und Jugendeinrichtungen wie den Treffpunkt Windmühle.
  • Die Jugendamtsumlage, die aktuell 6,9 Millionen Euro beträgt, stellt die Stadt „beim Haushalt vor Herausforderungen“, räumt Beigeordneter Heinz-Günter Freck ein.
  • Die stete Steigerung der Umlage habe vor allem auch etwas mit der Ausweitung der Aufgaben des Jugendamtes zu tun, die durch Landes- und Bundesgesetze ausgelöst werden.
  • Hierzu zählen die U3-Betreuung in den Kitas, die höheren Qualitätsanforderungen in den Kitas oder die Kosten der Inklusion durch die Einstellung von Schulbegleitern für behinderte Schüler.
  • Die Bauaufsicht, die der Kreis für Fröndenberg übernimmt, wird übrigens nicht per Umlage finanziert. Grund: Die Kosten werden in diesem Bereich über das Gebührenaufkommen, also durch den Bürger direkt, finanziert.

Ergebnis: Ein eigenes Jugendamt hätte Fröndenberg schon zum damaligen Zeitpunkt rund 400.000 Euro mehr gekostet, als die Umlage für das Kreisjugendamt damals betrug. Die lag 2012 noch bei rund 5,3 Millionen Euro.

Dieses Mehr erklärt sich unter anderem daraus, dass die drei kleineren Kommunen, die vom Kreisjugendamt betreut werden, nämlich neben Fröndenberg noch Holzwickede und Bönen, nach ihrer jeweiligen Steuerkraft zur Kasse gebeten werden. Unterm Strich zahlt ein Steuerkräftiger aus dem Trio also für einen Schwächeren mit.

Heinz-Günter Freck sieht neben diesem monetären Argument einen noch wichtigeren Vorteil des Kreisjugendamtes: Es könne für mehrere Kommunen viele Synergien nutzen. „Diesen Vorteil würde ich nicht leichtfertig in Frage stellen wollen“, sagt der Beigeordnete.

Die Stadt müsste gleich mehrere Ämter selbst einrichten

Fröndenberg allein könne wohl auch nie so leistungsfähig sein wie ein großes Kreisjugendamt, das zum Beispiel bei Kindeswohlgefährdungen sehr schnell reagieren und eine Unterbringung des Kindes außerhalb der Familie organisieren muss.

Bevor Fröndenberg aber überhaupt ein eigenes Jugendamt einrichten dürfte, müsste die Stadt zuvor als mittlere kreisangehörige Gemeinde eingestuft werden. Auf Antrag ist dies möglich. Bloß hätte das dann weitreichendere Folgen als eigentlich beabsichtigt.

„Dann wächst uns eine Menge an Aufgaben zu“, weiß Heinz-Günter Freck. Fröndenberg müsste auch ein eigenes Bauordnungsamt für die Bauaufsicht einrichten, man wäre Straßenverkehrsbehörde für die Gemeindestraßen und auch selbst Träger der Rettungswache.

Nur von der Pflicht, dann auch eine hauptamtliche Feuerwehr zu unterhalten, könne man sich zumindest befreien lassen. Wohl auch wegen dieser Folgen sind die Überlegungen für ein eigenes Jugendamt 2012 nicht weiterverfolgt worden.

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