Nach dem Tönnies-Skandal: Metzger Rafalcik hält den Fleischkonsum für viel zu hoch

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Der Tönnies-Skandal hat ein Schlaglicht auf die Fleischproduktion in Deutschland geworfen. Die Metzgerei Rafalcik schlachtete vor 30 Jahren noch selbst – EU-Bürokratie habe zur heutigen Massenschlachtung geführt.

Fröndenberg, Westick

, 24.07.2020, 18:41 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zeiten, da eine überschaubare Zahl von Kühen und Schweinen in die Höfe der Metzgereien getrieben worden sind, um dort geschlachtet zu werden – sie sind vorbei. Den Schritt zur Massenproduktion habe erst die EU-Bürokratie ermöglicht, kritisiert Metzgermeister Christian Rafalcik.

„In Werbeprospekten wird manchmal unter meinem Einkaufspreis Fleisch angeboten – da wird mir übel.“
Christian Rafalcik

Massenproduktion macht günstige Preise für wertige Produkte möglich. Bei Nahrungsmitteln wie dem Fleisch von Tieren ist dieser Zusammenhang besonders augenfällig. Massenproduktion hat aber eben auch ein Hygieneproblem offenbart wie bei der Großschlachterei Tönnies – das Coronavirus konnte sich rasch und eben auch massenhaft verbreiten.

Christian Rafalcik führt durch seinen Handwerksbetrieb – nichts anderes ist das Zerlegen und Verwursten, was seit Jahrzehnten an der Schillerstraße in Westick betrieben wird. Erst durch die Metzgerei Steinweger, seit 1985 durch Rafalciks Eltern Horst und Christel Rafalcik, seit 2007 durch den Sohn selbst.

Schon sein Vater habe vor 35 Jahren auf Fleisch aus der Region wert gelegt und eben auch noch selbst geschlachtet. Die Ringe, an denen die Tiere angekettet waren, stecken noch in der Hofwand.

Tiere kommen von regionalen Bauernhöfen

Fleisch- und Wurstwaren von Rindern, Schweinen, Hühnern oder Lämmern, die von regionalen Bauernhöfen oder einem Schäfer aus der Nachbarschaft stammen – das ist auch heute noch das Credo von Christian Rafalcik.

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Im Räucherschrank hängt die Mettwurst: In Zerlegebetrieb und Wurstküche arbeiten mit Chef Christian Rafalcik weitere fünf Mitarbeiter.

Im Räucherschrank hängt die Mettwurst: In Zerlegebetrieb und Wurstküche arbeiten mit Chef Christian Rafalcik weitere fünf Mitarbeiter. © Udo Hennes

In Westick zerlegen er, sein Meister Thomas Mau vier weitere Mitarbeiter Fleisch, das aus einem Schlachthof in Unna geliefert wird. Kürzer könnten die Wege nur dann noch sein, wenn auch an der Schillerstraße noch geschlachtet würde.

Christian Rafalcik dürfte das wohl noch, im Kreis Unna gebe es auch mindestens zwei Metzgereien, die noch selbst schlachten. Doch bereits sein Vater habe 1991 vor neuen EU-Richtlinien kapituliert, konnte die neuen hohen Anforderungen an die Hygiene nicht guten Gewissens und zu einem akzeptablen Aufwand gewährleisten.

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Hinter den Kulissen einer Metzgerei

Es kam die Zeit der großen Schlachtbetriebe, jedenfalls aber wurde die Hausschlachtung in den Fleischereien in der Stadt immer seltener. Es sei schon eine Ironie des Schicksals, dass EU, Bund und Länder einmal die Hygiene in ihrer Branche verbessern wollte und nun offenbar bei der Kontrolle versagte.

„Wenn es Auflagen gibt, muss man die auch konsequent überwachen“, sagt Benedikt Wittmann, Geschäftsleiter von Rafalcik.

30 Euro Schlachtkosten pro Tier

Letztlich habe ja auch die Entwicklung zur Massenproduktion den Unterbietungswettbewerb der Supermärkte und Discounter beim Fleisch ermöglicht. „In Werbeprospekten wird manchmal unter meinem Einkaufspreis Fleisch angeboten – da wird mir übel“, sagt Christian Rafalcik.

Auszubildender David Schulte kommt aus Hemer. Nachwuchs findet Christian Rafalcik zwar noch – aber die Azubis kommen von immer weiter her. Schulabsolventen fehle zudem heute immer häufiger Grundwissen in elementaren Fächern.

Auszubildender David Schulte kommt aus Hemer. Nachwuchs findet Christian Rafalcik zwar noch – aber die Azubis kommen von immer weiter her. Schulabsolventen fehle zudem heute immer häufiger Grundwissen in elementaren Fächern. © Udo Hennes

30 Euro Schlachtkosten pro Tier habe er – im Massenbetrieb seien es 10 Euro. Kunden macht er keinen Vorwurf. „Der Verbraucher ist geblendet. Das Fachgeschäft ist teuer – dieses Klischee kommt doch oft.“

Dagegen hält er die Preise in den Metzgereien schlicht für marktgerecht – ob beim Biofleisch oder – wie in seinem Fall – bei Fleisch aus regionaler Produktion. Da gehe es eben nicht nur um Fleischqualität, sondern auch um das Tierwohl.

Ein Vorteil: Rafalcik kennt die Landwirte persönlich

Das neue Tierwohllabel des Ernährungsministeriums brauche er gar nicht, weil er die Landwirte persönlich kenne und um die artgerechte Haltung wisse. Er merke, dass das Bewusstsein für einen schonenden Umgang mit der Kreatur wachse, der Zulauf an Neukunden sei spürbar.

Absicht oder Zufall: In einem Schaukasten in Westick gleich gegenüber von Rafalcik wird ein Vortrag beworben, in dem es um Tierfabriken geht ... – der Vortrag in Haus Villigst war übrigens irgendwann 2018.

Absicht oder Zufall: In einem Schaukasten in Westick gleich gegenüber von Rafalcik wird ein Vortrag beworben, in dem es um Tierfabriken geht ... – der Vortrag in Haus Villigst war übrigens irgendwann 2018. © Udo Hennes

»Wir sehen aber auch ein, dass der Fleischkonsum geringer werden muss.«
Christian Rafalcik

Auch die Qualen des Transports zum Schlachtbetrieb wollen nicht wenige den Tieren ersparen. Gerade von den sensiblen Schweinen weiß man, dass sie ihren letzten Weg oft unter hohem Stress bewältigen. Christian Rafalcik nickt. Auch mit diesem Problem habe er sich ernsthaft auseinandergesetzt. Bei Rindern sei der sogenannte Weideschuss bekannt: Die Tiere werden auf der Weide mit einem Bolzenschuss erlegt. Bei Schweinen könne er nur auf einen möglichst behutsamen Transport seines Landwirts vertrauen.

Der Metzger weiß: Hoher Fleischkonsum ist ungesund

„Wir sehen aber auch ein, dass der Fleischkonsum geringer werden muss“, bringt Christian Rafalcik dann einen für einen Metzger vermeintlich überraschenden Satz hervor. Ja, die Statistiken zeigten doch den viel zu hohen und damit ungesunden Konsum an tierischem Eiweiß. Niedrige Preise – mehr Verbrauch.

Er will nicht falsch verstanden werden. Natürlich könne man sich dann ja auch allein mit pflanzlichen Eiweißen ernähren. Wirft sich mit Benedikt Wittmann aber schmunzelnde Blicke zu – wenn es da nicht auch um den Genuss gehe ...

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