Friedrich Westhelle ist unsicher, wem er aufs Dach steigen muss: PE-Profilfüller, der zwischen Dach und Wand in den unterschiedlichsten Größen eingesetzt wird, bezieht der Unternehmer aus Fröndenberg-Altendorf seit vielen Jahren aus Nordostengland. Die Lieferung nach dem Jahreswechsel lässt auf sich warten. Liegt es am Brexit? © privat
Wirtschaft in Fröndenberg

Nach dem Brexit: Ware aus England ist für Fröndenberger Unternehmer „unauffindbar“

Das Geschäft mit Großbritannien lief für Friedrich Westhelle bislang rund: Der Unternehmer bezieht seit Jahren Produkte aus dem Nordosten Englands. Nach dem Brexit fehlt plötzlich jede Spur von einer Lieferung.

Der Brexit trat zum 1. Januar 2021 in Kraft, mit dem Austritt Großbritanniens aus der Zollunion mit der EU gelten neue Handelsregeln. Friedrich Westhelle befürchtet, ein frühes Opfer des Austrittsabkommens geworden zu sein.

»In der Regel ist die Ware vier Tage später bei mir.«

Friedrich Westhelle

In Altendorf führt Westhelle einen Vertrieb für sogenannte Profilfüller und Dachbänder. Seit 14 Jahren bezieht der Fröndenberger von einem Hersteller aus England seine Ware, die er in ganz Deutschland weitervertreibt.

Profilfüller werden zwischen Dach und Wänden eines Gebäudes eingesetzt, um den Zwischenraum abzudichten, landwirtschaftliche Betriebe oder auch Supermärkte setzen sie ein, um zum Beispiel ungebetenen Ratten keinen Unterschlupf zu bieten.

Unternehmer gerät bei seinen Kunden in Verzug

Sein Lieferant setzte am 8. Januar wieder Ware für den Kunden in Fröndenberg ab. Per Lkw geht es vom Nordosten Englands aus bis zur Küste nach Dover. Dort werden die Profilfüller bis Calais in Frankreich verschifft.

„In der Regel ist die Ware vier Tage später bei mir“, sagt Friedrich Westhelle. Seit Tagen wartet er nun nicht nur vergeblich auf das Eintreffen des Gutes. Von seinem Lieferanten hat er mittlerweile auch eine schlechte Nachricht erhalten.

„Die Ware ist in Deutschland unauffindbar“ habe sein Lieferant bei Nachforschungen erfahren. „Ist das Schikane? Hält der Zoll die Ware fest?“ Westhelle ist in den vergangenen Tagen immer ärgerlicher geworden, zumal er auf heißen Kohlen sitzt: Er kann die Liefertermine an seine eigenen Kunden nicht mehr einhalten. Er hat versucht, mit dem Hauptzollamt Dortmund Kontakt aufzunehmen. „Da kriegt man keinen.“

Zur Sache

Einfuhrwege in die EU

  • Wird Handelsware auf dem Luftweg von außerhalb der EU eingeführt, landen die Güter im Frachtzentrum Köln und werden dort zollrechtlich abgefertigt.
  • Kommen die Güter, zum Beispiel wie seit dem 1. Januar auch aus dem Vereinigten Königreich, per Schiff, Lkw oder Eisenbahn in der EU an, wird in der Regel im Zollamt des Grenzortes, wie etwa Calais in Frankreich, die Ware kontrolliert.
  • Wird ein Lkw mit Ware aus dem Nicht-EU-Ausland am Ausgangsort verplombt und erhält die bekannte T.I.R.-Tafel, kann er die Grenze passieren und wird erst am Zollamt des Bestimmungsortes abgefertigt.
  • Möglich ist zudem, dass Waren bis direkt in das Unternehmen „zugelassener Empfänger“ geliefert werden dürfen. Das Hauptzollamt entscheidet dann, ob es in der Firma noch eine Kontrolle durchführen muss.

Die EU hatte kurz vor Toresschluss noch ein neues Liefer- und Zollabkommen mit dem Vereinigten Königreich abgeschlossen, das zum 1. Januar 2021 in Kraft getreten ist. „In England hat man sich auf andere Lieferscheine eingestellt“, weiß Westhelle. In der EU etwa noch nicht? Das vielmehr vermutet Westhelle.

Andrea Münch, Pressesprecherin des Hauptzollamtes in Dortmund, sind Schwierigkeiten bei der Zollabfertigung nicht bekannt. Jedenfalls habe es bis zum Ende der vergangenen Woche „noch keinen Rückstau“ gegeben, sagt sie auf Nachfrage dieser Redaktion. Allerdings brächten sich die Zollbehörden noch in dieser Woche auf einen aktuellen Stand.

Zollämter bemerken noch „keinen Rückstau“

Die Zollämter hätten vorsorglich sogar mehr Personal in einem „Brexit-Pool“ zusammengefasst, um auf größere Probleme schnell reagieren zu können. „Es kamen aber bislang sogar weniger Waren an“, so Münch, das Personal aus dem Pool kam daher noch gar nicht zum Einsatz.

Es gebe viele Varianten, wie Waren in die EU eingeführt werden. Am Ende prüfe das Hauptzollamt Dortmund für seinen Zuständigkeitsbereich in den meisten Fällen, ob mit der Lieferung alles seine Richtigkeit habe.

Den konkreten Fall aus Fröndenberg kann sie nicht beurteilen. Friedrich Westhelle steht weiter vor einem Rätsel – zumal sein Liefergut sogar zollfrei eingeführt werden darf.

Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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Marcus Land
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