Muhende Kühe in der Schützenhalle und eine Königin von Schießmeisters Gnaden

dzSchützenfest Ruhrtal digital

Fünf Schüsse Salut werden es sein: So feiert der Schützenverein Ruhrtal in diesem Jahr sein Schützenfest. Das Coronavirus verändert alles. Eine muhende Kuh im Festzelt gibt es in Warmen aber schon lange nicht mehr.

Fröndenberg

, 17.07.2020, 20:07 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seelisch konnten sich die Schützen in Warmen, Frohnhausen und Neimen natürlich schon lange darauf einstellen: Auch ihr Fest, auf dem natürlich auch feucht-fröhlich und schunkelnd gefeiert wird, ließ die Pandemie nicht zu.

»Sorgt mal dafür, dass ich um acht einen Hofstaat habe.«
Uwe Kock, als er 1991 König wurde

Dennoch wirken Uwe Kock und Lothar Scheiter schon etwas bedröppelt, als die Rede auf das „Ersatzprogramm“ kommt: Schießmeister Scheiter wird am Freitagabend, wenn eigentlich Auftakt des Vogelschießens ist, fünf Schüsse Salut abfeuern und die Schützen in den drei Dörfern können sich auf Distanz zuprosten.

„Man muss jetzt irgendwas machen“, sagt Lothar Scheiter. Der wichtigste Termin des Jahres sollte nicht vorbeiziehen ohne einen Schützengruß gen Himmel. Aber was ist das schon im Vergleich zu den großen Zeiten, die der Traditionsverein in vielen Jahrzehnten erlebte.

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Der Zapfhahn bleibt trocken: Vorsitzender und Oberst Uwe Kock konnte wegen der Corona-Pandemie nicht zum Schützenfest ins Ruhrtal einladen.

Der Zapfhahn bleibt trocken: Vorsitzender und Oberst Uwe Kock konnte wegen der Corona-Pandemie nicht zum Schützenfest ins Ruhrtal einladen. © Udo Hennes

1927 spalteten sich die Ruhrtaldörfer von ihrem Mutterverein, den Schützen vom Kirchspiel Bausenhagen, ab. Danach zelebrierten sie in der Palz zwischen Neimen und Warmen ihre eigenen Feste. Noch bis weit in die 1980er-Jahre war das ganze Dorf auf den Beinen - das war hier nicht nur eine Floskel.

„Die Dorfgemeinschaft der Poahlbürger ist sehr eng“, erzählt Lothar Scheiter. Wer in einem der drei Dörfer aufgewachsen und auch geblieben ist, fühlt sich den alten Nachbarn sehr verbunden. Einen starken Ausdruck fand das Zusammengehörigkeitsgefühl immer im Festzug.

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So feierte das Ruhrtal seit 1927 Schützenfest

Der Schützenverein Ruhrtal Warmen-Frohnhausen-Neimen kann 2020 wegen der Corona-Pandemie kein Schützenfest feiern - dafür blickt er in die Historie des Vereins.
17.07.2020
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Freies Vogelschießen im Feld - damals, vor 1980, gab es auch noch Festzelte.© privat
Festzug 2018© Marcus Land
2008 wird stolz die Kinderfahne getragen.© Marcus Land
Après Ski 2019© Marcus Land
Vogelschießen 2018© Marcus Land
Die Frauenkompanie 1994© Marcus Land
Der König von 1933 Leopold Krämer mit Toni Schlüter an seiner Seite© privat
Zu Pferde, auch das gab es - hier: Clemens Hoeppe.© privat
Schon frühzeitig wurde im Ruhrtal auch Kinderschützenfest gefeiert.© privat

„Da ist jeder hingerannt“, weiß Uwe Kock noch; der Oberst ist einer dieser Poahlbürger. Bald 200 Leute allein aus den Dörfern marschierten in den großen Zeiten im Schützenumzug mit, neben Hofstaat und Kompanien wohlgemerkt.

Da setzte man sich die alte Mütze aus der eigenen aktiven Zeit auf oder ging auch komplett in Zivil mit. Heute sind es vielleicht noch 40, die als Fußvolk mitmarschieren.

Zugezogene pflegen Brauchtum oft nicht

„Es ist viel gebaut worden“, sagt Lothar Scheiter, sieht darin mit einen Grund für die nachlassende grün-weiße Begeisterung. „In Bausenhagen ist auch gebaut worden“, ergänzt Uwe Koch. Beide kennen den Unterschied: In Warmen, Frohnhausen und Neimen sind viele Großstädter zugezogen, die mit dem Schützenwesen nicht ganz so viel anzufangen wissen. In Bausenhagen haben häufig die Kinder aus dem Dorf gebaut und pflegen das Brauchtum weiter.

Eine schöne Bar haben sie auch in Warmen: Doch Lothar Scheiter, 2. Vorsitzender des Schützenvereins Ruhrtal, sperrt sie in diesem Jahr wohl nicht mehr auf.

Eine schöne Bar haben sie auch in Warmen: Doch Lothar Scheiter, 2. Vorsitzender des Schützenvereins Ruhrtal, sperrt sie in diesem Jahr wohl nicht mehr auf. © Udo Hennes

Info

Wer hat noch alte Fotos von Majestäten?

  • Der Schützenverein Ruhrtal verfügt über eine fast komplette Bildergalerie sämtlicher Schützenkönige seit 1927.
  • Leider fehlen in der Galerie die Majestäten aus den Jahren 1927 (Theodor Knieper und Elisabeth Becker, 1928 (Josef Scheiter und Elisabeth Strotkötter), 1929 (Franz Horenkamp und Maria Struck), 1931 (Heinrich und Käthe Nolte) und 1950 (Heinrich Wix und Änne Diefenbach), 1951 (Wilhelm Schlüter und Anna Gemke).
  • Fehlende Königsbilder möchten bitte an info@schuetzenverein-ruhrtal.de geschickt werden.

Wehmut wäre aber nicht angebracht. Dafür wussten und wissen sie im Ruhrtal immer noch viel zu gut zu feiern. Allerdings war es in früheren Zeiten schon ein wenig spezieller als heute ...

Beim Dorfabend, den es längst so nicht mehr gibt, hatte die neue Majestät stets für gute Unterhaltung zu sorgen. Und das gelang meistens ziemlich gut. Unvergessen, wie Clemens Ostermann flatterndes Federvieh mitbrachte, Könige aus dem Kaninchenzuchtverein ließen die Langohren hoppeln und Norbert Wellie brachte seine Kuh vor schenkelklopfendem Publikum zum Muhen.

Hofstaat-Stress nach dem Vogelschießen

Als sich Uwe Kock 1991 selbst zum König geschossen hatte, gab er mit Schubkarre und Ziegelstein in der Schützenhalle den eifrigen Häuslebauer. Viel stressiger war es vor seiner Krönung: Weil es damals samstags noch den straffen Zeitplan gab, er den Vogel aber erst um 19.20 Uhr von der Stange holte und die Proklamation schon um 20 Uhr anstand, musste er handeln: „Sorgt mal dafür, dass ich um acht einen Hofstaat habe“, rief er den Schützen zu und machte sich daheim noch schnell frisch.

Im Ruhrtal haben sie sich in der Vergangenheit immer etwas Besonderes einfallen lassen: Beim Kinderschützenfest wurde viele Jahre lang auf bunte Glühbirnen geworfen - die waren mit Drähten verbunden, die den Holzvogel festhielten ...

Im Ruhrtal haben sie sich in der Vergangenheit immer etwas Besonderes einfallen lassen: Beim Kinderschützenfest wurde viele Jahre lang auf bunte Glühbirnen geworfen - die waren mit Drähten verbunden, die den Holzvogel festhielten ... © Udo Hennes

»Du musst sowieso repräsentieren, also hol‘ das Ding auch ganz runter ...«
Lothar Scheiter, 2013 zu Vize-Königin Marianne Scheiter

Das Programm entzerrten sie danach schnell. Den Frühschoppen montags gab es früher auch noch, als sogar alle Betriebe in Warmen ihren Mitarbeitern arbeitsfrei gaben. Das ist vorbei. Was sicherlich neben weniger werdenden Poahlbürgern auch schlicht an den zunehmenden Freizeitalternativen liegt.

Über vieles ist auch die Zeit hinweg gegangen: Moden Rieckenbrauck, die sonntags extra von 10 bis 11 Uhr öffneten, damit die Damen ihre Kleider aussuchen konnten, hat lange geschlossen.

Erste Frauenkompanie in der Region

Apropos weibliches Geschlecht: Stolz sind sie im Ruhrtal, dass unter anderem Luzie Schröter und Brunhilde Jolk 1979 die erste Frauenkompanie in der Region durchsetzten - ganz ohne Quotenregelungen.

Mit einer Frau ist auch ein besonderes Schützenfest verknüpft. Fällt der Vogel bei einem - natürlich versehentlichen - Doppelschuss, ist das Ergebnis klar. „König wird immer, wer rechts steht“, sagt Lothar Scheiter lachend.

Doch 2013 wollte der Korpus partout nicht fallen. Eigentlich wird dafür bis in die Puppen angelegt. Die Geduld war dann am Ende und Lothar Scheiter sagte zu seiner entfernten Cousine Marianne, die schon die Krone heruntergeholt hatte und damit bereits neue Vize-Königin war: „Du musst sowieso repräsentieren, also hol‘ das Ding auch ganz runter ...“.

Zur Person

Königsjubilare und Ehrungen 2020

  • Königsjubilare:
  • 10 Jahre - Wolfgang Schlächter, Melanie Schlächter
  • 25 Jahre - Willi Brüne (verstorben), Ingrid Schmidt (verstorben)
  • 40 Jahre - 1980 Hartwig Siepmann (verstorben), Anneliese Balster
  • 50 Jahre - Ernst Ladwig (verstorben), Margarete Weber (verstorben)
  • 10 Jahre Mitgliedschaft: Detlef Smollich, Michael Tillmann, Dennis Thiele, Elena Thiele, Frank Schmitt, Tobias Wellie
  • Mitgliedschaft:
  • 25 Jahre: Friedrich Schenk, Egon Krause, Clemens Niklas, Christopher Pott, Kevin Jolk
  • 40 Jahre: Christel Schulte, Brunhilde Jolk, Horst Freiberger, Christel Günther, Margarethe Schulz, Marlies Neuhaus, Marianne Scheiter, Luzie Schröter
  • 50 Jahre: Willi Hoffmeier, Norbert Wellie, Hubert Stute, Hubert Schomaker
  • 60 Jahre: Werner Borchel
  • 70 Jahre: Willi Schlüter

Der Schützenverein ist dankbar dafür, dass Dorfgemeinschaft und Betriebe auch im Corona-Jahr fest zusammenhalten. Für das Schützenfest-Paket hat neben dem Verein, der Eis und Bier sponserte, die Firma Ostermann Eier, die Firma Wellie Käse und die Bäckerei Klein Blumen gespendet.
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