Nicole Bieri will nicht länger schweigen: Nachdem ihre Tochter in der Grundschule massivem Mobbing ausgesetzt war, will die Mutter aus Fröndenberg jetzt ein Netzwerk für Betroffene gründen.

Fröndenberg

, 18.07.2019, 10:18 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sieben Jahre alt war Nicole Bieris Tochter, als sie in der Schule gemobbt wurde. Was das mit ihrer kleinen Tochter gemacht hat, hat Nicole Bieri vor einigen Wochen unserer Redaktion erzählt – anonymisiert, um sich und ihre Familie zu schützen. Doch die Reaktionen auf den Bericht waren so groß, dass Nicole Bieri sich jetzt entschieden hat, ganz offensiv an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit der Gründung eines Netzwerks für Betroffene hofft sie, etwas bewegen zu können. Unterstützung bekommt sie von Thorsten Haase vom Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst „Löwenzahn“, der die Familie Bieri seit einigen Jahren betreut.

Jetzt lesen

Vor einigen Wochen haben Sie uns die Geschichte Ihrer Tochter erzählt. Was ist seitdem passiert?

Nicole Bieri: Obwohl mein Name in dem Bericht nicht genannt wurde, habe ich sehr viele Reaktionen von Menschen bekommen, die Ähnliches erlebt haben. Offenbar ist das Problem schon im Kleinen viel größer als gedacht. Fast zeitgleich wurde die Studie der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht, die zeigte, dass ganz viele Kinder schon in der Grundschule gehänselt und gemobbt werden, also genau das, was meiner Tochter passiert ist. Ich glaube, dass es sehr viele Eltern gibt, die sich in dieser Situation befinden und nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Deswegen habe ich mich entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen und ein Netzwerk für Betroffene zu gründen.

Kontakt

Betroffene können sich melden

  • Nicole Bieri und Thorsten Haase möchten mit einem gemeinsamen Netzwerk von betroffenen Eltern, deren Kinder gemobbt werden, ein Forum schaffen. Austausch, Erfahrungen und Informationen zu der Mobbing-Situation stehen dabei im Vordergrund.
  • Unterstützung von schulseelsorgerischen Mitarbeitern und Betreuungsdiensten haben sie bereits zugesagt bekommen. Ausdrücklich offen ist das Netzwerk auch für Lehrer. „Ein Gegeneinander von Schule und Eltern hilft hier niemandem“, sagt Thorsten Haase.
  • Wer sich für das Netzwerk interessiert, kann sich über die folgende E-Mail-Adresse an Nicole Bieri wenden: buchstabenstark@gmx.de

Was erhoffen sie sich von einem solchen Netzwerk?

Nicole Bieri: Wir Betroffene können uns gegenseitig stärken, Erfahrungen austauschen. Ich weiß, wie wichtig das ist, denn ich habe einen Sohn, der lebensverkürzend erkrankt ist; ich bin eine Hospizmutter. Wir Hospizmütter tauschen uns untereinander aus. Manchmal tut es auch einfach gut, eben nicht nur über dieses eine Thema zu reden. Gleichzeitig kann so ein Netzwerk aber auch viel bewirken: Jeder profitiert von den Erfahrungen des anderen.

Ihre Tochter wurde in der ersten Klasse massiv gemobbt. Mittlerweile geht sie auf eine andere Schule, wird therapeutisch betreut. Ist damit alles gut?

Nicole Bieri: Es ist eben nicht alles gut. Und genau deswegen braucht es meiner Meinung nach auch so ein Netzwerk. Die Kinder nehmen das mit. Meine Tochter befindet sich in einem permanenten Kampf mit ihrer Umwelt. Das betrifft uns als Eltern und auch ihre Geschwister. Sie trägt eine wahnsinnige Wut in sich. Sie hat ein gebrochenes Herz und eine zerstörte Seele. Sie versteht es immer noch nicht, was passiert ist. Das fordert uns permanent und wir haben es selbst auch noch nicht begriffen.

„Die Lehrer brauchen Unterstützung, sie müssen gestärkt werden. Mobbing in den Griff zu bekommen, das funktioniert nur zusammen.“
Nicole Bieri

Wenn Sie zurückdenken an die konkreten Situationen, wie mit der Situation Ihrer Tochter an der Schule umgegangen wurde, was würden Sie sich da wünschen, was besser laufen könnte?

Nicole Bieri: Meiner Meinung nach müssen vor allem die Lehrer gestärkt werden, damit sie in so einer Situation nicht alleine da stehen. Es muss ein verbindliches Notfallmanagement an jeder Schule geben, das dann sofort greift.
Thorsten Haase: Wenn ich als Lehrer den Zeitpunkt verpasse, an dem ich in einem solchen Fall intervenieren muss, dann kippt das Ganze. Der Umgang mit den Eltern der Täter ist das Entscheidende.

Können Sie das konkretisieren?

Thorsten Haase: Niemand möchte, dass das eigene Kind ein Täter ist. Da geht es um das Selbstbild der Eltern. Dabei ist da ein Kind, das seine Grenzen testet – und erst die Reaktion der Eltern schafft diese Situation, dass es zum Täter wird.
Nicole Bieri: Das ist ja genau das, was mir Angst macht. Wenn Kinder von ihren Eltern keine Empathie mehr lernen und in ihrem Verhalten sogar noch bestärkt werden, nur damit das Idealbild, das ich von mir selbst und meinem Kind habe, nicht ins Wanken gerät.

Welche Rolle spielen die Lehrer in Ihrem geplanten Netzwerk?

Nicole Bieri: Eine große Rolle. Ohne sie geht es nicht. Das Netzwerk soll auf keinen Fall gegen die Schulen oder Lehrer gerichtet sein, weil sie versagt hätten, im Gegenteil. Die Lehrer brauchen Unterstützung, sie müssen gestärkt werden. Mobbing in den Griff zu bekommen, das funktioniert nur zusammen.

„Vielleicht ist es heutzutage ein Stück weit in Vergessenheit geraten, dass Erziehung den Erziehenden wehtun kann.“
Thorsten Haase

Thorsten Haase: Wenn Eltern sich plötzlich in der Situation wiederfinden, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird, dann vertrauen sie reflexartig erstmal auf den Lehrer. Wenn er aber nicht richtig und vor allem nicht rechtzeitig handelt, dann kippt die Situation, dann ist der Punkt verpasst, an dem man längst weitere Instanzen hätte einschalten müssen, den Schulleiter oder eine Schulpsychologin. Wenn Lehrer durch Eltern eingeschüchtert werden und deswegen nicht rechtzeitig reagieren, ist das gefährlich. Dann kommt Hilfe für das gemobbte Kind zu spät.
Nicole Bieri: Das ist ja genau das, was bei uns passiert ist. Ich war davon ausgegangen, dass der Klassenlehrer meiner Tochter nach den Vorfällen auch sofort die Schulleitung informiert. Das ist aber nicht passiert. Und dass es an der Schule sogar eine Sonderpädagogin gegeben hätte, habe ich erst erfahren, als meine Tochter schon die Schule gewechselt hatte.

Wer trägt denn ihrer Meinung nach die Schuld, wenn Kinder andere Kinder mobben? Eltern, Lehrer, die Kinder selbst?
Thorsten Haase: Hinter Schulmobbing steckt fast immer Erziehungsversagen. Es gibt keine „Täterkinder“, nur Kinder, die Grenzen testen. Eltern müssen Grenzen setzen. Vielleicht ist es heutzutage ein Stück weit in Vergessenheit geraten, dass Erziehung den Erziehenden weh tun kann.
Nicole Bieri: Ich habe die Kinder, die meine Tochter gemobbt haben, nie als Täter gesehen. Dahinter steckt ein Selbstbild der Eltern, zu dem es nicht passt, dass das eigene Kind so etwas macht.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Entwicklungshilfe

Sauberes Trinkwasser: Stiftung von Neven Subotic erhält Hilfe aus Fröndenberg

Hellweger Anzeiger 365-Euro-Ticket

Bus und Bahn für einen Euro am Tag: Billig allein reicht nicht für die Verkehrswende

Hellweger Anzeiger Abwassersatzung

Wieder Ärger über Abwassergebühr: „Nachmieter zahlen Rechnung von Dauerduschern“

Hellweger Anzeiger Gottesdienstordnung

Katholiken sollen vier Messen feiern können – doch eine Kirche bleibt kalt

Meistgelesen