30 Prozent der Fichten im Forstbetriebsbezirk Unna sind den Schädlingen bereits zum Opfer gefallen. Wahrscheinlich müssen 2019 und 2020 50 bis 60 Prozent der gesamten Population gefällt werden.

Fröndenberg

, 18.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Viel Arbeit, die Matthias Müller in den vergangenen Jahren geleistet hat, war vergebens: „Es wird sich alles ändern“, sagt der Revierförster von Wald und Holz NRW. Damit meint er das Bild des Waldes – in Fröndenberg, im Kreis Unna sowie in vielen Teilen Deutschlands. Schuld daran tragen ein kleines Krabbeltier, das kaum größer als einen halben Zentimeter wird, und der Dürresommer 2018.

Der Buchdrucker, im Volksmund als Borkenkäfer bekannt, ist ein Käfer der sich durch die Rinde in Fichten frisst. Das Klima im vergangenen Jahr spielte den Insekten in die Karten. Nun müssen die im Herbst 2017 erst aufwendig durchforsteten Fichtenstreifen in Fröndenberg nach und nach kahl geschlagen werden. Und das Holz der Bäume findet kaum noch Absatz. Für Waldbauern ein großer Verlust.

Mit Video: Immer mehr Fichten sterben nach Borkenkäfer-Befall

8.500 Festmeter Fichte sind in Fröndenbergs Wald allein durch den Sturm Friederike zerstört worden. © Hornung

Immer mehr Bäume fallen dem Borkenkäfer zum Opfer

Die Verlust in Zahlen

Acht- bis neunmal so viel Fichte eingeschlagen wie üblich

  • Durch den Sturm Friederike wurden 8.500 Festmeter Fichte zerstört.
  • Durch den Borkenkäfer wurden 2018 und 2019 weitere 2.500 Festmeter zerstört.
  • 11.500 Festmeter Schadholz wurden bisher aufgearbeitet. Rund 80 Prozent davon konnten verkauft werden.
  • Aktuell werden 1.500 Festmeter aufgearbeitet.
  • Ein Nachhaltiger Hiebsatz liegt bei 1.500 Festmetern pro Jahr. Es wurde in den vergangenen 1,5 Jahren also acht- bis neunmal so viel Fichte gefällt, wie es bei gesunden Bäumen üblich gewesen wäre.
  • 50 bis 60 Prozent der Fichtenfläche und mehr könnten in den nächsten Jahren verloren gehen.

Dort, wo der Sturm Friederike ohnehin schon erhebliche Schäden angerichtet hatte, machte sich anschließend der Borkenkäfer breit. Den Bäumen fehlte die Flüssigkeit, um sich mit Harzbildung gegen den Käfer zu wehren. Und der Schädling fühlte sich bei dem Wetter pudelwohl. Auch den Winter haben die Borkenkäfer gut überstanden. Ein Baum nach dem anderen fällt den Insekten nun weiterhin zum Opfer. In den Schneisen, die Sturm Friederike Anfang 2018 im Waldgebiet westlich des Golfplatzes Gut Neuenhof geschlagen hatte, und an den Forstwegen stapelten sich Ende 2018 die Stämme der gefällten Fichten. Auch jetzt, ein halbes Jahr später, bietet sich der gleiche Anblick. Inzwischen sind es neue Bäume. Und der nächste Befall ist schon gesichtet.

Matthias Müller steht die Verzweiflung mit Blick auf die jüngsten Entdeckungen ins Gesicht geschrieben: Er zeigt auf eine Reihe Fichten, die augenscheinlich gesund ist. Noch sind die Spitzen grün. Doch wer näher an die Bäume herantritt, braucht nicht lang suchen, um die wenige Millimeter breiten Löcher der ersten Borkenkäfer zu entdecken, die hier ihren Hunger stillen. An vielen Löchern befindet sich kein Harz. Das bedeutet: Die Bäume wehren sich nicht mehr.

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In den Rinden der Fichten, die offensichtlich gesund sind, kann jeder die Löcher des Borkenkäfers entdecken. © Hornung

Die Fichten in Fröndenbergs Wald können kaum gerettet werden

„Eigentlich hatten wir versucht, diese Fichten zu retten“, sagt Müller enttäuscht. Doch das Abholzen der befallenen Bäume darum herum erzielte nicht die gewünschte Wirkung. Der Befall breitet sich weiter aus; der Schädling ist inzwischen so hungrig, dass er sich nicht mehr nur seine Leibspeise schmecken lässt, sondern auch andere Nadelbäume befällt. Da hilft es kaum noch, dass der Waldbesitzer nun Pheromon-Fallen aufgestellt hat, die verschiedene Schädlinge locken.

Spaziergänger würden sich beschweren, fälschlicherweise glauben, dass gesunde Bäume abgeholzt werden, so Müller. Zum einen müssten die Bäume weg, beteuert der Förster, zum anderen könnten die Waldbesitzer kein Geschäft mehr damit machen. Der Markt ist gesättigt, der Preis für Fichtenholz um die Hälfte gesunken. Der minimale Gewinn durch den Verkauf fließt in die Pflege der Aufforstung.

Die Aufforstung der Schäden mit Mischbestand hat bereits begonnen

So ärgerlich die Schäden sind: Für den Forstbetrieb gilt es nun, nach vorne zu blicken. Die ehemaligen Fichtenstreifen werden mit Mischbestand aufgeforstet. Dabei seien die Probleme keinesfalls auf Monokulturen zurückzuführen, erklärt Müller. „Im Bereich Fröndenberg werden seit Jahrzehnten Mischbestände aufgeforstet.“ Der Wald soll möglichst kahlschlagsfrei in einen strukturreichen Dauerwald mit verschiedenen Mischbaumarten gewandelt werden. Dazu werden nicht nur neue Bäume gepflanzt. Auch die natürliche Verjüngung wird – wo es passt – gefördert. Das dauert allerdings 50 bis 100 Jahre.

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Revierförster Matthias Müller ist nun dafür zuständig, dass der Wald aufgeforstet wird. Unter anderem mit Rotbuchen. © Hornung

Rotbuchen, Lärchen oder Stileichen sind gesetzt und können, wenn es nicht zu trocken wird, in den kommenden Jahren kräftig wachsen. „Es wird wieder, aber es wird anders“, sagt Matthias Müller. Nachdem rund 30 Prozent der Fichten im Forstbetriebsbezirk des Kreises Unna bereits verschwunden sind, werden es bis Ende 2020 voraussichtlich 50 bis 60 Prozent sein. Es sei schwer einzuschätzen, wie es mit der Käferplage weitergeht. Deshalb wird vorerst nicht mehr mit Fichten aufgeforstet.

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Auch Eichen und Lärchen gehören zu den Arten, mit denen der Wald wieder aufgebaut wird. Bis sich über den Lichtungen ein Blätterdach schließt, wird es einige Jahre dauern. © Hornung

Gesunder Mischwald ist eine Wissenschaft für sich

Aber auch Laubbäume haben Feinde im Wald: Einigen Arten macht nicht der Holzbock, sondern ein Säugetier, der Rehbock, zu schaffen. Sie werden „gefegt“. Bedeutet: Die Böcke reiben daran die Basthaut von ihren Geweihen. Damit markieren sie auch ihr Revier. An machen Baumarten fegt das Wild besonders gerne, um andere macht es einen Bogen. Außerdem futtern die Rehe gerne junge Bäume. „Die unteren Triebe können sie abknabbern, das ist kein Problem“, weiß Müller. Aber der Haupttrieb muss bestehen bleiben. Sonst „verbuschen“ die Bäume. Deshalb werden die jungen Bäume in einer Größe gepflanzt, bei der Rehe nicht mehr von oben abbeißen können.

Zudem müssen die Forstwirte dichte Bodenpflanzen wie den Adlerfarn in Zaum halten. Wird er zu hoch, überwuchert er kleine Bäume, die dann nicht mehr genug Licht zum Wachsen haben. Wo durch Abholzen Platz für Naturverjüngung geschaffen wird, muss zudem klug überlegt werden. Einen gesunden Mischwald zu erzeugen, ist also eine Wissenschaft für sich – aber das erklärte Ziel von Matthias Müller.

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Matthias Müller zeigt ein gesundes Waldstück: Hier gibt es ein Mischung aus alten Bäumen, Naturverjüngung und verschiedenen Baumarten. © Hornung

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