Der Rücktritt von Pfarrer Norbert Wohlgemuth hat ihn kalt erwischt: Marcel Karas aus dem Leitungsteam der Messdiener verrät drei Tage nach dem Paukenschlag, was gerade die Jüngeren an dem Geistlichen hatten.

Fröndenberg

, 01.08.2019, 17:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Plötzlich kommt Norbert Wohlgemuth auf dem Rad angefahren. Der Mann, der jetzt Ex-Pfarrer von St. Marien ist, erkennt Marcel Karas, steigt ab, und die beiden nehmen sich in den Arm. Wohlgemuth klopft dem 20-Jährigen kräftig auf die Schultern: „Das ist ein toller Kerl!“

Norbert Wohlgemuth wirkt gelöst, plaudert freiweg

Wohlgemuth wirkt gelöst. Plaudert freiweg. Er wird erkannt auf dem Markt. Grüßt freundlich zurück. Und lobt wieder und wieder, wie engagiert sich Marcel Karas in der Gemeinde einsetze. Dann entschuldigt er sich ganz höflich für die Störung und radelt davon. Kommt aber nicht weit. „Sehr schade“, hört man von Weitem einen Mann zu Norbert Wohlgemuth sagen.

Messdiener dankt Pfarrer Wohlgemuth: Er gab Ansporn, in der Kirche Neues zu wagen

Zu seinen Sitzungen kommt der Pfarrgemeinderat meistens im Pfarrzentrum St. Marien zusammen. Marcel Karas hat sich in den vergangenen Monaten dafür eingesetzt, dass den Jugendlichen in der Gemeinde mehr Angebote gemacht werden. © Marcus Land

– Die Herzlichkeit bei diesem zufälligen Aufeinandertreffen mit dem Messdiener Marcel Karas am Mittwochmorgen zeigt, welch starkes Verhältnis der Pfarrer in seiner nur gut zweijährigen Amtszeit in Fröndenberg gerade auch zu der jüngeren Generation in der Katholischen Kirchengemeinde aufgebaut hat.

»Ich habe großen Respekt davor, dass er sich dafür entschieden hat, dass er sich nicht verstellt.«
Marcel Karas (20)

Marcel Karas ist ein sehr überlegter Mensch. Er hält kurz inne bei der Frage, was er über den Schritt von Norbert Wohlgemuth denkt. „Ich habe großen Respekt davor, dass er sich dafür entschieden hat, dass er sich nicht verstellt“, sagt der Student.

Die Heilige Messe am Sonntag, in der Wohlgemuth seinen Rücktritt wegen seiner Seelenleiden, Einsamkeit infolge des Zölibats und wegen verkrusteter Machtstrukturen in der Kirche bekanntgab, hatte Marcel Karas nicht mitgefeiert.

Erst in der WhatsApp-Gruppe des Pfarrgemeinderates fand er die vierseitige Rücktrittserklärung. „Traurig und entsetzt“, sei er nach dem Lesen gewesen, sagt Marcel.

Messdiener dankt Pfarrer Wohlgemuth: Er gab Ansporn, in der Kirche Neues zu wagen

Am Ende der Heiligen Messe anlässlich des goldenen Priesterjubiläums von Georg Toborek hatte Norbert Wohlgemuth (l.) am vergangenen Sonntag seinen überraschenden Rücktritt als Pfarrer von St. Marien verkündet. © Dominik Pieper

Norbert Wohlgemuth überzeugte Marcel Karas vor eineinhalb Jahren, für den Pfarrgemeinderat zu kandidieren. In dem Gremium dominierten da noch die älteren Semester. Mit seinem Amtsantritt in Fröndenberg habe der neue Pfarrer aber frischen Wind verbreitet. „Er hat den PGR komplett umgekrempelt“, erzählt Marcel, und: „Er hat Mut gemacht, sich für Neues einzusetzen.“

Die Freiheiten nutzte Marcel Karas. Gemeinsam mit Gemeindereferentin Mona Schomers überlegte er sich Neues wie „Rock am Kirchturm“. Das offene Denken in der Kirchengemeinde schlug sich auch bei den Messdienern nieder. Dort gehört Marcel Karas zum Leitungsteam.

»Wenn man begreift, dass da etwas nicht christlich ist – dann sollte man es ändern. Und wenn Menschen sogar geschadet wird, kann man damit nicht warten.«
Marcel Karas

Von gerade 15 auf jetzt 60 Ministranten wuchs die Gruppe in Wohlgemuths Ära.

„Er hatte ein offenes Ohr für alle, hat sofort alle Namen gelernt“, beschreibt Marcel Karas, wie wichtig dem Pfarrer der Einzelne in der Gemeinde war.

Über die Dinge, die Norbert Wohlgemuth an der römisch-katholischen Kirche kritisiert, werde auch in der Fröndenberger Gemeinde ganz offen diskutiert. Als logisch denkender Mensch, sagt der Physik-Student, erwarte er, dass negative Entwicklungen aufgehalten werden: „Wenn man begreift, dass da etwas nicht christlich ist – dann sollte man es ändern. Und wenn Menschen sogar geschadet wird, kann man damit nicht warten.“

Auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt – diese Kritik klingt wie zugeschnitten auf das Schicksal Norbert Wohlgemuths.

Laien haben auch in der katholischen Kirche viele Spielräume

Die Rolle der Geschlechter etwa in der katholischen Kirche, findet der junge Mann, sei überhaupt nicht begründbar. Die Kirchenoberen beriefen sich auf biblische Texte, die in einem ganz anderen gesellschaftlichen Klima entstanden seien.

Dennoch mag Marcel Karas, der gläubige Katholik, bei all ihrer Rückständigkeit seine Kirche nicht verlassen. Denn im Kleinen habe er wie alle Laien in der Kirche viele Spielräume, um jene Gemeinschaft zu leben, die man sich als Ideal vorstellt. Aneinander zuhören, Politik kritisieren, Flüchtlingen helfen, Messdiener an den Glauben heranführen – ob der Bischof nun seinen Job schlecht mache oder der Papst dies oder jenes verkünde: „Ich finde es wichtiger, hier anzupacken“, sagt Marcel Karas.

Messdiener dankt Pfarrer Wohlgemuth: Er gab Ansporn, in der Kirche Neues zu wagen

Marcel Karas engagiert sich im Leitungsteam der Messdiener des Pastoralverbundes St. Marien. Obwohl der Hohenheider in seiner Freizeit eher nach Unna orientiert ist, zieht es ihn kirchlich in die Fröndenberger Stadtmitte. © Marcus Land

Tatsächliche oder vermeintliche Fehler der Institution Kirche berührten schließlich seinen ganz persönlichen Glauben nicht. Er akzeptiere zwar völlig, wenn sich Menschen abwendeten und aus der Kirche austreten. Er halte aber selbst mehr davon, Kirche von innen heraus zu verändern. „Es ist doch wie mit der Demokratie“, findet Marcel ein interessantes Beispiel, „da möchte ich doch auch nichts komplett Neues haben, sondern sie verbessern.“

Zur Sache

Pfarrgemeinderat als Gremium der Laien

  • Der Pfarrgemeinderat hat die Aufgabe, in allen Fragen, die die Pfarrgemeinde betreffen, beratend oder beschließend mitzuwirken.
  • Das kurz PGR genannte Gremium ist eine Besonderheit der katholischen Kirche in Deutschland.
  • Den Laien in der katholischen Kirche wird damit ein Mitspracherecht eingeräumt, etwa bei Caritas, Eine-Welt-Projekten, Flüchtlingshilfe oder Pfarrfesten.
  • Dagegen ist der Kirchenvorstand für die Finanz- und Personalangelegenheiten in den katholischen Kirchengemeinden zuständig.

In Polen, wo seine Großmutter lebt, gebe es zumindest auf dem Dorf bis heute nur Jungen als Messdiener. Da sei seine Kirche in Deutschland schon recht fortschrittlich, räumt Marcel ein. Mehr noch: „Wir sind auf dem richtigen Weg – zumindest hier in Fröndenberg“, gibt er sich überzeugt – und liegt damit ganz auf der Linie von Norbert Wohlgemuth, der betont hatte, dass die Basis schon viel weiter sei als die Kirchenspitze.

Weil er nicht wusste, ob er Norbert Wohlgemuth in nächster Zeit überhaupt noch treffen würde, hatte er sofort am Montag eine Schokolade für ihn im Pfarrbüro hinterlegt. Einfach Danke sagen wollte er mit dieser bescheidenen Geste.

Das Gespräch endet mit ein wenig Wehmut, aber auch mit viel Zuversicht in Marcel Karas‘ Worten: „Für mich ist es Ansporn, weiter so zu arbeiten. Ich habe viel gelernt von ihm. Wir kriegen das schon irgendwie hin.“

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