In Fröndenbergs Marktplatz fließt eine knappe Million für seine Umgestaltung - mit Wasserspiel und ohne Straßenquerung. Das Bauvorhaben wird der vorläufige Schlusspunkt unter eine wechselvolle Geschichte sein.

Fröndenberg

, 28.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Kürzlich gab es grünes Licht aus Düsseldorf: 710.000 Euro gibt es vom Land für die Marktgestaltung. Zusammen mit den Eigenmitteln der Stadt sollen 975.000 Euro für mehr Aufenthaltsqualität an dem zentralen Ort sorgen: mit Wasserspiel, Sitzbänken und Blumenrabatten, aber ohne Straßenquerung.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Der Marktplatz soll voraussichtlich ab Frühjahr 2020 umgestaltet werden. Stadt und Land nehmen dafür eine knappe Million Euro in die Hand. © privat

Marktplatz entwickelte sich erst sehr spät zum Platz

Mit dieser knappen Million bringt die Stadt eine wechselvolle Geschichte des Fröndenberger Marktes zum vorläufigen Abschluss. Was schon heute oft als „unsere gute Stube“ bezeichnet wird, hat sich sehr spät erst überhaupt zu einem Platz entwickelt und ließ bis vor 25 Jahren ein längeres Verweilen noch gar nicht zu.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Der künftige Marktplatz: Planerin Susanne Weihrauch vom Büro [f] landschaftsarchitektur hat mit ihren Entwurf den freiraumplanerischen Wettbewerb gewonnen. © Büro [f] landschaftsarchitektur

Wie auch immer man zu Brunnen, Wasserläufen und Lichtbändern in der Innenstadt steht - dass Kraftfahrzeugverkehr weiter zurückgedrängt wird und künftig der Markt noch mehr als bislang von den Fröndenbergern mit Kind oder Hund, mit Rollator oder im Rollstuhl erobert werden kann, folgt im Grunde einer logischen Entwicklung, die gewollt oder nicht gewollt dem Nerv der Zeit entspricht.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Auf dieser Ansichtskarte ist der Marktplatz im Jahr 1905 zu sehen. Auf der Südseite steht erst das damalige Wollwarengeschäft Casack, östlich das spätere Café Schulte, die heutige Stadtbücherei und Buchhandlung. © Land

Dabei spielten sich Handel und Kommunikation vor Jahrzehnten und Jahrhunderten in Fröndenberg noch an ganz anderen Plätzen als auf dem Markt ab.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Diese Ansichtskarte zeigt den Blick auf den Marktplatz nach Süden mit dem früheren Wollwarengeschäft und Druckerei Casack, in dem heute das Café Melange untergebracht ist. Die Schlitze auf der Postkarte verbergen ein Leporello mit weiteren Ansichten der Stadt. © Stadtarchiv Fröndenberg

CHRONOLOGIE

ALS AUS DEM MARKT EIN PLATZ WURDE

  • Am Bahnübergang entstand Anfang der 1870er Jahre das Hotel Wildschütz.
  • Das stattliche Gebäude Markt 1 (Marktapotheke) war der Wohnsitz des bekannten Fröndenberger Arztes Friedrich Bering.
  • Erst Ende der 1920er Jahre bzw. Anfang der 1930er Jahre wurden die Häuser Wüstenberg (rotes Haus mit der Spielhalle, früher Kaufhaus Semer) und Kohlschein (im nordöstlichen Bereich mit Arkade zur Alleestraße) errichtet.
  • Erstes Haus am südlichen Marktplatz war das Stammhaus der Kartonagenfabrik Casack (Café Melange), errichtet etwa 1850.
  • In den 1920er Jahren wurden die wahrscheinlich um 1850/1860 erbauten Häuser (Gaststätte Epi und Metzgerei Rafalcik) am westlichen Marktplatz umgebaut und die Fassaden verändert, erst viel später wurde die schmale Lücke zwischen beiden Häusern geschlossen (ehem. Stadtinfo/Teeladen).
  • Das Eckhaus Deimel (Markt/Karl-Wildschütz-Straße) wurde 1926 erbaut und erhielt in den 1980er Jahren eine neue Fassade und geänderte Dachkonstruktion.
  • Zwischen den Häusern Kern (Café Schulte/Stadtbücherei) und Wüstenberg war früher die Zufahrt auf den Hof des dahinter gelegenen Dachdeckerbetriebes Degenhardt.
  • Ebenfalls an der damals noch völlig unbebauten Ostseite des Marktes wurde um 1820/30 das erste noch sehr kleine Spritzenhaus der Feuerwehr errichtet, das später an die Friedhofsstraße versetzt wurde.

Die spät einsetzende „Geschichte des Fröndenberger Marktplatzes, der früher eigentlich gar kein solcher war“, wie Stadtarchivar Jochen von Nathusius weiß, hängt entscheidend von der Industrialisierung der Gemeinde ab, mit dem Bau der Fabriken von Himmelmann 1854 und Feuerhake, der späteren Union, 1899.

„Der Kirchplatz war vor 1800 das Zentrum von Fröndenberg“, sagt Jochen von Nathusius, „und der Himmelmannplatz der wirtschaftliche Schwerpunkt.“ Denn hier zwischen Sparkasse und Polizeiwache, wo heute Autos parken, hatten sich die Wirtschaftshöfe des Stifts angesiedelt, wo die Bauern bis 1812 ihre Abgaben in Form von Naturalien ablieferten.

Wege Richtung Westick, Ardey und Menden kennzeichnen den Markt

Eine Bäckerei gab es hier ebenso wie Brauerei, Mälzerei, eine Flachsbrecherei und eine Schmiede. Später, in den 1850er Jahren, mit der heutigen Villa Leesemann auch das erste Hotel der damaligen Landgemeinde.

Der heutige Marktplatz war zu dieser Zeit gerade einmal an der Westseite bebaut: mit der Stiftsschmiede (heute Pflegedienst), der Stiftsförsterei (heute Kneipe) und dem prächtigen Fachwerkhaus des heutigen „Markgrafen“. Hier verlief die Grenze zum unteren Stiftsviertel und, was den Marktplatz über Jahrzehnte prägen sollte, markierte die Wege Richtung Westick, Ardey und Menden.

Gemüsegärten, wo heute Apotheke und Stadtbücherei sind

Im Osten und im Süden des Marktes, wo heute also Kohlschein, Markt-Apotheke und Bücher-Paradies bzw. Ernsting‘s Family und das Café Melange zu finden sind, fanden sich Gemüsegärten und Weidegrund. Von einem Platz also noch keine Spur.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

In der NS-Zeit hieß der Marktplatz Adolf-Hitler-Platz. Dieser Name wurde 1945 umgehend getilgt. © Stadtarchiv Fröndenberg

Die Hausgärten, die sich jeder Eigentümer anlegte, sind nach Jochen von Nathusius auch ein Indiz dafür, dass es in früheren Jahren für einen Wochenmarkt mit frischen Waren für die Fröndenberger keinen großen Bedarf gegeben haben wird.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Über den Bahnübergang und die Ruhrstraße - hier eine Ansicht um 1940 - kreuzten über Jahrzehnte Fahrzeuge den Marktplatz. Der Verkehr aus dieser Richtung endete erst mit dem Bau des Überwurfs Mitte der 1990er Jahre. © Stadtarchiv Fröndenberg

Im Stadtarchiv sind zwar keine Dokumente über den Beginn eines regelmäßigen Marktgeschehens überliefert. Viel spricht aber dafür, dass mit den Fabrikarbeitern, die in die Gemeinde zogen, auch ein Markt aufkam: Denn für die Arbeiter baute man zwar Mietwohnungen, aber ohne eigenen Garten.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Das Kriegerehrenmal stand rund 80 Jahre auf dem Marktplatz. Man gedachte im zeittypischen Geschmack der Gefallenen der Kriege von 1864, 1866 sowie 1870/71. Der zunehmende Straßenverkehr auf dem Marktplatz machten dem Denkmal den Garaus: 1956 wurde es abgebaut, weil eine Fröndenberger Spedition die enge Kurve Richtung Ardey mit ihren Sattelschleppern nicht kriegte. Der Verbleib von Säule und Adler ist nicht geklärt. © Stadtarchiv Fröndenberg

Erst mit dem Bau der Eisenbahn 1870/71 dehnte sich die Stadtmitte dann nach Süden und Osten aus, Haus für Haus entstand entlang der Ruhrstraße und die heutige Karl-Wildschütz-Straße ließ man auf den entstehenden Markt münden, der jetzt auch Platzcharakter erhielt.

„Erst in dieser Zeit erlangte der Marktplatz als solcher eine Bedeutung für das kleinstädtische Leben“, so Jochen von Nathusius. Es siedelten sich Geschäfte an und vor allem viele Gaststätten, die ihn zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt machten. Daneben Café Schulte, Café Köhle, meist verbunden mit Bäckerei, „gehörten zum kleinstädtischen Flair dazu“, so Nathusius.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Diese Ansicht zeigt den Fröndenberger Marktplatz nach 1956. Das Eckhaus Deimel hat noch seinen markanten Giebel aus dem Baujahr 1926. Das Kriegerehrenmal ist einer Verkehrsinsel gewichen. © Stadtarchiv Fröndenberg

»Erst in dieser Zeit erlangte der Marktplatz als solcher eine Bedeutung für das kleinstädtische Leben.«
STADTARCHIVAR JOCHEN VON NATHUSIUS

Als Markt mochte man auch dies schon bezeichnen. Zur 700-Jahr-Feier Fröndenbergs erhielt er 1930 auch endlich Pflastersteine. Wie wichtig dieses Forum in Fröndenberg war, lässt sich zumindest auch daran ablesen, dass der Gemeinderat schon am 19. April 1933 den Marktplatz in Adolf-Hitler-Platz umbenannte.

Die Nazis machten sich 1934 viele Freunde, als sie die seit 1906 verbotene Fliegenkirmes - die Geschäftsleute wollten damals den arbeitsfreien Montag nicht mehr bezahlen - mit großem Bohei auf dem Marktplatz wieder einführten.

Ein Wochenmarkt wurde hier aber längst noch nicht abgehalten, vielmehr nahm die Bedeutung als „verkehrsreichste Kreuzung in Fröndenberg“, so Jochen von Nathusius, immer mehr zu, kreuzten sich hier doch zwei Landesstraßen.

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Der Marktplatz in Fröndenberg um 1965: Es kreuzen sich die Landesstraßen L 679 und L 673, auch die Verkehrsinsel ist in der Bildmitte gut zu erkennen. Das einst ungefähr hinter der Verkehrsinsel stehende Kriegerehrenmal ist längst abgeräumt. © Stadtarchiv Fröndenberg

Mit den Wirtschaftswunderjahren und der autogerechten Stadt in den 1960er-Jahren war überhaupt nicht daran zu denken, dass dieser Verkehrsknotenpunkt einmal nicht mehr sein könnte. Im Gegenteil: 1956 baute man nach gut 80 Jahren das Kriegerehrenmal in der Platzmitte ab, weil die Sattelschlepper einer Spedition die Kurve nicht kriegten . . .

Fröndenbergs Marktplatz: Verkehrsknotenpunkt, Adolf-Hitler-Platz, gute Stube der Stadt

Viele Fassaden besonders auf der Ostseite des Marktplatzes veränderten ihr Gesicht über die Jahrzehnte erheblich. Auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1969 ist noch der Gründerzeitstuck am Haus der Marktapotheke zu erkennen. © Stadtarchiv Fröndenberg

Ein regelmäßiger Wochenmarkt fand inzwischen auf dem Wilhelm-Himmelmann-Platz seinen festen Standort. Die Ursprünge liegen im Dunkeln. Friedrich Firnrohr, der auf dem Fröndenberger Markt bereits in vierter Generation Gemüse und Gartenbauartikel verkauft, nennt das wohl früheste bekannte Datum: „Meine Großeltern haben dort schon 1944/45 Gemüse verkauft“, weiß Firnrohr.

Selbst steht er seit Jahren Donnerstag für Donnerstag auf dem Marktplatz. Dort wird seit dem Bau der Ortsumgehung, des Überwurfs, Mitte der 1990er Jahre endlich auch der Wochenmarkt abgehalten. Demnächst ganz ohne Autos und mit Wasserfontäne in der guten Stube der Stadt.

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