Luftangriff vor 75 Jahren: Union und Marienkirche lagen in Schutt und Asche

dzBombenangriff

Diesen Tag vor 75 Jahren hat Berthold Degenhardt bis heute nicht vergessen: Nach einem Luftangriff am 12. März 1945 kletterte der Junge aus dem Bunker und sah auf Trümmer in der Alleestraße.

Fröndenberg

, 12.03.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nur wenige Wochen vor Kriegsende ereilt Fröndenberg ein verheerender Luftangriff: 63 amerikanische Mittelstreckenbomber werfen am Vormittag des 12. März 1945 ihre zerstörerische Last über der Innenstadt ab.

Berthold Degenhardt, Zeitzeuge des Luftangriffs vom 12. März 1945 auf Fröndenberg.

Berthold Degenhardt, Zeitzeuge des Luftangriffs vom 12. März 1945 auf Fröndenberg. © p

»Ich selbst habe den Bombenangriff im Bunker unter dem Alten Friedhof erlebt.«
Berthold Degenhardt

Leichter Nebel liegt an diesem Montag über Fröndenberg, erinnert sich Berthold Degenhardt, der damals ein siebenjähriger Schuljunge ist. Weil aber viele Lehrer an der Front sind, werden die jüngeren meist von älteren Schülern unterrichtet.

In den späten Vormittagsstunden nähern sich von Süden aus Richtung Halingen und von Südosten aus Richtung Wickede-Wimbern Bomber der 9. US-Luftflotte.

Ihr Ziel: die Bahnanlagen und die Industrie in Fröndenberg, die zentral in der Innenstadt liegt.

Flucht in den Bunker mit einem Rucksack voll Proviant

„Der Kirchturm von St. Marien guckte wohl aus dem Nebel heraus“, erzählt Berthold Degenhardt. Und so nutzen die Angreifer offenbar die Kirche als Orientierungspunkt für ihre Bombenabwürfe.

Gefasst war man auch in der kleinen Gemeinde auf das Schlimmste. Zwar waren bisher nur einmal, im Oktober 1941, 32 Bomben auf die Haßleistraße gefallen, wobei es mehrere Tote zu beklagen gab.

Doch ein schneller Fluchtweg zum Bunker unterhalb des Alten Friedhofs ist auch Berthold Degenhardt und den Nachbarn aus der Karl-Wildschütz-Straße am 12. März 1945 bekannt. „Für diesen Fall hingen immer kleine Rucksäcke im Flur“, weiß der 81-Jährige noch.

Neben Wohn- und Geschäftsgebäuden wurde das Schiff der Marienkirche zerstört, deren Außenmauern zwar standhielten, jedoch ihre Bedachung und Inneneinrichtung verlor. Der Turm wurde nicht getroffen. Beide Angriffswellen schnitten sich nördlich der Marienkirche, wobei Zeitzeugen berichteten, die Kirche sei bei der zweiten Welle zerstört worden. Nicht ganz sicher ist es, ob das Kirchendach direkt Treffer erhielt oder das Dach durch die Druckwellen umliegend explodierender Bomben zum Einsturz gebrac

Neben Wohn- und Geschäftsgebäuden wurde das Schiff der Marienkirche zerstört. Ihre Außenmauern hielten zwar stand, jedoch verlor sie ihre Bedachung und Inneneinrichtung. Der Turm wurde nicht getroffen. Beide Angriffswellen schnitten sich nördlich der Marienkirche, wobei Zeitzeugen berichteten, die Kirche sei bei der zweiten Welle zerstört worden. Nicht ganz sicher ist es, ob das Kirchendach direkt Treffer erhielt oder das Dach durch die Druckwellen umliegend explodierender Bomben zum Einsturz gebracht wurde. Die Mauern links im Bild gehören zur Union. Das Foto ist vom Standort der heutigen Sparkasse aufgenommen. © Stadtarchiv Fröndenberg

Die Union nach dem Bombenangriff am 12. März 1945: Amerikanische Sprengbomben haben einen Großteil der Fabrik zerstört. Bahnanlagen und Industriestandorte waren die Ziele dieses Tages. Die Zerstörung der Innenstadt war nicht beabsichtigt.

Die Union nach dem Bombenangriff am 12. März 1945: Amerikanische Sprengbomben hatten einen Großteil der Fabrik zerstört. Bahnanlagen und Industriestandorte waren die Ziele dieses Tages. Die Zerstörung der Innenstadt war nicht beabsichtigt. © Stadtarchiv Fröndenberg

Die Apotheke Lange an der Alleestraße wurde völlig zerstört, der Apotheker Hagen kam bei dem Angriff ums Leben. Das Foto zeigt Arbeiter bei den Aufräumarbeiten.

Die Apotheke Lange an der Alleestraße wurde völlig zerstört, der Apotheker Hagen kam bei dem Angriff ums Leben. Das Foto zeigt Arbeiter bei den Aufräumarbeiten. © Stadtarchiv Fröndenberg

Zur Sache

Luftangriff fordert 51 Tote und 100 Verletzte

  • Der Luftangriff am 12. März 1945 traf Fröndenberg, nachdem die Amerikaner am 7. März bei Remagen erstmals eine Rheinbrücke überqueren konnten.
  • Von nun ging es den westlichen Alliierten um die Einkesselung des Ruhrgebiets; zuvor sollten die noch intakten Bahnanlagen zerstört werden, wozu auch Fröndenberg als Kreuzungsbahnhof gehörte.
  • „Es muss Spekulation bleiben, ob der Angriff auf Fröndenberg nicht stattgefunden hätte, wenn es bereits früher gelungen wäre, mit der Zerstörung des Arnsberger Viaduktes den Schienenweg nach Osten zu kappen“, schreibt Stadtarchivar Jochen von Nathusius in seiner Rede zum 70. Jahrestag des Luftangriffs.
  • Der Einsatz von Sprengbomben und nicht von Brandbomben zeige, dass die Angreifer nicht eine völlige Zerstörung der Stadt beabsichtigten. Die zweite Angriffswelle von Südosten zeige aber, dass Wohnraum als Ziel billigend in Kauf genommen worden sei.
  • In dem Buch „Bitter Ends“ von Dr. Ralf Blank, Stadtarchivar in Hagen und Experte für den Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg, werden 63 Mittelstreckenbomber des Typs Martin B-26 aufgeführt, die am 12. März 1945 über Fröndenberg flogen.
  • Letztlich forderte der Angriff 51 Tote und rund 100 Verletzte; auch bei Aufräumarbeiten kamen Menschen ums Leben. Wegen angeblicher Plünderungen sind auch Personen erschossen worden.
  • Die Opfer stammten vor allem aus Schroerstraße, Freiheitstraße, Feuerhake-, Tirpitz- und Bergstraße sowie Alleestraße und Im Stift.

Als dann Luftalarm ausgelöst wird, harren viele Fröndenberger, die in der Innenstadt leben, in einem der vier zentralen Bunker aus. Während sich Berthold Degenhardt über den Eingang an der Alleestraße – links neben dem heutigen Sozialkaufhaus – in den Bunker flüchtet, kommen andere in Bunkern hinter Frömag und an der Overbergstraße, wo heute die Turnhalle steht, unter.

Das große Werk von Union, das im Krieg auch Munition fabriziert und daher Ziel des Fliegerangriffs ist, hat für seine Mitarbeiter einen weiteren Bunker.

Die südöstliche Angriffswelle an diesem Vormittag trifft Häuser in der Kernstadt entlang einer gedachten Linie zwischen Wildschützparkplatz bis hinauf zum Haßleiberg und Sodenkamp, die südliche Welle zerstört Gebäude der Firmen Union und Prünte sowie das Bahnhofsgelände.

600 Bomben mit 160 Tonnen Gewicht fallen auf Fröndenberg

Nicht weniger als 600 Bomben mit einem Gesamtgewicht von rund 160 Tonnen werfen die Flugzeuge über der Stadt ab.

Als der siebenjährige Berthold Degenhardt sich aus dem Bunker wagen kann, ist der kleine Junge erschüttert: Mehrere Wohnhäuser an der Alleestraße, darunter die Apotheke Lange, sind zerstört. Unter Trümmern sieht er einen Mann begraben.

Eingeprägt hat sich dem Kind auch eine stehengebliebene Rückwand eines Hauses, an der noch drei unversehrte Spülsteine hängen.

Ein besonders dramatisches Bild brennt sich Berthold Degenhardt auf dem kurzen Heimweg zu seinem unzerstörten Elternhaus ein: Eine Frau hatte es nach dem Fliegeralarm nicht in einen Bunker geschafft „und ich sah, wie sie mit einem schwarzen Kleid aus ihrem Keller hervorkam“.

51 Tote, rund 100 Verletzte sind zu betrauern. Luftbilder von amerikanischen Aufklärungsflugzeugen zeigen unzählige Bombentrichter südlich des Bahngeländes in den Wiesen entlang der Ruhr.

So ähnlich wie auf dieser undatierten Aufnahme aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs mag es ausgesehen haben, als amerikanische Mittelstreckenbomber am 12. März 1945 Fröndenberg angriffen.

So ähnlich wie auf dieser undatierten Aufnahme aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs mag es ausgesehen haben, als amerikanische Mittelstreckenbomber am 12. März 1945 Fröndenberg angriffen. © picture alliance / dpa

Amerikanische Aufklärungsflugzeuge fotografierten zum Beweis ihres erfolgreichen Angriffs anschließend das Stadtgebiet; gut zu erkennen sind die Bombentrichter in den Ruhrwiesen nach dem Fliegerangriff vom 12. März 1945.

Amerikanische Aufklärungsflugzeuge fotografierten zum Beweis ihres erfolgreichen Angriffs anschließend das Stadtgebiet; gut zu erkennen sind die Bombentrichter in den Ruhrwiesen nach dem Fliegerangriff vom 12. März 1945. © Stadtarchiv Fröndenberg

»Wären diese Bomben nur Sekunden später ausgeklinkt worden, wären die Schäden und Menschenverluste sicher ungleich höher gewesen.«
Stadtarchivar Jochen von Nathusius

„Wären diese Bomben nur Sekunden später ausgeklinkt worden, wären die Schäden und Menschenverluste sicher ungleich höher gewesen“, so Stadtarchivar Jochen von Nathusius.

Für viele Gläubige aus Fröndenberg sei die weitgehende Zerstörung der Marienkirche aber „das größte Übel gewesen“, sagt Berthold Degenhardt. Vieles von dem, was in den schrecklichen Märztagen 1945 geschah, hat er von seinem Vater erfahren. Wilhelm Degenhardt, der als Dachdeckermeister vom Kriegsdienst befreit war, sprang in Fröndenberg als Feuerwehrkommandant ein.

Berthold Degenhardt ist es wichtig, dass in der Stadt die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel in der Stadtgeschichte wachgehalten wird. „Wahrscheinlich bin ich der letzte lebende Zeitzeuge aus dem Stift“, vermutet Degenhardt, der demnächst 82 Jahre alt wird.

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