Landflucht: Ein Dorf kämpft ums Überleben – und scheitert an der deutschen Ordnung

dzAltendorf

Altendorf will Platz schaffen. Platz für die Jungen, die gerne dort bleiben würden. Im Lichte des deutschen Dorfsterbens an sich vorbildlich. Doch in Deutschland hat eben alles seine Ordnung.

Fröndenberg

, 11.10.2019, 13:32 Uhr / Lesedauer: 2 min

Was in Altendorf passieren soll, wird im Kern weder in der Politik noch in der Verwaltung jemanden stören. Im Gegenteil. Wenn ein Dorf aktiv an seiner Zukunft arbeitet, ist das im Lichte der viel zitierten Landflucht und in der Folge landauf, landab aussterbender Landstriche eigentlich vorbildlich.

Die Hürden des deutschen Paragrafendschungels

Und den Altendorfern geht es letztlich genau darum: Um die Zukunft ihres 230-Seelen-Ortes am westlichsten Stadtrand Fröndenbergs. Nur: Dieser Zukunft steht der Paragrafendschungel des deutschen Baurechts im Wege.

Mit steigender Lebenserwartung weniger Platz in Altendorf

Im Kern geht es darum, dass in Altendorf nicht mehr genügend Platz für alle zu sein scheint. Wo früher nachwachsende Generationen nicht selten irgendwann die Wohnungen ihrer Eltern oder Großeltern bezogen haben, ist das heute nicht mehr unbedingt möglich; die Menschen werden immer älter, der erforderliche Wohnraum wird schlichtweg nicht frei. Einfach bauen geht aber auch nicht; dem steht das deutsche Baurecht mit all seiner Macht entgegen.

„In 20 Jahren nützt uns das nichts, dann sind die Jüngeren weg.“
Uwe Kissing

Und so passiert nach Einschätzung der Altendorfer nicht selten, was eigentlich niemand wollen kann: Die jungen Menschen verlassen das Dorf – und wer weg ist, kommt allzu oft auch nicht wieder. Anwohner Uwe Kissing machte in der Sitzung des Fachausschusses in dieser Woche noch einmal deutlich, dass der Schuh drückt – und zwar jetzt. „In 20 Jahren nützt uns das nichts, dann sind die Jüngeren weg.“

Altendorf will nach außen hin wachsen

Kissing und seine Mitstreiter aus Altendorf wünschen sich zusätzliche Wohnbauten – und zwar nicht auf den Grundstücken im Dorfkern. „Damit ist uns nicht geholfen“, nutzte Kissing die Einwohnerfragestunde für eine Klarstellung in Richtung Politik und Verwaltung. „Sie können nicht erwarten, dass die Leute ihre Scheunen wegreißen, damit gebaut werden kann.“ Der Wohnraum fehle im Außenbereich, so Kissing. Außerhalb des eigentlichen Dorfkerns darf jedoch nicht gebaut werden; so sieht es das Baugesetzbuch vor, über das sich auch eine Verwaltung nicht einfach hinwegsetzen kann.

„Ich kann nicht jedem Altendorfer zugestehen, dass er noch ein Häuschen bauen darf.“
Martina Garder-Manz

„Ich kann das Baugesetzbuch nicht ändern“, sagte Martina Garder-Manz von der Stadtverwaltung denn auch Richtung der Altendorfer, die zu rund einem Dutzend die Ausschusssitzung verfolgten. „Ich kann nicht jedem Altendorfer zugestehen, dass er noch ein Häuschen bauen darf.“ Schon gar nicht in der freien Landschaft, wie sie klarstellte. Eine Ausweisung abseits von bestehenden Flächen sei nicht machbar. Zumindest jetzt nicht.

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Für Altendorf gibt es im Moment noch keine Satzung, was so viel heißt, dass die bestehenden Flächen noch nicht deklariert sind. Die Stadtverwaltung wird deshalb nun von der Politik beauftragt, für Altendorf eine verbundene Ortslagensatzung vorzubereiten. Die ist Voraussetzung für mögliche weitere Schritte.

Und in ein, zwei Jahren kann dann möglicherweise eine Außenbereichssatzung auf den Weg gebracht werden, um den Wünschen der Altendorfer zumindest entgegen zu kommen. Fröndenbergs Beigeordneter Heinz-Günter Freck stärkte Garder-Manz den Rücken: „Verfahrenstechnisch ist es notwendig, den ersten Schritt vor dem zweiten zu machen.“

In Deutschland hat eben alles seine Ordnung. Auch in Fröndenberg – und in Altendorf. Da ändern auch Erkenntnisse über das Dorfsterben in der Bundesrepublik nichts.

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