Kurzarbeiter Heinz Weber: 62-Jähriger verdingt sich als Einweiser auf dem Erdbeerfeld

dzMit Video

Die Kurzarbeit schlug Heinz Weber irgendwann aufs Gemüt: Der 62-Jährige suchte sich daher eine Beschäftigung und arbeitet als Minijobber auf dem Erdbeerfeld. Das tut Portemonnaie und Seele des Fröndenbergers gut.

Fröndenberg

, 18.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schon seit 17 Wochen schiebt Heinz Weber Kurzarbeit. Sein Arbeitgeber ächzt unter der Corona-Pandemie. Der Fröndenberger ächzte unter Beschäftigungslosigkeit. Für einen Job auf dem Erdbeerfeld war er sich daher nicht zu schade.

»Viele sagen: Kurzarbeit ist doch wie Urlaub – und dann fällst du nach drei Wochen in ein Loch.«
Heinz Weber

Der drahtige Mann aus Neimen steht auf dem großen Feld im Ostholzbachtal und begrüßt um viertel vor Zehn an diesem Morgen schon wieder Erdbeerpflücker, die seit gut einer Stunde fast pausenlos in Ardey vorfahren.

Ulrike und Jürgen Köllerwirth aus Dellwig zeigt Weber die Reihen, die noch voll von roten Früchten sind. „Wollen sie Große oder Normale?“, fragt Weber, ermahnt freundlich, Abstände zu anderen Pflückern zu beachten und wendet sich schon den nächsten Kunden zu.

Zehn Stunden auf dem Erdbeerfeld in der prallen Sonne

Von 9 bis 19 Uhr arbeitet er für den Hof Schulze Neuhoff, dem das Erdbeerfeld gehört. Zehn Stunden – daran musste er sich gewöhnen. Die Sonne scheint oben auf der Kuppe fast den ganzen Tag. Weber schützt sich mit einem Sommerhut.

„Das schlaucht“, sagt Heinz Weber, der sich mit immerhin 62 Jahren nicht gerade den leichtesten Job ausgesucht hat. Doch Grund zu klagen hat der Mann, der mit vielen Pflückern sofort ins Gespräch kommt, überhaupt nicht.

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Heinz Weber: Kurzarbeiter als Einweiser im Erdbeerfeld

„Viele sagen: Kurzarbeit ist doch wie Urlaub – und dann fällst du nach drei Wochen in ein Loch“, erzählt Weber in einer kurzen Pause. Der Automobilzulieferer in Neuenrade, für den er als Produktionshelfer arbeitet, musste Anfang März die Notbremse ziehen und für rund 60 Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden.

Mit 60 Prozent des letzten Netto-Lohns muss Heinz Weber seither auskommen, rund 500 Euro fehlen im dadurch im Monat. Einige Wochen musste er sich in die neue Situation einfinden, konnte nicht sicher sein, wie lange die Corona-Krise ihn noch vom Arbeitsplatz fernhalten würde.

Spargel stechen wollte er zuerst – dann sah er die Zeitungsannonce

Als sich eine längere Dauer der Kurzarbeit abzeichnete, war für Heinz Weber klar: Er musste jetzt aktiv werden. „Es fällt einem die Decke auf den Kopf.“ Schließlich fehlten ihm nicht nur in seiner Freizeit die lange Zeit untersagten Kontakte.

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„Mein erster Gedanke war: Spargelstecher!“, erzählt er. Wegen der eingeschränkten Reisefreiheit aus dem Ausland waren die zunächst Mangelware.

Dann sah er die Anzeige des Erdbeerhofs in der Zeitung und heuerte auf 450-Euro-Basis bei Schulze Neuhoff an. Kurzarbeiter dürfen in den sogenannten systemrelevanten Wirtschaftsbereichen als Minijobber etwas hinzuverdienen.

»Man ist einfach froh, wieder normalen Alltag und Arbeitsrhythmus zu erleben.«
Heinz Weber

Auch auf anderen Feldern in Unna, Dortmund und Hagen war er seitdem schon eingesetzt, meistens aber trifft man ihn seit Mai in Ardey. Auch um 16.15 Uhr steht er an diesem Nachmittag bei einem zweiten Treffen immer noch auf dem Feld. Das Gesicht ist gerötet von der Sonne und die Stimme schon rau vom vielen Sprechen.

Zukunft bis zur Rente ist noch ungewiss

Heinz Weber ist trotzdem gut gelaunt. „Man müsste hier eine Kurtaxe nehmen“, sagt er lachend. Die Arbeit draußen in der Natur tue ihm unheimlich gut. „Man ist einfach froh, wieder normalen Alltag und Arbeitsrhythmus zu erleben.“

Wie es für ihn bis zum Renteneintritt weitergeht, ist derweil noch völlig ungewiss. „Nach den Sommerferien könnte eine leichte Belebung stattfinden“, hat ihm sein Arbeitgeber gesagt. Heinz Weber rechnet aber ebenso damit, dass er entlassen werden könnte. Eigentlich wollte er ganz regulär mit 65 in Rente gehen.

Was er nach der Erdbeersaison machen wird, weiß er immerhin schon: Dann geht es mit Brombeeren und Stachelbeeren weiter. „Eine beerenstarke Zeit für Kurzarbeiter“, grinst Heinz Weber.

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