Kostenlose Corona-Tests für Schulen: „Warum fallen Pflegeheime hinten `rüber?“

dzInfektionsrisiko

Personal in Schulen und Kitas kann sich kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Pflegeheime wie das Schmallenbach-Haus sehen sich benachteiligt: Das Infektionsrisiko sei dort nicht geringer.

Fröndenberg

, 24.07.2020, 15:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Infektionsrisiko durch das Coronavirus soll nach der Ferienzeit in Schulen und Kitas möglichst gesenkt werden. Daher können sich Lehrer und Erzieherinnen kostenlos testen lassen. Für Pflegeheime gibt es diese Regel nicht – das sorgt für Unmut.

»Ist die Gesundheit unserer Pflegekräfte und Bewohner kein hohes Gut?«
Heinz Fleck, Geschäftsführer Schmallenbach-Haus

Es wird nicht ausgeschlossen, dass das Virus aus Urlaubsorten eingeschleppt wird, Schulen und Kitas daher womöglich schon bald nach dem Schulstart schon wieder geschlossen werden müssen, weil sich das Virus dort ausgebreitet hat.

Die Landesregierung hatte daher Anfang der Woche angekündigt, dass sich 360.000 Beschäftigte in Schulen, Kitas, im Offenen Ganztag und auch in Großtagespflegen kostenlos auf das Coronavirus testen lassen können.

Schulministerin: Bildung ist ein hohes Gut

Schulministerin Gebauer argumentiert damit, dass „neben dem Recht auf Bildung auch die Gesundheit aller am Schulleben Beteiligten ein hohes Gut“ sei.

Heinz Fleck, Geschäftsführer des Fröndenberger Schmallenbach-Hauses, versteht die Einschränkung der kostenlosen Tests auf den Bildungsbereich nicht.

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»Warum sollten Schulen bevorzugt werden und Pflegeheime hinten rüber fallen?«
Stefan Mohr, Pflegefachkraft Haus Löhnbachtal

„Unsere Pflegekräfte arbeiten jeden Tag sehr körpernah. Wieso ist das für unsere Kolleginnen und Kollegen in der Pflege nicht möglich? Ist deren Gesundheit kein hohes Gut?“, fragt Heinz Fleck in Richtung Landesregierung.

Ebenso hätten die Bewohner der Senioreneinrichtung „ein sehr hohes Risiko“. Fleck: „Ist deren Gesundheit kein hohes Gut?“

In dieselbe Kerbe schlägt auch Stefan Mohr vom Haus Löhnbachtal. „Ich wünsche mir, dass es strukturelle Testungen gibt“, so Mohr, Pflegefachkraft in der Senioreneinrichtung im Wiesengrund.

Seniorenheime lassen wieder Besuche zu

Schließlich sei seit dem 1. Juli wieder Publikumsverkehr erlaubt, die Bewohner selbst können bis zu sechs Stunden außerhalb des Heims verbringen.

Das NRW-Gesundheitsministerium hält seine „differenzierte Teststrategie“ bei Pflegeeinrichtungen derzeit für ausreichend, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit.

So sei das Personal der Einrichtungen „verbindlich vor jeder Schicht auf Symptomfreiheit bezogen auf eine SARS-CoV-2-Infektion und zu Kontakten zu an COVID-19 erkrankten Personen zu befragen“. Könne eine Infektion nicht ausgeschlossen werden, seien erforderliche Testungen durchzuführen.

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»Weitere Optimierungen dieser Strategie sind bei Bedarf natürlich möglich.«
Sprecher NRW-Gesundheitsministerium

Neben „regelhaften“ Testungen nach dem ersten Verdachtsfall in einem Heim müssten zudem Personen, die neu in eine Einrichtung aufgenommen werden „auf Veranlassung der unteren Gesundheitsbehörde“ getestet werden.

„Weitere Optimierungen dieser Strategie sind bei Bedarf natürlich möglich“, heißt es weiter.

Pflegeeinrichtungen haben „keine Lobby“

Diese „differenzierte“ Strategie halten nicht alle Pflegeheime für zielführend. Es sei selbstverständlich, dass man Verdachtsfälle umgehend an die Hausärzte verweise, um eine Ausbreitung im Haus zu verhindern, so Stefan Mohr.

Ebenso gut könnten sich Lehrer oder Erzieherinnen bei Verdacht privat einem Test unterziehen. „Warum sollten Schulen bevorzugt werden und Pflegeheime hinten rüber fallen?“, fragt Mohr.

Heinz Fleck meint, die Antwort zu kennen: „Warum ist das so? Ganz einfach: Wir haben keine Lobby!“ Andernfalls würde man die kostenlosen Tests auch für den gesamten Pflegebereich ermöglichen. Fleck: „Die Gesundheit aller in und an der Pflege Beteiligten ist ein hohes Gut!“

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Zur Sache

Verbindliche Vorgaben und Empfehlungen

  • Das NRW-Gesundheitsministerium hat bei seiner „differenzierten Teststrategie“ für den Pflegebereich zum Teil verbindliche Vorgaben gemacht, zum Teil nur Empfehlungen ausgesprochen.
  • Bislang nur in der Handreichung „Testungen auf SARS-CoV-2“ empfohlen wird, dass „bei Aufnahme von Personen in eine Tagespflege oder Übernahme der Pflege durch einen ambulanten Dienst (auch bei Rückkehr nach einer Krankenhausbehandlung) (...) Testungen auf Veranlassung durch die untere Gesundheitsbehörde erfolgen sollen“.
  • Das Ministerium beabsichtige, diesen derzeit ausschließlich in der Handreichung genannten Anlass „kurzfristig auch in die Allgemeinverfügung Pflege und Besuche zu übernehmen, um sie den Gesundheitsämtern rechtlich verbindlich vorzugeben.“

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