Ärger über Kassenbon-Flut – aber es gibt auch ein Schlupfloch

dzKassenbonpflicht

Die Kassenbonpflicht regt Geschäftsleute wie Kunden in Fröndenberg auf. Doch nicht jeder Händler muss einen Bon ausdrucken. Es gibt Schlupflöcher.

Fröndenberg

, 06.01.2020, 14:25 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Die spinnen doch“, sagt eine Kundin im Laden der Bäckerei Klein in Warmen und legt ihren Kassenzettel für ein Teilchen in einen vorbereiteten Pappkarton mit der Aufschrift „Für Ihren Bon“. Jens Klein hat sich so etwas schon gedacht.

»Von Hundert Kunden haben vielleicht zwei den Bon verlangt.«
Bäckermeister Jens Klein

„Von Hundert Kunden haben vielleicht zwei den Bon verlangt“, erinnert sich der Bäckermeister aus Warmen – das war bis zum 31. Dezember so. Seit dem 1. Januar muss er seinen Kunden auch beim Kauf von zwei Brötchen den Kassenbon zumindest aushändigen – mitnehmen müssen die das Zettelchen aber nicht.

Auch der zweite Kunde am Montagmorgen, der eine Briefmarke erwirbt, wirft den Kassenbon kopfschüttelnd in die Kiste neben der Kasse.

Was der Mann dabei murmelt, ist nicht zu verstehen. Jens Klein spricht da schon klarer. „Wenn ich betrügen will, tippe ich den Betrag gar nicht erst ein“, kommentiert der Bäcker das neue Gesetz mit einem süffisanten Lächeln.

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Ärger über Kassenbon-Flut – aber es gibt auch ein Schlupfloch

Die Deutsche Steuergewerkschaft hält die Kassenbonpflicht für erforderlich, weil andernfalls bei der Eingabe in die Registrierkasse manipuliert werden könne, zum Beispiel mit sogenannten Zwischenrechnungen. © Marcus Land

Zur Sache

Offene Ladenkasse, Härtefälle und Bußgelder

  • Die sogenannte Belegausgabepflicht dient laut dem Bundesministerium der Finanzen „der verstärkten Transparenz im Kampf gegen Steuerbetrug, da auf den Beleg zukünftig zusätzliche Daten aufgedruckt werden müssen.“
  • Anhand des ausgegebenen Belegs sei im Rahmen einer Kassen-Nachschau oder einer steuerlichen Außenprüfung u. a. leichter nachprüfbar, ob der Geschäftsvorfall einzeln festgehalten, aufgezeichnet und aufbewahrt wurde.
  • So könne beispielsweise anhand eines Abgleichs des Bons mit den Aufzeichnungen der Kassensoftware eine Manipulation der Kasse festgestellt werden.
  • Weil es keine Verpflichtung zu einer Registrierkasse gibt, kann jeder Unternehmer auch eine offene Ladenkasse anstelle des Einsatzes eines elektronischen Aufzeichnungssystems verwenden. Dabei sind jedoch die gesetzlichen Vorschriften, etwa einzelne, vollständige, richtige, zeitgerechte und geordnete Aufzeichnungen und die Rechtsprechung zu beachten.
  • Die Finanzbehörden können Händler von der Belegausgabe befreien, „wenn nachweislich eine sachliche oder persönliche Härte für den einzelnen Steuerpflichtigen besteht“. Dies wird im Einzelfall beurteilt.
  • Der Verstoß gegen die Belegausgabepflicht ist nicht bußgeldbewehrt. Er könnte aber als Indiz dafür gewertet werden, dass den Aufzeichnungspflichten nicht entsprochen wurde.

Selbstverständlich will er nicht betrügen und kommt daher seiner Pflicht nach.

„Das ist aber doppelt gemoppelt jetzt“, findet Klein. Natürlich erhält jeder, der es will, etwa bei Großbestellungen nach wie vor Rechnung und Kassenbon. Für ein Stückchen Kuchen sieht er das nicht recht ein.

Warum einen Bon ausdrucken, wenn die Kasse alles registriert?

Denn ein elektronischer Chip in seiner Kasse registriere „alle Beträge, die man eintippt, Fehlbons, Storno, auch den Rollenwechsel“, erklärt Klein. Und einmal im Jahr wird seine Kasse gewartet. Warum sollte man also noch den Bon ausdrucken?

Muss man auch nicht unbedingt. Ein Geschäftsmann an der Winschotener Straße ist dazu nicht verpflichtet. „Ich habe mich heute Morgen noch bei meinem Steuerberater informiert“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Es bestehe nämlich keine Pflicht, eine Registrierkasse anzuschaffen – und ohne Registrierkasse entfällt auch die Kassenbonpflicht. Tatsächlich befreit das Kassengesetz Händler mit offener Ladenkasse, also zum Beispiel auch Straßenhändler auf dem Wochenmarkt, von der Belegpflicht.

Mehrkosten von 150 Euro befürchtet ein Kioskbesitzer

Ortswechsel. Von der Innenstadt sind es sieben Kilometer bis nach Strickherdicke. „Sieben Kilometer Bonrolle“, sagt Carsten Kaminski, habe er als Jahresverbrauch in seinem Kiosk B233 an der Unnaer Straße errechnet. Er befürchtet Mehrkosten von 150 Euro im Jahr für das Rollenpapier.

Wie auch Jens Klein verweist Carsten Kaminski auf manipulationssichere Technik: „Selbst wenn ich den Vorgang in der Kasse lösche, ist die gesamte Historie auf dem Chip noch nachvollziehbar“, erklärt Kaminski.

Ärger über Kassenbon-Flut – aber es gibt auch ein Schlupfloch

Carsten Kaminski, Besitzer des Kiosks B233, befürchtet Mehrkosten wegen der Kassenbonpflicht. © Martin Krehl

»Sieben Kilometer Bonrolle.«
Kioskbesitzer Carsten Kaminski

Richtig absurd werde es, wenn er Kindern ein Bonbon für 5 Cent verkaufe. „Wenn ich den Bon mitdrucke, mache ich ein Minusgeschäft“, erzählt Kaminski stirnrunzelnd in seinem Kiosk. Ob da nicht künftig die Verlockung sogar größer werde, solche Kleinbeträge gar nicht mehr in der Kasse zu registrieren?

Tatsächlich gibt es eine Härtefallregelung und Händler können sich von der Belegpflicht befreien lassen. Carsten Kaminski hat beim Finanzamt vorgefühlt: „Die werde mir zu 99,99 Prozent nicht gewährt“, erfuhr er bei der Behörde.

Jens Klein wird die Kassenbons der Kunden zu 100 Prozent in Pappkartons aufbewahren – für einen bestimmten Zweck. 200 Kunden am Tag hat er, rechnet der Bäcker vor, im neuen Jahr hat er schon gut 1000 Bons beisammen. Zehn Zentimeter lang ist so ein Bon im Schnitt.

„Ich schicke die nach Berlin“, sagt Jens Klein trocken. An das Bundesministerium der Finanzen. Als Beleg sozusagen.

Ärger über Kassenbon-Flut – aber es gibt auch ein Schlupfloch

Vor allem Bäckereien sehen die Kassenbonpflicht, die seit dem 1. Januar 2020 gilt, kritisch. Bon-Mülleimer sind in den Läden in diesen Tagen häufiger zu sehen. © Marcus Land

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Das Bundesministerium der Finanzen beantwortet die wichtigsten Fragen zur Kassenbonpflicht auf seiner Homepage www.bundesfinanzministerium.de unter Service und dort FAQ.
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