Fröndenberg ist bekannt für das historisch gewachsene Kettenschmiedehandwerk. Andere alte Handwerke sind inzwischen ausgestorben. Ortsheimatpfleger erzählen deren Geschichten.

Fröndenberg

, 14.12.2018, 14:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dr. Peter Krachts Gesichtsausdruck variiert zwischen Strahlen und Schmunzeln, während er den Ortsheimatpflegern Gerd Höneise (Ostbüren) und Alfred Leider (Frömern) sowie Stadtarchivar Jochen von Nathusius zuhört. Die drei berichten dem Kreisheimatpfleger von ihren Beiträgen in der 40. Auflage eines Jahrbuchs über den Kreis Unna. Und was noch viel spannender ist: von ihren Recherchen für die Themen darin.

Handwerksgeschichte mit Pfeifendeckeln, Ziegeln und einem Schmied bei der Kavallerie

Gerd Höneise, Peter Kracht und Alfred Leider lesen mit Spannung die Beiträge ihrer geschichtsbegeisterten Kollegen aus dem Kreis. © Gerd Höneise, Peter Kracht und Alfred Leider lesen

Von Höckschen auf Stöckschen mit historischen Anekdoten

Während die vier historisch Bewanderten zusammensitzen kommen sie von Höckschen auf Stöckschen. Jeder nimmt seinen Blick auf die Geschichte Ernst, hat dabei auch noch gute Tipps und Anekdoten für den Kollegen parat. Im neuen Jahrbuch, das sich wieder mit einem Schwerpunktthema aus der Geschichte des Kreises befasst, geht’s um altes Handwerk.

Der Stoff aus dem die Ziegel sind, kam aus Ostbüren

Ortsheimatpfleger Gerd Höneise hat sich auf die Spuren von Ton aus Ostbüren begeben - „der Stoff, aus dem die Ziegel sind“, heißt sein Beitrag. Den Stein ins Rollen brachte eine Ortsheimatpflegerin aus Lünen, die sich vor mehreren Jahren mit einer historischen Frage an den Ostbürener wandte. Es ging um eine in Lünen aufgetauchte Dachpfanne mit der Aufschrift „Busch“. Eine Fröndenberger Scheune aus dem Jahr 1925 ist heute noch mit solchen Pfannen gedeckt, fand Höneise heraus. Und tatsächlich: Ein altes Gewerbebuch zeugt von einer Ziegelei Heinrich Busch, die vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde - in Ostbüren.

Handwerksgeschichte mit Pfeifendeckeln, Ziegeln und einem Schmied bei der Kavallerie

An solchen Streichtischen mit aufgebauten Streichkästen wurden die Ziegel früher in Handarbeit in Form gebracht.

Doch noch viel früher könnten in Ostbüren Ziegel hergestellt worden sein. Möglicherweise um das Jahr 1800. Deuten doch zwei alte Feldflurbezeichnungen aus der ersten Katasterkarte von 1828 darauf hin. Das kurze Brandhey und das lange Brandhey. „Brandhey wurden Stellen genannt, an denen Tonerzeugnisse mittels Feldbrand hergestellt wurden“, erklärt Gerd Höneise. Wie aus dem im Herbst abgegrabenen Lehm in Saisonarbeit Ziegel gebrannt wurden und wie sich das Handwerk bis Mitte des 20. Jahrhunderts hielt und veränderte, verrät der Beitrag im Jahrbuch. Nur noch der Schornstein, auf dem inzwischen eine Antenne angebracht ist, und eine Bushaltestelle „Ziegelei“ sind bis heute übrig.

Handwerksgeschichte mit Pfeifendeckeln, Ziegeln und einem Schmied bei der Kavallerie

Ziegelei und Abbauflähe an der Ostbürener Straße sind heute verschwunden. © Privat

Sargbretter auf dem Dachboden

Alfred Leiders Schwiegervater war Tischler in Niederschlesien. Aus Erzählungen wusste der Fröndenberger daher, dass Tischler früher Särge herstellen mussten. War das auch in Fröndenberg so? Leider wollte es genauer wissen. Und die Antwort lautet: ja. Tischler haben Särge gefertigt. Das war Usus. Eine besonders dicke Eiche im Wald guckten sich Bauern früher selbst aus. Breit genug, um aus dem Stamm Sargbretter zu sägen, die dann nicht immer fachgerecht, jahrelang auf dem Hausboden des Hofs unter Heu und Stroh lagerten.

War der Tag gekommen, an dem aus morschen Teilen schnell ein Sarg geleimt werden musste, gestallte sich das oft schwierig. Der Ortsheimatpfleger weiß, dass Totenfrauen mündlich den Trauerfall in der Nachbarschaft verkündeten und Sargträger bestellten. Bis in die 80er-Jahre hinein hätten in Frömern Nachbarn den Sarg von verstorbenen Bauern getragen. Ob die Armen in Frömern auch Särge mit Klappen hatten, um den Geldbeutel oder die Umwelt zu schonen, interessiert Gerd Höneise brennend. Aus anderen Gemeinden sei das wiederverwertbare Modell bekannt, auch im Museum stehe eins. Doch da muss Leider enttäuschen.

Fahnenschmied bei den Ulanen und Heimkettenschmieden

In der Reiterei sowie bei berittenen Militäreinheiten gab es sogenannt Fahnenschmiede. Die ausgebildeten Schmiede waren nicht nur für das Beschlagen der Tiere verantwortlich - sie wurden auch dazu ausgebildet, Pferdekrankheiten zu heilen. Ausgebildet wurden sie in militärisch organisierten Lehrschmieden. In seinem zweiten Beitrag fürs Jahrbuch skizziert der Ortsheimatpfleger aus Frömern den Ausbildungsweg von Heinrich Lange, der eine Lehrschmiede in Breslau besucht hatte und dann beim Ulanen-Regiment diente.

Handwerksgeschichte mit Pfeifendeckeln, Ziegeln und einem Schmied bei der Kavallerie

Das Ketenschmiedehandwerk war nie ein Lehrberuf. Man lernte von Kindheit an vor Ort am Feuer vom Vater, von Brüdern oder von Nachbarn nach dem Prinzip „learning by doing“. © Privat

Stadtarchivar Jochen von Nathusius erklärt in seinem Beitrag wie das Fröndenberger Geschäft mit Draht und Stahl Anfang des 19. Jahrhunderts mit Pfeifendeckeln begann. Panzerer genannte Heimwerker flochten dünnen Edelstahldraht zu Pfeifendeckeln, die regional vertrieben wurden. Nur im Winter oder wenn in der Landwirtschaft nichts zu tun war. Viele dieser Pfeifendeckelpflechter wechselten später ins Kettenschmiedehandwerk.

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