Titus Lünnemann ist sechs Jahre alt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Nach den Sommerferien wird er eingeschult. Auf der Gemeinschaftsgrundschule Fröndenberg wird Titus mit Barrieren zurecht kommen müssen.

Fröndenberg

, 12.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Ein sehr seltener genetischer Defekt fesselt Titus Lünnemann die meiste Zeit an seinen Rollstuhl. Im Kopf ist der Junge aus Warmen völlig klar. Daher möchten seine Eltern, dass ihr Sohn auf einer ganz normalen Grundschule unterrichtet wird.

Weil die Familie in der Nähe der Stadtmitte wohnt, wäre auch die Overbergschule eine gute Wahl gewesen. Zumal Titus‘ älterer Bruder Linus dort in die dritte Klasse geht. Silke und Torben Lünnemann entschieden sich aber ganz bewusst für die Gemeinschaftsgrundschule. „Weil hier die Inklusion gelebt wird“, sagt Vater Torben Lünnemann. Inklusion, das bedeutet: gemeinsamer Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern ohne jegliche Hindernisse.

»Er freut sich total auf die Schule und darauf, lesen zu lernen.«
Stefanie Lünnemann über Titus

Der Christkönig-Kindergarten in Warmen ist ebenerdig und damit kein Problem für Titus. Zwar fragen Kinder, warum er im Rollstuhl sitzt. „Weil meine Beine doof sind“, sagt er dann.

Aber zwischen den anderen Krabbelkindern auf dem Boden fällt seine Spastik in den Füßen nicht auf. Dennoch wissen Lünnemanns um die Tücke der Krankheit. Die Pelizaeus-Merzbacher-Krankheit ist kaum erforscht, schreitet schlimmstenfalls voran. „Stillstand ist Fortschritt“, sagt Torben Lünnemann.

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Jetzt naht die Grundschulzeit. „Er freut sich total auf die Schule und darauf, lesen zu lernen“, erzählt Mama Silke. Eine Förderschule hatten sich Lünnemanns zwar zunächst angesehen, wollten wissen, ob ihr Sohn dort am besten aufgehoben ist.

Viele Kinder mit geistiger Behinderung werden dort ebenfalls unterrichtet, sechs- oder siebenjährige Kinder lernen, was die Farben Rot, Gelb und Blau sind. „Da würde sich Titus total langweilen“, weiß Silke Lünnemann.

Barrierefreiheit an der Grundschule ist der größte Wunsch eines Sechsjährigen im Rollstuhl

Ein seltener genetischer Defekt fesselt den sechsjährigen Titus Lünnemann überwiegend an einen Rollstuhl. Seine geistigen Fähigkeiten sind nicht eingeschränkt. Seine Eltern möchten daher, dass Titus auf eine Regelschule geht. Dafür muss das Schulgebäude weitestgehend barrierefrei sein. In Fröndenberg beginnt nun erst der Umbau der drei Grundschulstandorte. © privat

Die Wahl fiel also auf die GGS. Die vielen Inklusionspreise, die die Schule gewonnen hat und das Gesamtkonzept überzeugten Lünnemanns.

Die GGS unterrichtet schon seit vielen Jahren Kinder mit sozial-emotionalen Defiziten, motorischen oder Sehbehinderungen oder auch Lern- oder Sprachproblemen.

Sie alle werden gemeinsam mit allen anderen Schülern unterrichtet, haben eine Inklusionskraft an ihrer Seite, die vielleicht einfach nur mal den Reißverschluss des Etuis aufziehen oder zum Behinderten-WC begleiten muss.

»Wir wissen, dass wir bei uns eine optimale Förderung aller Kinder erreichen.«
Schulleiterin Silke Lakrabi

„Wir wissen, dass wir bei uns eine optimale Förderung aller Kinder erreichen“, sagt Schulleiterin Silke Lakrabi, „sagen aber auch, wenn wir ein Kind woanders besser aufgehoben sehen.“ Bei Titus war auch Silke Lakrabi klar: An seiner körperlichen Behinderung darf es nicht scheitern, dass er regulär in allen Fächern unterrichtet werden kann.

Profitierten doch alle Schüler von der Inklusion, lernten, „mit dem Herzen zu denken.“ An den Unterrichtskonzepten und der Betreuung an der GGS liegt es also nicht, wenn Silke Lakrabi ihre Stirn dennoch in Sorgenfalten legt.

Denn beim Bau der Schule vor 60 Jahren hat noch niemand an Kinder in Rollstühlen gedacht. Es gibt keine Aufzüge in dem großen Schulgebäude.

Barrierefreiheit an der Grundschule ist der größte Wunsch eines Sechsjährigen im Rollstuhl

Schulleiterin Silke Lakrabi in der Behindertentoilette: Die Gemeinschaftsgrundschule ist auch bei den sanitären Einrichtungen schon lange gut ausgestattet. Einzig die Erreichbarkeit sämtlicher Geschosse ist nicht gegeben. © Marcel Drawe

Das soll sich mit dem Modernisierungsvorhaben zwar künftig an allen drei Grundschulen in Fröndenberg ändern. Während die Overbergschule und die Sonnenbergschule aber danach komplett barrierefrei sein werden, werden Teil der GGS wegen ihrer Zwischengeschosse wohl für gehbehinderte Schüler nur äußerst schwierig, vielleicht nie zu erreichen sein. Ausgerechnet den Speiseraum der OGS betrifft das. „Ich möchte aber nichts auslagern“, sagt Silke Lakrabi.

Die Gemeinschaftsgrundschule fürchtet, dass „etwas versäumt“ wird

Silke Lakrabi will nicht ungerecht sein. Die Stadt Fröndenberg habe sich in der Vergangenheit unheimlich verdient gemacht um die Inklusion an den Grundschulen. Dass ausgerechnet die GGS mit ihren ausgezeichneten Inklusionskonzepten aber auch in Zukunft Barrieren im Gebäude haben soll, will sie nicht wahrhaben. „Die Stadt nimmt jetzt richtig viel Geld in die Hand“, sagt Lakrabi, „daher sollte man gerade jetzt nicht versäumen, das zu prüfen.“ Die Schulleiterin meint einen zweiten Aufzug, den die Stadt als problematisch ansieht.

Auch Lünnemanns danken der Verwaltung dafür, dass sie sich für Titus stets bemüht. Dass die Einschulung von Titus aber leider zwei, drei Jahre zu früh komme, wie ihm gesagt wurde, mag Torben Linnemann nicht einsehen. „Die Stadt ist eher zehn Jahre zu spät“, sagt er mit Blick auf die Behindertenrechtskonvention der UN, die seit 2009 in Deutschland gilt. Und bei der Modernisierung müsse die Schule mit dem Inklusionsschwerpunkt nun vorgezogen werden.

»An Titus kann man zeigen, dass Inklusion funktioniert.«
Torben Lünnemann

Titus wird so oder so nach den Sommerferien auf die GGS gehen. Selbst wenn noch einige Fragen offen sind. „Es ist noch nicht ganz sicher, wie Titus zur Schule kommt“, rätselt Torben Lünnemann. Der Bus für den Sonderschulverkehr ist voll.

Die Bushaltestelle in Warmen hat eine Bordsteinkante. Immerhin wird wohl eine Treppensteighilfe durch die Stadt angeschafft, die ein Transportieren von Titus im Rollstuhl ermöglicht – mit viel Aufwand für seine Inklusionskraft.

Nicht nur für Titus, sondern auch für künftige körperbehinderte Schüler hoffen Lünnemanns darauf, dass die GGS komplett barrierefrei wird. Und was sei denn eigentlich mit Lehrern oder Eltern, die im Rollstuhl sitzen? Im Grunde sei doch Titus das Paradebeispiel eines Inklusionskindes, findet sein Vater: „An ihm kann man zeigen, dass es funktioniert.“

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