Ob Windows streikt, das Buch auseinanderfällt, oder der Motor der Kreissäge Funken schlägt. Für fast jedes Problem gibt es in Fröndenberg einen Ehrenamtlichen, der es lösen kann - und das umsonst.

Fröndenberg

, 03.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Warum das Repair-Café mit Recht den Namen Repair-Café trägt - und nicht einfach Werkstatt heißt - wird für diejenigen, die einmal im Monat freitags mit ihren kaputten Gegenständen zum Bürgerzentrum kommen, auf den ersten Blick deutlich: Hier steht die Kaffeetasse neben dem Keyboard ohne Strom und die Sahne-Apfel-Torte vor dem defekten Walkman. Bei der Anmeldung im Eingangsbereich wird geplaudert. Es erweckt den Eindruck, als kämen einige, um für zwei Stunden einfach in netter Gesellschaft zu sein.

Im Fröndenberger Repair-Café helfen Bürger Bürgern

Karl-Heinz Claußen und Matthias Steffen haben das Problem schnell im Griff: Am Keyboard ist das Netzteil defekt. © Udo Hennes

Ehrenamtliche engagieren sich gegen Abzocke und die Wegwerfmentalität

Kaum wird die Torte aufgetischt, ist der erste Patient auch schon verarztet. „Das Keyboard hatte einen Wackelkontakt am Netzgerät“, sagt Thomas Ducke. Seine Tüftler-Kollegen haben erst nachgemessen, es dann noch einmal mit Batterien versucht. Schon war der Fehler behoben. „Läuft jetzt einwandfrei.“ Aber man muss eben wissen, wo der Schaden zu finden ist. Reparaturen an solchen Geräten sind oft teuer, wenn nicht sogar Abzocke. Ist die Garantie abgelaufen, wird vieles direkt weggeschmissen. Dagegen wollen die Ehrenamtlichen im Repair-Café angehen. Sie arbeiten umsonst. Erhalten dafür im Gegenzug aber nicht selten ein kleines Präsent. An selbst gestrickte Socken erinnert sich Birgit Mescher, die Senioren- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, die das Café von städtischer Seite aus mit koordiniert.

„Wahrscheinlich ist es eine Kleinigkeit, aber da ich keine Ahnung habe, lasse ich lieber Fachleute ran.“
Michael Tillmann

„Wenn ich versuche, das zuhause alleine zu reparieren, mache ich nur noch mehr kaputt“, sagt Michael Tillmann. Der noch relativ neue Mitarbeiter der Stadtverwaltung ist in Arbeitskleidung gekommen, hat dazu passend großes Gerät dabei. Motorsäge und Kreissäge sind defekt. „Wahrscheinlich ist es eine Kleinigkeit, aber da ich keine Ahnung habe, lasse ich lieber Fachleute ran.“ Matthias Steffen geht ans Werk. Er war Radio- und Fernseh-, später Maschinenbautechniker. „Im Ruhestand bin ich dann nervös geworden“, sagt Steffen. Er wollte wieder Schmieröl riechen.

Was gar nicht mehr zu reparieren ist, erhält dank Matthias Steffen eine neue Funktion

Und er hat neben dem regelmäßigen Engagement im Repair-Café ein weiteres nachhaltiges Hobby: Der ehemalige Maschinenbautechniker nennt es Steam-Punk, andere inzwischen Upcycling oder DIY von „do it yourself“. Alte kaputte Gegenstände erhalten durch Steffen eine neue Funktion: So wird aus einem historischen Föhn etwa eine Tischlampe. Das Ergebnis ist modern und hat industriellen Charme. Könnte sicher für viel Geld verkauft werden. Das tut Matthias Steffen allerdings nicht. Das Basteln ist und bleibt Hobby.

Im Fröndenberger Repair-Café helfen Bürger Bürgern

Wenn etwas gar nicht mehr zu reparieren ist, weiß Matthias Steffen trotzdem noch etwas damit anzufangen. So wurde aus diesem schmucken historischen Haartrockner eine dekorative Lampe. © Udo Hennes

Während sie nach dem Schaden suchen und die Geräte gegebenenfalls reparieren, lassen sich die Tüftler gerne über die Schuler schauen. Auch Michael Tillmann nimmt das Angebot wahr. Und packt direkt mit an. Seine Tischkreissäge muss komplett aufgeschraubt werden. Matthias Steffen behält Recht. Die Kohlen, ein Gleitkontakt im Motor, müssen gewechselt werden. In diesem Fall hat das Repair-Café Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. „Wenn ich die Ersatzteile bekomme, kann es zuhause weitergehen.“ Tillmann hat die Kohlen gemeinsam mit dem Experte ausgebaut, traut sich zu, die neuen alleine einzubauen.

Marc Tiedemann beseitigt Computerviren und hilft bei der Software-Installation

Während die Technikexperten auf dem Mühlenberg immer gut gefragt sind, haben Buchbinder und Softwareexperte noch Kapazitäten. Wer nicht weiß, wie sich auf dem neuen PC Betriebssysteme installieren lassen, oder wer mit einem Computervirus kämpft, ist bei Marc Tiedemann an der richtigen Adresse. Der junge Programmierer war eine Zeit lang in den USA, wird jetzt aber wieder regelmäßig beim Repair-Café dabei sein. Er ist über seinen Parteikontakt zu Wolfgang Voesch von der Linken auf die Aktion aufmerksam geworden. Voesch kümmert sich um Organisatorisches. „Es ist schön, wenn man Leuten helfen kann“, sagt Marc Tiedemann.

Das findet auch Buchbinder-Meister Christian Korner. Er ärgert sich zudem über die industrielle Produktion von Büchern, die wie so viele Elektronikartikel heutzutage auf Kurzlebigkeit ausgelegt seien. „Da kaufen Sie in Dortmund am Bahnhof ein Taschenbuch, lesen es im Zug und in München landet es im Papierkorb“, sagt Korner. Bücher, die dann aber länger halten sollten, seien genauso schlecht gefertigt wie das Taschenbuch vom Bahnhof. Damit schnell etwas Neues gekauft wird. „Sie sollten lieber 5 Euro teurer sein und dafür länger halten“, sagt Christian Korner.

Im Fröndenberger Repair-Café helfen Bürger Bürgern

Buchbinder Christian Korner arbeitet zuhause immer noch mit einer alten Presse. Wer ein Buch reparieren lassen möchte, kann es zum Repair-Café bringen. © UDO HENNES

Buchbinder richtet mehrere Hundert Jahre alte Bücher wieder her

Ein über 100 Jahre altes Märchenbuch, eine 300 Jahre alte Bibel und ein 120 Jahre altes Kochbuch hat er im Rahmen des Repair-Cafés wieder hergerichtet. „Die gehen so schnell nicht mehr kaputt“, ist der Buchbinder überzeugt. Beim nächsten Repair-Café soll auch ein bereits länger angekündigter Süttalin-Experte mit dabei sein. Die ersten alten Texte zum Übersetzen sind bereits beim Team eingegangen.

Gegen Ende des Tages kann nicht alles repariert sein. Einige Dinge werden von den Experten auch aus Zeitgründen mitgenommen und zuhause fertig gemacht. Am Freitag war es ein kleines elektronisches Grablicht, dass wohl endgültig den Geist aufgegeben hatte. Nur wenig enttäuscht zeigte sich die Besitzerin und Stammkundin im Café. Immerhin hat sie es versucht.

Repair-Café - eine Europaweite Bewegung

Interessierte können sich auch im Internet informieren

  • Repair-Cafés gibt es nicht nur in Fröndenberg. Es handelt sich um eine europaweite Bewegung. Das erste Repair-Café wurde im Oktober 2018 in Amsterdam organisiert.
  • Die Organisatorin Martine Postma rief die Stiftung „Stichting Repair Café“ ins Leben. Seit 2011 bietet diese professionelle Hilfe für alle, die ein Repair-Café eröffnen möchten.
  • Im Internet unter www.repaircafe.org/de/besuchen/ gibt es eine Übersicht zu allen offiziellen Repair-Cafés weltweit.
  • Fröndenberg: jeden letzten Freitag im Monat von 16 bis 18 Uhr, Bürgerzentrum auf dem Mühlenberg,Von-Stauffenberg-Straße 5
  • Unna: jeden ersten Dienstag im Monat ab 18 Uhr, Wasserstraße 13

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