Biograph über die Tragik des Wilhelm zur Nieden: „Der ist einfach allein gelassen worden“

dzMitwisser des Hitler-Attentats

Erstmals wird eine Biographie über den Fröndenberger Widerstandskämpfer Wilhelm zur Nieden erscheinen. Autor Uwe Wehnert hat in zahlreichen Archiven bislang unveröffentlichte Dokumente entdeckt.

Fröndenberg

, 13.08.2020, 18:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wilhelm zur Nieden war Mitwisser des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944. Der gebürtige Fröndenberger musste mit seinem Leben dafür bezahlen, dass er die Nazi-Diktatur stürzen helfen wollte. Seinem Tod wohnt eine besondere Tragik inne.

»Ich wollte einfach alles zusammen-
schreiben, damit es nicht verloren geht.«
Uwe Wehnert

Zwischen Biograph Uwe Wehnert und Wilhelm zur Nieden gibt es gleich mehrere Verbindungslinien, die den Ingenieur dazu bewogen, mehr Licht in das noch wenig erforschte Leben des Widerstandskämpfers zu bringen.

Biograph ist mit Wilhelm zur Nieden entfernt verwandt

Wehnert, aus Essen stammend und mittlerweile in Dresden heimisch geworden, ist nicht nur entfernt verwandt mit zur Nieden, sondern war auch auf demselben Berufsfeld tätig: Über viele Jahre hat der 64-Jährige Kraftwerke gebaut.

Seit einem Jahr forscht Wehnert an einer biographischen Dokumentation über Wilhelm zur Nieden. Der Autor legt Wert auf diese Unterscheidung: Für eine Biographie, die auch die privaten Lebensverhältnisse im Detail beleuchten müsste, fehle schlichtweg das Material.

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Außer diesem Foto von Wilhelm zur Nieden, hier im Alter von 58, sind öffentlich keine Bildnisse bekannt. Uwe Wehnert wertet zurzeit weiteres Archivmaterial, das auch Familienfotos enthält, aus.

Außer diesem Foto von Wilhelm zur Nieden, hier im Alter von 58, sind öffentlich keine Bildnisse bekannt. Uwe Wehnert wertet zurzeit weiteres Archivmaterial, das auch Familienfotos enthält, aus. © privat

Wilhelm zur Nieden war Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, einem Anfang des 20. Jahrhunderts noch völlig neuen Arbeitsgebiet. Der Techniker sei der typische „Logiker“ gewesen, kein Mann des Wortes, auch ein Tagebuch hat zur Nieden offenbar nicht geführt. Private Äußerungen sind kaum dokumentiert.

Uwe Wehnert musste sich bei seiner Archivsuche daher auf Material beschränken, mit dem er die berufliche Lebenslinie zur Niedens nunmehr exakt nachzeichnen kann. Weil aber selbst die Karriere, die der Spross einer Pfarrersfamilie in Kaiserreich und Weimarer Republik machte, bislang nur lückenhaft bekannt war, durfte Wehnert auf spannende Archivfunde hoffen – und die machte er auch.

»Er hat sich nicht so programmatisch geäußert wie sein Chef.«
Uwe Wehnert

Wehnert, dessen Ururgroßmutter „auch eine zur Nieden war“, begann das Projekt mit dem Antrieb, alles, was er über seinen verdienstvollen Verwandten findet, „zusammenzuschreiben, damit es nicht verloren geht.“

Persönlichkeit zur Niedens „schwer greifbar“

Dass bis heute keine nähere Lebensbeschreibung Wilhelm zur Niedens vorliege, habe auch mit der deutschen Teilung bis 1989 zu tun: Personalakten lagen jahrzehntelang unerreichbar in Archiven in Leipzig, wo zur Nieden bis 1933 als Beigeordneter neben dem berühmten Oberbürgermeister und Kopf des Widerstandes Carl-Friedrich Goerdeler agierte.

Nach vielen Monaten intensiver Recherche kommt Uwe Wehnert zu einem Schluss: Die Persönlichkeit Wilhelm zur Niedens sei nur „schwer greifbar“. Der 1878 in Fröndenberg Geborene war auf dem Gipfel seiner Karriere nicht nur hoher Verwaltungsbeamter, sondern auch Generaldirektor der Technischen Werke in Leipzig, hatte bis zu 10.000 Beschäftigte unter sich.

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Willi Schnieder, Vorstandsmitglied des Heimatvereins Fröndenberg und als Stadtführer bekannt, hat sich ebenfalls eingehend mit dem gebürtigen Fröndenberger Wilhelm zur Nieden befasst, der als Mitwisser des 20. Juli 1944, des Attentats auf Hitler, ermordet wurde. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin hat Schnieder recherchiert.

Willi Schnieder, Vorstandsmitglied des Heimatvereins Fröndenberg und als Stadtführer bekannt, hat sich ebenfalls eingehend mit dem gebürtigen Fröndenberger Wilhelm zur Nieden befasst, der als Mitwisser des 20. Juli 1944, des Attentats auf Hitler, ermordet wurde. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin hat Schnieder recherchiert. © Archiv/Marcus Land

Als Experte war zur Nieden geschätzt, wechselte von einem ähnlichen Posten in der viel kleineren Stadt Barmen in die sächsische Metropole. Er war für Gas- und Wasserversorgung, Straßenbeleuchtung, Stadtreinigung und die Straßenbahn zuständig; saß im Aufsichtsrat der VEW, „ein Industriemanager und Workaholic“, ahnt Uwe Wehnert, sei zur Nieden wohl gewesen, ohne Letzteres negativ zu meinen.

Goerdeler weiht zur Nieden am 30. Dezember 1943 ein

Aber: „Er hat sich nicht so programmatisch geäußert wie sein Chef“, weiß Wehnert. Carl-Friedrich Goerdeler, eine der Gallionsfiguren des Widerstandes gegen Hitler, habe zur Nieden aber offenbar vertraut und ihn am 30. Dezember 1943 bei einem Abendessen in Umsturzpläne eingeweiht.

Für den Fall eines gelungenen Putsches habe sich zur Nieden für eine leitende Beamtenposition im Verkehrsministerium zur Verfügung gestellt. Noch nicht klar sei damals gewesen, ob man Hitler töten oder nur außer Gefecht setzen wollte.

Die Ereignisse des 20. Juli 1944 sind bekannt. Eine weiter offene Frage ist, wie die Gestapo Wilhelm zur Nieden auf die Spur gekommen ist.

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Das Grab Wilhelm zur Niedens und weiterer Mitverschwörer des 20. Juli 1944 hat der Fröndenberger Willi Schnieder auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin besucht.

Das Grab Wilhelm zur Niedens und weiterer Mitverschwörer des 20. Juli 1944 hat der Fröndenberger Willi Schnieder auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin besucht. © privat

Uwe Wehnert vermutet, dass seine enge Bekanntschaft mit Goerdeler, auf dessen Auffinden eine Belohnung von zwei Millionen Reichsmark ausgesetzt worden war, das Verhängnis von Wilhelm zur Nieden gewesen sein könnte.

„Die Nazis misstrauten ohnehin allen Personen, die sie 1933 gefeuert hatten“, führt Wehnert ins Feld. Der Volksgerichtshof verurteilte den damals bereits 66-jährigen zur Nieden am 19. Januar 1945 zum Tode – wegen der Nichtanzeige eines Verbrechens, von dessen Planung er gewusst haben soll.

»Man kann nur spekulieren, ob er eine Chance gehabt hätte, mit weniger davon zu kommen.«
Uwe Wehnert

Die Abschrift des Urteils existiert noch, auch Filmaufnahmen, in denen zur Nieden als Angeklagter vor Roland Freisler steht, hat Uwe Wehnert bereits gesichtet. Die Tragik des Wilhelm zur Nieden sei nicht nur die seiner Entdeckung gewesen.

„Man kann nur spekulieren, ob er eine Chance gehabt hätte, mit weniger davon zu kommen“, sagt Wehnert einen Satz, der aufhorchen lässt.

So seien andere Angeklagte mit dem Leben davon gekommen, weil sie zum Beispiel eine Erinnerungsschwäche vortäuschten oder abstritten, mit ihrem Wissen auf eine Regierungsliste für die Zeit nach Hitler gesetzt worden zu sein.

Erfahrene Juristen seien das oft gewesen, die clever ihren Kopf aus der Schlinge ziehen konnten. Zu einer solchen Strategie habe Wilhelm zur Nieden aber offenbar niemand verholfen. Auf die Pflichtverteidiger war kaum zu setzen.

Briefe aus der Todeszelle warten auf Auswertung

„Der ist einfach allein gelassen worden“, bedauert Uwe Wehnert. Möglicherweise wird er bis zur im kommenden Jahr geplanten Buchveröffentlichung noch mehr über die letzten Lebenswochen Wilhelm zur Niedens, der in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 in Berlin erschossen wurde, erfahren.

Über Gisela Kittel, das Patenkind von Wilhelm zur Nieden, ist der entfernte Verwandet auch an Briefe gelangt, die der zum Tode Verurteilte und zeitlebens Ledige aus der Todeszelle an seine Schwestern geschrieben hat.

19 Briefe, handschriftlich in Sütterlin verfasst, die jetzt erst übersetzt worden sind, warten noch darauf, von Uwe Wehnert ausgewertet zu werden – vielleicht bringen sie noch mehr Licht in das Schicksal des Fröndenbergers.

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