Glaubt man Umfragen, schwimmen die Grünen weiter auf einer Erfolgswelle. Das ist aber nicht der Grund, warum sie im Kreis Unna einen eigenen Kandidaten für das Landratsamt nominiert haben.

Fröndenberg

, 27.09.2019, 16:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Herbert Goldmann weiß noch nicht, wer seine Konkurrenten im Kampf um das Landratsamt im Kreis Unna sein werden. Und doch sieht er in der Wahl am 13. September 2020 nicht weniger als eine „historische Chance“ dafür, dass die Grünen erstmals den Kreisverwaltungschef stellen werden.

Die Grünen kommen früh aus der Deckung – sicher auch ein Zeichen für das gewachsene Selbstbewusstsein einer Partei, die bundesweit an Bedeutung gewonnen hat.

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Aus zehn Bewerbern ausgewählt

Dass die Grünen bei der Kommunalwahl 2020 mit einem eigenen Kandidaten für das Landratsamt antreten wollen, steht schon seit geraumer Zeit fest. „Das haben wir unmittelbar nach der Europawahl entschieden“, sagt Grünen-Kreissprecher Gerrit Heil. Die Kandidatensuche verlief typisch grün – sprich: basisdemokratisch. Zehn Kandidatinnen und Kandidaten bewarben sich um die Position des Spitzenkandidaten, Herbert Goldmann setzte sich in der Kreismitgliederversammlung am 24. September durch und formuliert nun ganz klar: „Mein Anspruch ist es, der erste grüne Landrat des Kreises Unna zu werden.“

Ein erfahrener Politiker

Der Fröndenberger ist politisch alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Seit 2002 ist er Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag, von 2012 bis 2017 war er Landtagsabgeordneter. Neben seiner politischen Erfahrung setzt er aber auf seine jahrzehntelange Erfahrung in der Verwaltung.

„Genau das brauchen wir jetzt. Wir brauchen einen Landrat, der von Tag eins an arbeitet“, sagt Gerrit Heil. Schaut man auf die Agenda von Herbert Goldmann, würde man wohl zustimmen. Der Grüne will den Kreis in weiten Teilen neu aufstellen.

„Historische Chance“: Grüne setzen auf Herbert Goldmann als Landrat für den Kreis Unna

„Wir brauchen einen Landrat, der von Tag eins an arbeitet“, erklärt Gerrit Heil. © Marcel Drawe

Radwege nach dem Vorbild Niederlande

Ein Programm haben die Grünen noch nicht. „Es kann aber nicht überraschen, dass wir darin Radwege fordern werden“, sagt Goldmann. Der 65-Jährige blickt in die Niederlande: „Dort ist es völlig normal, dass neben allen Straßen ein Radweg verläuft. Und auch im Münsterland ist das nicht selten. Was also ist so schwierig daran?“

Radwege sind für Goldmann ein Teil der Klimawende. Dass der Grüne die fordert, ist selbstverständlich. Der Kampf für den Klimaschutz steckt im grünen Gen. Der Kreis Unna hat früher als viele Städte und Gemeinden den Klimanotstand ausgerufen – erst in dieser Woche folgten etwa Goldmanns Wohnort Fröndenberg und die Stadt Unna diesem Beispiel.

„Es war schon erstaunlich, wie sich im Kreistag plötzlich alle Parteien einig waren, sogar eigene Anträge stellten“, erinnert sich Goldmann – und fordert nun Taten. „Wir müssen das jetzt untermauern. Mir fehlt aber die Fantasie, dass die SPD und die CDU in dieser Hinsicht nachhaltige Konzepte entwickeln.“ Immer wieder fällt bei Goldmann das Wort von der „Gestaltungsmehrheit“. Die beiden großen Parteien haben aus ihren Möglichkeiten zu wenig gemacht – das ist Goldmanns Tenor.

Stiftungsskandal wirkt nach

Und nicht nur das. Beim inzwischen mehr als zwei Jahre zurückliegenden Stiftungsskandal um Haus Opherdicke hätten sich die Fraktionsvorsitzenden Brigitte Cziehso (SPD) und Wilhelm Jasperneite (CDU) „völlig verrannt“. Goldmann vermisst bis heute Zeichen für eine Einsicht der beiden Protagonisten von damals. „Es ist doch überhaupt nicht schlimm, zuzugeben, dass man etwas falsch gemacht hat, eher ein Zeichen der Stärke“, sagt Goldmann. Ob der Stiftungsskandal bei der Kommunalwahl 2020 auch bei den Wählern nachwirkt, bleibt abzuwarten.

„Historische Chance“: Grüne setzen auf Herbert Goldmann als Landrat für den Kreis Unna

Grünen-Kreissprecher Gerrit Heil (l.) ist sicher, dass Herbert Goldmann gute Chancen hat, erster grüner Landrat im Kreis Unna zu werden. © Marcel Drawe

Verkehrswende gefordert

Goldmann fordert für den Kreis Unna aber nicht nur eine Klima-, sondern auch eine Verkehrswende hin zu mehr öffentlichem Personennahverkehr. „Es ist doch peinlich, dass Bergkamen immer noch keinen Bahnhof hat“, sagt Goldmann. Selbst wenn der nicht komme, müsse es etwa Schnellbusse als Alternative geben. „Natürlich müssen wir eine Schwächenanlyse machen und gucken, was nicht gut läuft. Wir müssen aber auch Bedarfe ermitteln und prüfen, ob wir dafür nicht Geld in die Hand nehmen wollen“, sagt Goldmann. Das Beispiel Sozialticket zeige, dass keine Kosten entstanden seien, sondern der Kreis sogar an dessen Erfolg partizipiere.

Wirtschaft neu gestalten

Eine Wende ist für Goldmann auch in der Wirtschaftspolitik erforderlich. „Der Kreis Unna war immer unter den Top 3 bei den Logistikstandorten. Es wurde aber zu wenig darauf geachtet, wie viele sozialversicherungspflichtige Jobs entstehen“, erklärt Goldmann mit Blick auf große Hallen, in denen vergleichsweise wenige Menschen arbeiten. „Da müssen wir uns neu positionieren“, fordert Goldmann.

Der Fröndenberger verweist darauf, dass der Kreis Unna in den nächsten Jahrzehnten etwa 20.000 Einwohner verlieren wird. Das biete nicht nur die Möglichkeit, Flächen zu kaufen und zu revitalisieren, sondern mache auch einen Blick „über den Tellerrand hinaus“ erforderlich. „Wir müssen sehen, was es rund um den Kreis Unna schon gibt“, will er sich besser mit den Nachbarkreisen abstimmen.

Für Bürger öffnen

Dem Kreis Unna will er ein offeneres, dem Bürger zugewandtes Gesicht geben. „Wir brauchen als ersten Ansprechpartner qualifiziertes Personal, das die Menschen nicht nur im Kreishaus umherschickt, sondern sich um Anliegen konkret kümmert“, sagt Goldmann. Dahinter steht die Idee eines Bürgerbüros, wie ihn viele Städte schon bieten. „Das geht nicht von heute auf morgen. Das weiß ich. Aber da müssen wir offener werden“, sagt Goldmann, der als Landrat zudem eigene Sprechstunden an wechselnden Orten in allen Städten und Gemeinden des Kreises anbieten will.

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