„Im Becken ist man per Du“, sagt Annette Reeske. Und die Dellwiger Frühschwimmer sind so oder so eine verschworene Gemeinschaft. Aber warum fährt selbst aus Schwerte jemand zum Schwimmen in einen Fröndenberger Stadtteil?

Fröndenberg

, 25.07.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als wäre die Stunde im Schwimmbecken gar nichts, erheben sich plötzlich zwei rüstige Herren am Frühstückstisch und stimmen maritime Klänge an. Während Helmut Marck (95) gekonnt in seine Mundharmonika bläst, schmettert Karl-Heinz Renzel (91) dazu inbrünstig einige Strophen. „Heute an Bord“ heißt das Seemannslied – der Applaus ist den beiden „Alterspräsidenten“ der Frühschwimmerrunde sicher.

Der weit gereiste 95-Jährige trägt eine „Opa Helmut“-Kappe

Helmut Marck kommt schon ewig und drei Tage von der anderen Seite der Ruhr, aus Halingen, rüber nach Dellwig. Seitdem er seinen Führerschein abgegeben hat, „holen mich Dieter und Gisela zuhause ab“, erzählt der Weitgereiste, der für Hoesch Dortmund schon in Kalkutta arbeitete und immer noch jeden Winter „zwei, drei Monate in die Karibik fährt“.

Wenn er mal vergleichen sollte? „Schöner ist es in Dellwig“, sagt Marck, mit Kappe „Opa Helmut“ auf dem Kopf, verschmitzt. Und alle, die das am Tisch hören, jubeln auf. Denn für die Truppe, die den ein oder anderen Schalk unter sich weiß, ist das Freibad schon ein bisschen Zuhause und die Frühschwimmergemeinde so etwas wie gute Freunde.

Als Badegast fingen viele an und wurden dann ehrenamtliche Helfer

Was viele verbindet: Sie sind als Badegäste gekommen und haben sich irgendwann später ehrenamtlich für das Freibad engagiert. „Das ist hier so persönlich“, lobt Monika Thiede. Schnell habe man sich im Wasser kennengelernt – und jetzt pflege man regelmäßig auch gemeinsam die Rabatten im Freibad. Ein gutes Beispiel, wie man von der Freizeit zum Ehrenamt kommt, ist auch Peter Weidemann: Vor 42 Jahren ist er von Dortmund nach Ardey gezogen. „Ich hatte nie etwas am Hut mit Vereinen“, sagt der Leiter des Veranstaltungsteams im Freibad Dellwig. Von der Wasser-Marsch-Party über das Hundeschwimmen bis zum Saisonausklang mit Musik – Peter Weidemann wurde vom Freibadbesucher zum Helfer – und ist weiterhin Badegast und fühlt sich in der Gemeinschaft pudelwohl. „Ich mache das ja auch für mich“, sagt Peter Weidemann, „und wenn ich es morgens mal nicht schaffe, bin ich unzufrieden.“

Nicht anders geht es Adolf Leininger, der sich sogar aus Schwerte-Holzen aufmacht, um in Dellwig zu schwimmen. „Das ist einfach ein tolles Team, wir haben viel Spaß“, erzählt der 83-jährige frühere Deutsche Meister im Behindertensport über 400 Meter Schwimmen – Leininger ist Prothesenträger. Und Karl-Heinz Renzel, der schon seit 1949 in Dellwig schwimmen geht, reißt Hin- und Rückweg nach Langschede auf dem Drahtesel ab. „Na, sicher“, lacht der 91-Jährige da bloß, als er angestarrt wird.

Die Geselligkeit lockt den gebürtigen Düsseldorfer Morgen für Morgen zu der „frühen Rentnergruppe“, wie Rudi Hölmer sie nennt – wobei man es auch Frühschwimmen für Langschläfer nennen könnte, schließlich springen sie erst um 9 Uhr ins Nass – richtig früh ziehen noch die Berufstätigen ihre Bahnen.

Plötzlich gibt’s in der Frühstücksrunde Sekt

Neben Renzel am reich gedeckten Frühstückstisch – über die Schulter wird jetzt auch Sekt eingeschenkt – sitzt Dorothea Weidemann, die für die Verpflegung im Freibad zuständig ist. „Ich versuche immer, auch Jüngere zu gewinnen“, erzählt sie. Schließlich müsse alles am Laufen gehalten werden; an heißen Tagen ist besonders viel Betrieb, da muss man auch kurzfristig einspringen. Das gelinge aber, denn: „Jeder spricht mit jedem“, sagt Dorothea Weidemann. Nach der Frühschwimm- und Frühstücksrunde, die spontan verabredet wird, geht es für so einige im Ehrenamt also gleich weiter im Freibad.

Kraft für den Tag oder einfach nur gute Laune haben bis dahin vermutlich alle getankt. Ob beim Schwimmen, beim Klönen – oder Witze erzählen. Denn das ist auch so ein Ritual bei den Frühschwimmern. „Damit haben unsere Rudelschwimmer angefangen“, weiß Annette Reeske. Offenbar haben sie die beste Kondition ... irgendwann wurde daraus das Bonmot: Vor 10 Uhr werden anständige und nach zehn Uhr unanständige Witze erzählt. Hörbeispiele gab es beim Besuch unserer Zeitung am Dienstag übrigens nicht.

Gesund wäre das schon. „Wenn man am Tag eine Minute lacht, lebt man eine Stunde länger“, zitiert da passend Rudi Hölmer ein chinesisches Sprichwort, „und wir lachen hier deutlich länger.“

„Da wir ein Bürgerbad sind, sind wir auf Gemeinschaft angewiesen“, sagt Dirk Weise. Man müsse vor allem stets um neue freiwillige Helfer kämpfen. Es sei nicht mehr selbstverständlich, dass man am Ende einer Saison schon wissen, dass man auch die nächste ohne Bauchschmerzen eröffnen könne, sagt der Geschäftsführer der Betreiberin Freibad Dellwig gGmbH. Ehrenamt ermöglicht auch das neue Angebot für berufstätige Saisonkarteninhaber, die seit dieser Saison von 6.30 bis 8 Uhr in die kühlen Fluten springen können. „Die Geschichte ging so“, erzählt Weise, „ich traf eines Morgens Heinz Bensch beim Bäcker und habe ihn gefragt: Heinz, wann stehst du morgens auf?“ Der frühere Dellwiger Schwimmmeister antwortete: „Du möchtest Frühschwimmen anbieten.“ Der Handel war damit perfekt. Seit Mai haben bereits fast 1000 Schwimmer dieses Angebot wahrgenommen, kommen aus dem gesamten Umland nach Dellwig. Den Badegästen müsse immer aufs Neue etwas Besonderes angeboten werden: Daher werde man vom heutigen Mittwoch bis Freitag, wenn tropische Temperaturen erwartet werden, Berufstätigen etwas Gutes tun: Ab 18 Uhr werde für Erwachsene nur ein Eintritt von 2 Euro, für Kinder von 1 Euro fällig.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Sonderzüge zum BVB
Zum BVB-Spiel gegen Köln fahren noch keine Sonderzüge über Fröndenberg
Hellweger Anzeiger Finanzausschuss
Mehr als 800.000 Euro: Schulen stehen weit oben auf der Investitionsliste der Stadt
Meistgelesen