Wenn Eichhörnchen ihre Mutter verlieren, überleben sie nicht lange – zumindest, wenn sie nicht zu Helga Meissner gebracht werden. Sie ist eine der wenigen, die genau wissen, wie man die Nager rettet.

Fröndenberg

, 11.10.2018, 12:17 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Helga Meissner den kleinen Raum im zweiten Stockwerk ihres Hauses in Fröndenberg betritt, wird sie gleich stürmisch empfangen. Ihre kleinen Gäste krabbeln flink an ihren Beinen hoch, machen es sich in ihrem Nacken bequem und krabbeln vor Aufregung an dem Gitter, das an dem großen Rundbogenfenster angebracht ist, bis unter die Decke. Der Raum ist mit Tüchern, kleinen Höhlen, einem Tunnel und zwei großen Käfigen ausgestattet. Die kleinen Bewohner sind aber nicht darin eingesperrt – denn sie brauchen Platz zum Toben. Die vielen Nussschalen auf dem Boden verraten schnell, wer hier haust. Es sind Eichhörnchen.

Auffangstation für Eichhörnchen

Während die älteren Eichhörnchen ihr eigenes „Zimmer“ haben, bleiben die wenige Wochen alten und geschwächten Tierchen unten im warmen Wohnzimmer der Meissners. Die ältesten „Hörnchen“ - so nennt Meissner ihre Schützlinge – sind indes draußen untergebracht. Das großzügige Außengehege ist die letzte Station vor ihrer Auswilderung. Seitdem die gelernte Tierarzthelferin im Jahr 1999 ein Eichhörnchen ihrer Nachbarin aufgenommen hat, ist in ihrem Haus ununterbrochen füttern, pflegen, verarzten und spielen angesagt. Bis Juli 2017 war das noch in Holzwickede und nun in Fröndenberg. Eichhörnchen seien personenbezogen und sie müsse den Kontakt halten, damit sie bis zum Auswildern Vertrauen in sie haben, sagt Meissner „Ich bin der Baum, der Spielball, einfach alles“, sagt sie auf die Frage, wie sie mit den Hörnchen spielt. „Ich muss einfach nur da sein.“

Helga Meissner nimmt junge Eichhörnchen bei sich auf – sie zog jüngst nach Fröndenberg

In „ihrem“ Zimmer haben die Eichhörnchen Platz, um sich auszutoben. Hier bleiben sie, bis sie in das Außengehege kommen – und dann in den Wald. © Marcel Drawe

Schutzlose Waisen

Doch wenn es um die Verpflegung der Hörnchen geht, reicht es bei Weitem nicht, einfach nur da zu sein. Es reicht auch nicht, sich im Internet zu informieren, und oft wisse auch ein Tierarzt nicht, wie man die Tiere richtig versorgt. Die Medikamente würden ihnen oft schaden, erzählt Meissner. Und meist entflohen Tierärzte die Nager und das sei tödlich. Anfangs wusste auch Meissner nicht alles über die Pflege von Eichhörnchen, doch jetzt ist sie eine Expertin. „Ich habe es von den Eichhörnchen gelernt. Ich war eine Autodidaktin.“, sagt sie. Sie habe aber nicht nur alles über Aufzucht, Verhalten und die Eigenschaften der Tiere gelernt, sondern auch verstanden. Zum Tierarzt gehe sie nur im Notfall und dann sei sie bei der Untersuchung dabei. Die 58-Jährige verarztet kranke oder verletzte Tiere aber meist selbst. Oft haben sie Nasenbluten oder eine Gehirnerschütterung, weil sie tief gefallen sind – beispielsweise, wenn ein Baum gefällt wird, in dem sich ein Eichhörnchen-Kobel befindet.

Dankbar für Spenden

Im ersten Jahr hat sie sechs Eichhörnchen aufgezogen, im darauffolgenden Jahr waren es acht – und nun sind es zwischen 60 und 80 Hörnchen pro Jahr. Die kleinen Höhlen, das große Außengehege, die spezielle, besonders gut verträgliche Aufzuchtmilch, die sie in Amerika bestellen muss, zahlt sie aus eigener Tasche. Hinzu kommt das Futter, das neben Obst, Gemüse und Kinderkeksen vor allem aus Nüssen besteht. Rund 800 Kilogramm Walnüsse verfüttert Meissner pro Jahr an die kleinen Nager. Über Nussspenden freut sie sich deshalb sehr – auch Nüsse aus dem vergangenen Jahr schmecken den Hörnchen noch. Manche Finder spendeten auch eine kleine Summe, das komme aber eher selten vor, so Meissner. Wer Nüsse spenden möchte, erreicht Meissner unter Tel. (01 71) 9 41 89 59. Besonders nach dem trockenen Sommer kann sie die gut gebrauchen – ihr Nusslieferant habe schon angekündigt, dass die Preise in die Höhe schießen werden, weil er viel gießen musste. Voriges Jahr habe sie viele Nüsse zukaufen müssen, weil der Winter so kalt war.

Helga Meissner nimmt junge Eichhörnchen bei sich auf – sie zog jüngst nach Fröndenberg

Helga Meissner hat hinter ihrem Hof ein großes Außengehege für ihre Eichhörnchen. Dort haben sie kleine Holzhütten, in denen sie die Tiere in den Wald bringt. © Marcel Drawe

Die Menschen sind schuld

Das Wetter spielt aber noch eine weitere Rolle bei der Eichhörnchen-Aufzucht. So rufen besonders viele Finder an, wenn es große Stürme gibt. Als 2007 der Orkan Kyrill in Deutschland tobte, musste Meissner sogar ihr Telefon abschalten, weil sie nicht alle Eichhörnchen unterbekommen hätte. Nach dem Sturmtief Friederike, das im Januar dieses Jahres für Chaos sorgte, blieb Meissners Telefon jedoch still – denn da gab es noch keine Jungtiere. Geboren würden die meisten Eichhörnchen zwischen Mitte Februar und September. Unwetter sind aber das kleinere Übel. Der Grund dafür, dass tatsächlich so viele Eichhörnchen ihre Mutter verlieren, sind die Menschen. Neben Baumfällarbeiten seien auch nicht abgedeckte Regentonnen oder Gartengifte Todesursachen für Eichhörnchenmütter, erklärt Meissner, die mit einer mobilen Praxis für Tierhomöopathie selbstständig ist. Wenn sie die Tiere in den Wald bringt, ärgert Meissner sich außerdem über Müll – besonders Glasflaschen. „Eichhörnchen sind sehr empfindlich. Die Menschen sollten umweltfreundlicher handeln“, appelliert sie.

„Ich habe es von den Eichhörnchen gelernt. Ich war eine Autodidaktin.“
Helga Meissner,
Fröndenberg

Neu in Fröndenberg

Meissner ist eine von wenigen in der Umgebung, die Eichhörnchen aufzieht, um sie dann schnellstmöglich wieder in die Freiheit zu entlassen. Eine weitere Station wäre da nicht schlecht, doch zu oft seien die Leute – wenn sie denn geeignet sind – nicht konsequent genug. Nach ein paar Wochen würden die meisten ihre Hörnchen wieder bei Meissner abgeben wollen, doch das ginge nicht – „man muss sich das gut überlegen. Wenn, dann muss man es von A bis Z machen“, sagt sie. Fremdaufgezogene Tiere nehme sie nicht auf, weil die Tiere Angst vor Fremden haben. Noch nimmt die selbstständige Tierhomöopathin aber Tierchen auf – auch wenn das eine Menge Arbeit bedeutet. Schließlich müssen neugeborene Eichhörnchen alle zwei Stunden gefüttert werden – das mache sich am nächsten Tag schon bemerkbar. Sie könne aber kein Eichhörnchen sterben lassen und „sie sind süß, witzig und geben Lebensfreude“.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Eichhörnchen-Auffangstation in Fröndenberg

Helga Meissner hat eine Eichhörnchen-Auffangstation in ihrem Haus in Fröndenberg eingerichtet. Von ihrer Sorte gibt es nicht besonders viele. Sogar der Tierschutz und die Arche wenden sich an Meissner, wenn ein Eichhörnchen gefunden wurde. Meissner freut sich übrigens immer über Nuss- und Geldspenden. Futter, Unterkunft und Medikamente zahlt sie aus ihrer eigenen Tasche. Und bei 800 Kilogramm Walnüssen pro Jahr kommt da einiges zusammen.
11.10.2018
/
Ein rotes Eichhörnchen lebt derzeit bei Helga Meissner. Noch ist es zu jung, um ausgewildert zu werden. © Marcel Drawe
Die Decken und Höhlen, in denen die Eichhörnchen untergebracht sind, sind aus Fleece-Stoff gefertigt. Dieser nimmt im Gegensatz zur Baumwolle keine Feuchtigkeit auf. "In diesem Sommer habe ich für das Außengehe außnahmsweise auch Baumwolle verwendet, weil es so warm war", erklärt Meissner. © Marcel Drawe
Eichhörnchen sind schlaue Tiere - und vorsichtig. Langsam tastet sich ein Junges an den neuen Besucher mit seiner Kamera heran. © Marcel Drawe
Die Tiere sind gute Kletterer. In ihrem eigenen Zimmer können sie sich austoben. © Marcel Drawe
Das jüngste Mitglied ihrer Eichhörnchen-Familie ist fünf bis sechs Wochen alt - für sein Alter, aber noch viel zu klein. Weil es unterkühlt ist, wärmt Meissner es mit Wärmekissen. Zum Schlafen deckt sie es mit einer Fleecedecke zu. Die Kobel im Wald sind mit Moos ausgestatten und auch sehr weich. "Eichhörnchen haben verschiedene Kobel, Die zum Schlafen unetrscheiden sich deutlich von den anderen", sagt Meissner. © Marcel Drawe
Meissner hat in dem Eichhörnchen-Raum auch Holzstämme. Immerhin sind und bleiben Eichhörnchen wilde Tiere. Sind sie fit genug, wildert Meissner sie aus. © Marcel Drawe
Mit kleinen Spritzen füttert Meissner die Eichhörnchen-Findlinge mit spezieller Aufzuchtsmilch, die sie vorher abkocht. Sie muss die Milch extra aus Amerika bestellen, weil es sie in Deutschland noch gar nicht gibt. Zur Not ginge auch Katzenaufzuchtsmilch, aber die für Eichhörnchen sei besser verträglich. "Und sie schmeckt den Hörnchen", weiß Meissner. © Marcel Drawe
Helga Meissner füttert die Eichhörnchen nicht nur, sondern unterstützt sie auch beim Wasserlassen. "Junge Eichhörnchen können nicht selbstständig pinkeln", sagt sie.© Marcel Drawe
Futterstellen wie diese hat Meissner nicht nur im Außengehe, sondern auch im Wald angebracht. Immerhin droht ein kalter Winter. © Marcel Drawe
In diesen kleinen Holzhütten schlafen die Eichhörnchen im Außengehege. Darin werden sie auch in den Wald gebracht. Meissner hat oben in den Bäumen Holzflächen angebracht und stellt die Kisten darauf - ähnlich wie im Gehege auch. So bereitet sie den Tieren so wenig Stress wie möglich. © Marcel Drawe

Die Felle der Eichhörnchen variieren stark. Neben dem immer weiß gefärbten Bauch reicht die Fellfarbe von hellem Fuchsrot bis zu Schwarz. Das Zwischenstadium weist einen schokoladenbraunen Rücken auf, der über Fuchsrot in den weißen Bauch übergeht. Schwarzes Fell ist länger, dichter und isoliert besser. Daher finden sich in höheren, feuchten und kühlen Lagen häufiger schwarze Tiere. Braune Knopfaugen, buschiger Schwanz, weiches Fell – Eichhörnchen sind klare Sympathieträger. In Europa und Asien sind sie die einzigen Vertreter der sogenannten Baumhörnchen. Doch die Frage ist: wie lange noch? Die niedlichen Nager bekommen nämlich Konkurrenz. Aus Nordamerika stammende Grauhörnchen beginnen sich in Europa zu etablieren und auf Kosten des Eichhörnchens auszubreiten. Es bedarf bei Grauhörnchen nur weniger Tiere, um tragfähige Populationen zu bilden. Sie sind zudem robust und wanderfreudig und lassen sich von geografischen Barrieren wie Flüssen, ungeeigneten Landschaften oder Industrialisierung nicht abhalten. Sie haben in Laub- und Mischwäldern deutliche ökologische Vorteile gegenüber den Eichhörnchen, die eigentlich eine klassische Nadelwald-Art sind. (Quelle: nabu.de)
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Straßensanierung
Verhängnisvoller Plan: SPD-Antrag wird für Bürgermeisterkandidatin Müller zum Eigentor
Hellweger Anzeiger Schülerzahlen
Anmeldung an den Grundschulen in Fröndenberg: So teilen sich die Klassen nun auf
Hellweger Anzeiger Breitbandausbau
Für schnelles Netz: Muenet kommt nach Frömern – wenn Bürger 325 Verträge abschließen
Hellweger Anzeiger Stiftung für Fröndenberg
„Gutes Tun“ geht an den Start: Gründungsversammlung mit Stiftern der ersten Stunde
Meistgelesen