Start-Stiftung fördert Fröndenbergerin mit Zuwanderungsgeschichte

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Keisa Dedja kam mit 14 Jahren aus Albanien nach Deutschland. Sie ist eine von 31 Stipendiaten aus NRW, die in das Förderprogramm der Start-Stiftung aufgenommen wurden.

Fröndenberg

, 05.10.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als sie 15 Jahre alt war, ließ ihr Vater Keisa Dedja alleine am Dortmunder Busbahnhof zurück. Für sie brach damals eine Welt zusammen. Eine Welt, die sie sich wieder zusammengebaut hat – in einer Welt, die sie nun verbessern möchte.

Die damals 14-jährige Keisa Dedja ist vor drei Jahren mit ihrem Vater, ihrer Schwester und deren kleiner Tochter aus Albanien nach Deutschland gekommen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Leverkusen lebte sie mit ihrem Vater zehn Monate lang in einem Container in Fröndenberg, bevor sie in der Flüchtlingsunterkunft in Stentrop unterkamen. Vor einem Interview bei den Behörden entschied ihr Vater, freiwillig zu gehen – weil Albanien als sicheres Herkunftsland galt.

Alleine zurückgelassen

Dedja packte ihre Sachen, machte sich mit ihrem Vater auf den Weg nach Dortmund und war sicher, dass es nun zurück in die Heimat ging – doch so kam es nicht. Er habe ihr gesagt, dass sie in Deutschland bleiben werde und ließ sie einfach am Bahnhof stehen.

„Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ich so stark bin“, sagt Dedja über das, was dann geschah. Sie kam zunächst bei ihrer Schwester unter, lebte lange in einem Heim und durfte dann nach längerem Hin und Her zu ihrer Schwester zurückziehen, die einen Ausbildungsplatz als Altenpflegerin gefunden hatte.

Die Welt verbessern

Nach nur drei Jahren spricht Dedja gut Deutsch. Dieses Jahr hat sie eine Ausbildung zur Kinderpflegerin begonnen. Zusätzlich arbeitet sie ehrenamtlich im Treffpunkt Windmühle und bringt den Kindern dort tanzen bei. „Das ist mein Hobby, ich drehe zu Hause gerne die Musik auf und tanze.“ Das klingt wie ein gewöhnliches Hobby. Gewöhnlich ist das Leben von Keisa Dedja aber nicht – und das soll es auch nicht bleiben. Sie will nach der Ausbildung ihr Fachabitur machen und Sozialpädagogik studieren. Die Hilfe, die sie in Deutschland erfahren hat, möchte die Fröndenbergerin an andere Jugendliche zurückgeben.

Auf ihrem Weg bekommt die 17-Jährige Unterstützung von der Start-Stiftung. Dedja ist eine von 31 Jugendlichen in NRW, die in das Engagementförderungsprogramm aufgenommen wurden. Am Montag wurde die Aufnahme der Schüler im Landtag gefeiert. Die Integrationssekretärin Serap Gülper überreichte Dedja und den anderen persönlich ihre Urkunden. Neben der finanziellen Unterstützung werden Bildungs- und Wahlseminare angeboten. Was genau sie dort erwartet, weiß Dedja noch nicht, doch sie empfindet schon den Kontakt zu den anderen Geförderten als Bereicherung. „Alle kommen aus verschiedenen Ländern, aber es gibt keine Unterschiede. Alle sind für ein Ziel da“, sagt sie. Hautfarben oder Religionen würden keine Rolle spielen. Sie fasziniere, dass die Jugendlichen etwas verändern wollen und eine genaue Vorstellung davon hätten, was sie einmal machen möchten – so wie sie.

„Demokratie stärken“ ist ein Leitspruch der Start-Stiftung – und genau das will Dedja später als Sozialpädagogin tun. „Ich habe mich nie alleine gefühlt“, sagt sie über die Unterstützung, die sie in Deutschland erfahren hat und die sie anderen in Zukunft bieten möchte. Demokratie sei Freiheit, aber viele würden diese Freiheit einfach ausnutzen, sagt sie in Bezug auf die hohen Arbeitslosenzahlen. Für sie bedeute Demokratie Chancen zu haben und die wolle sie nutzen. In Albanien hätte es für sie keine Möglichkeiten gegeben. Sie wäre verheiratet worden und nie arbeiten gegangen. Das ist in Deutschland anders. Das Land habe ihr Träume gegeben, die sie nun verwirklichen möchte – das hat sie angetrieben, die Sprache zu lernen und sich zu engagieren.

Starke Unterstützung

Sie geht ihren Weg und das ohne ihre Eltern, denn zu ihnen hat sie keinen Kontakt mehr. Natürlich gebe es Momente der Traurigkeit – vor allem, wenn sie andere Familien sieht und Eltern, die ihre Kinder beschenken und unterstützen. „Aber ich verstecke meine Traurigkeit und mache weiter.“ Ihre Familie seien ihre Freunde und ihre Schwester, die sie auf ihrem Weg begleiten. Denn obwohl sie stolz auf sich sein könnte, sagt sie, dass ihr bisheriger Erfolg nicht ihr eigener Verdienst sei. Freunde, Lehrer und Thomas Reimann vom Treffpunkt Windmühle, der sie sie damals an das Jugendamt vermittelte, halfen ihr, weiterzumachen.

Ziel des dreijährigen außerschulischen Förderprogramms ist laut Start-Stiftung die Vermittlung von Werten und Kompetenzen, die zur aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft und Demokratie befähigen. Die Jugendlichen sollten erfahren, wie sie wirksam Verantwortung übernehmen und selbst als Vorbilder für andere tätig werden können. Sie sollen sich für ein gerechtetes Land einsetzen und werden dabei nicht nur mit einer materiellen, sondern auch einer ideellen Förderung unterstützt. Die Schüler erwarten diverse Bildungsangebote und ein Demokratiekongress, bei dem sie in Kontakt mit Führungskräften aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft kommen. Das Programm geht auf eine Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung zurück. Die leistet den größten Einzelbeitrag zum Programm. Über 100 Partner wie Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen – 30 davon aus NRW – stellen weitere Stipendien zur Verfügung. Seit 15 Jahren fördert die Start-Stiftung mittels Stipendien talentierte Schüler mit Migrationsgeschichte. Die Förderung richtet sich an Schüler mit Migrationsgeschichte –entweder sind sie selbst zugewandert oder ihre Eltern. Voraussetzung für die Förderung ist, dass sie in die 9. oder 10. Klasse kommen und noch mindestens drei Jahre zur Schule gehen.
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