Wilm Rogge lebt Maria Montessoris Motto von der Hilfe zur Selbsthilfe: Der Student engagiert sich in einem Bildungsprojekt in Südamerika. Es geht um Elementares wie Kochstellen für Schulen.

Fröndenberg

, 20.12.2018, 16:22 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zwischen Bentrop und Bolivien liegen mehr als 10.000 Kilometer. Ein Klacks im Vergleich zu den Welten, die sich zwischen, sagen wir, der propperen Mensa der Gesamtschule Fröndenberg und übel qualmenden Holzöfen in den Schulen der bolivianischen Region Micani auftun. Doch diese große Kluft lässt sich mit einfachen Mitteln zumindest ein Stückchen verkleinern, wie Wilm Rogge beweist.

Er kommt aus Bentrop und ist ein Tüftler

Wilm Rogge stammt aus Bentrop und ist ein Tüftler. Ein Windrad aus einem alten Ölfass bauen? Nichts ist unmöglich, im Garten seiner Eltern baldowert der 24-Jährige solche kreativen Ideen aus. Die Wahl des Studiengangs Maschinenbau an der renommierten RWTH Aachen lag für den Abiturienten da nahe. An der Technischen Hochschule kam der Bentroper vor eineinhalb Jahren in Kontakt mit der Aktion Sodis. Das Entwicklungshilfeprojekt der Universität wird hauptsächlich von Studenten getragen. Seit fünf Jahren geben die angehenden Maschinenbauingenieure ihr Wissen und ihre Fertigkeiten an Einheimische in Bolivien weiter.

Die Partnerorganisation, mit der die Aktion Sodis in Bolivien zusammenarbeitet, heißt Fundación Sodis. Von dort leitet sich auch der Name ab. Den Verein „Aktion Sodis“ haben die Studenten um Wilm Rogge im vergangenen Frühjahr gegründet, „um unsere Partnerorganisation in Bolivien noch besser unterstützen zu können und den ganzheitlichen Ansatz für die Region Micani noch besser verfolgen zu können“, erklärt Wilm Rogge. Zuvor waren er und seine Mitstreiter als „Ingenieure ohne Grenzen“ aktiv. Deren Projekte beziehen sich aber immer nur auf eine bestimmte Problemstellung. Die Aktion Sodis möchte aber die Region Micani gern weiter unterstützen, demnächst mit dem Bau von Trenntoiletten. Wilm Rogge: „Außerdem können wir so garantieren, dass alle Spendengelder nach Bolivien gehen. Vor Ort konnten damit schon der Techniker Wilson Claros und Buchhalterin Rosse Mari Fernandez fest eingestellt werden. Die Partnerorganisation der Aktion Sodis, die Schweizer NGO „Helvetas Swiss Intercooperation“ zieht sich Ende Dezember zurück. Daher ist man verstärkt auf Spenden aus Deutschland angewiesen.

Zunächst half Wilm Rogge beim SpendensammelnWeil allein die Flugreisen in das südamerikanische Land viel Geld kosten, half Wilm Rogge zunächst beim Spendensammeln mit. „Fundraising, Spendenpartys organisieren, bei Stiftungen Mittel einwerben“, erzählt Wilm. Irgendwann wollte er aber auch vor Ort mit anpacken.

Fröndenberger Student überwindet die Kluft der Kulturen zwischen Bentrop und Bolivien

So sieht der Ort Micani aus. © Privat

Im vergangenen September war es dann soweit: Für acht Wochen flog der Student, der kurz vor seiner Masterarbeit steht, nach Bolivien. Vermutlich ist ein Kulturschock ganz normal, wenn man nach mehr als 20 Flugstunden einen anderen Kontinent zum ersten Mal betritt. Die herzliche Aufnahme und große Dankbarkeit der Bolivianer konnten bei Wilm Rogge diesen Schreck allerdings nicht hervorrufen, vielmehr beeindruckte ihn das kärgliche Leben im Distrikt Micani, im Herzen Boliviens in den bergigen Landschaften der Cordillera Charcas.

Schüler laufen Stunden zu ihrer Dorfschule

Schüler laufen manchmal zwei Stunden zu ihrer Dorfschule, man sieht vereinzelte Lehmhütten in der Gegend, in der es weder fließendes Wasser noch Strom gibt. Ein Kochtopf auf zwei, drei Steinen stehend, darunter qualmendes Holz - so kochten sie in den Dorfschulen das Essen für die Kinder. „Das ist so schlimm, wie eine Schachtel Zigaretten am Tag zu rauchen“, zieht Wilm Rogge einen drastischen Vergleich. Natürlich hatte er sich als Leiter der Technikgruppe der Aktion Sodis zuvor mit der Frage beschäftigt, was in San Pedro am dringendsten benötigt würde. Aber wenn man es dann live und in Farbe sieht . . . Wilm Rogge: „Sie sind dort spartanisch ausgerüstet, aber mit genau solchen Schulen wollen wir ja kooperieren.“

Fröndenberger Student überwindet die Kluft der Kulturen zwischen Bentrop und Bolivien

Die Lokalexperten, hier mit Wilm Rogge, bauen inzwischen auch Fenster und Türen und verkauften sie auf dem Markt. © Privat

Die Kooperation, dafür steht die Aktion Sodis, ist auf Nachhaltigkeit angelegt, das heißt: Die Entwicklungshelfer setzen den Bolivianern nicht deutsche Ingenieurskunst vor und fliegen dann wieder nach Hause. Ganz anders, in der 600.000-Einwohner-Stadt Cochambamba lernten Berufsschüler in Kursen den Bau von Kochstellen und in den Dörfern ließen sich Bewohner zu sogenannten Expertos vor Ort ausbilden. Diese Lokalexperten, 15 sind es mittlerweile, können nun Öfen bauen, warten und reparieren.

Die Bildung soll vor Ort bleiben

„Die Bildung bleibt“, sagt Wilm Rogge und spricht damit den vielleicht zentralen Satz des Projektes aus. Nicht weniger als 300 moderne Kochstellen sind in der gesamten Region Micani inzwischen entstanden. Die Kochstellen sind nicht nur viel effizienter und schädigen die Gesundheit nicht. „Sie sparen auch täglich dreieinhalb Kilogramm Holz ein“, weiß Wilm Rogge. In der waldarmen Hochebene auf rund 3000 Metern ein bedeutender Aspekt.

Fröndenberger Student überwindet die Kluft der Kulturen zwischen Bentrop und Bolivien

Nachdem Wilm Rogge und seine Mitstreiter der Aktion Sodis an der RWTH Aachen einen Prototyp einer Kochstelle entwickelt hatten, konnte vor Ort in Bolivien der Praxistest durchgeführt werden. © Privat

Das Spendenkonto lautet: Aktion Sodis e.V. IBAN: DE16430609674048257700BIC: GENODEM1GLS. Natürlich kann man sich über das Projekt ausführlich informieren auf www.aktion-sodis.org oder auf Facebook

Zudem zieht das Projekt, die Bewohner zum eigenständigen Bewältigen technischer Probleme zu befähigen, bereits Kreise. Fünf Lokalexperten haben sich schon zusammengeschlossen und eine Werkstatt gegründet. Neben den Kochstellen bauen sie auch Fensterrahmen und Türen, verkaufen sie auf dem örtlichen Markt. Sie verdienen Geld, ihre Firma soll sich einmal selbst tragen.

Wilm Rogge ist Anfang November nach Aachen zurückgekehrt. „Mich motiviert, dass ich merke, dass meine Arbeit sinnvoll ist“, sagt er. Was er im Studium gelernt habe, bringe praktischen Nutzen.

Masterarbeit für das Projekt nach hinten verschoben

Seine Masterarbeit in Energietechnik hat er für das Bolivien-Projekt ein paar Wochen nach hinten verschoben. Darin wird es um regenerative Energien gehen. Ob die Bolivianer auch hiervon profitieren werden? „Das kommt auf Ergebnis der Masterarbeit an“, sagt Wilm Rogge lachend. Es geht noch immer um seine Idee, aus Schrottmaterialien ein Windrad zu bauen: Alte Ölfässer gibt es in Bolivien zuhauf und ausrangierte Zahnräder hat er sich von dort mitgebracht, um weiter am Prototyp zu werkeln. Sollte alles funktionieren, könnte es ein neues Projekt für Bolivien nach Maria Montessoris Motto geben.

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