Die Traktor-Demos sind beendet. Statt zu protestieren, sind die Ackerschlepper wieder auf den Feldern unterwegs. Beendet ist das Thema Agrarpaket für die Bauern allerdings längst nicht.

von Fabiana Regino

Unna

, 27.11.2019, 16:19 Uhr / Lesedauer: 2 min

Weit mehr als 5000 Traktoren demonstrierten in Berlin gegen das bevorstehende Agrarpaket der Bundesregierung. Durch und über den Kreis Unna hinaus rollten mehr als 100 der großen Landmaschinen – auch aus Fröndenberg. Der Tenor in der bauernhofreichen Stadt an der Ruhr ist eindeutig: Das Agrarpaket sei nicht hinnehmbar.

Jetzt lesen

Ob Schweinezucht, Milchviehbetrieb oder Beerenhof, die Mehrheit der Fröndenberger Landwirte hat es satt, für ihre Arbeit immer wieder am Pranger zu stehen. So wie Felicitas Frens. Der landwirtschaftliche Familienbetrieb Frens in Bentrop baut unter anderem Kartoffeln an und züchtet Schweine.

Der Mensch wird gar nicht gesehen

„Bei allen Auflagen und Verboten, die die Politik diskutiert, wird ganz deutlich, dass der Mensch, der hinter der Landwirtschaft steckt, gar nicht gesehen wird“, kritisiert die landwirtschaftliche Betriebswirtin. Es gehe schließlich um das Vermächtnis für ihre Kinder. „Bauern haben keine Lobby in der Politik. Das macht die Landwirtschaft natürlich zu einem leichteren Sündenbock als zum Beispiel die Autoindustrie“, erklärt sich Felicitas Frens die Entwicklungen der Agarpaket-Debatte.

Fröndenberger Landwirte: Gegen das Agrarpaket heißt nicht, gegen Umweltschutz zu sein

Felicitas Frens möchte, dass der Mensch hinter den Landwirten gesehen wird. © Archiv

Ähnlich sieht das auch Susanne Pante, die mit ihrer Familie einen Milchviehbetrieb in Frömern führt. Sie stört insbesondere, dass es sich bei dem geplanten Agrarpaket um ein Konzept „ohne jegliches Augenmaß für die Landwirtschaft“ handle. Pante sieht dadurch nicht nur ihren eigenen Familienbetrieb für die nächsten Generationen in Gefahr: „Wenn die Landwirte das umsetzen, was die Regierung aktuell beschließen will, bedeutet das den Tod für etwa die Hälfte aller Betriebe“, mahnt sie.

Pantes stehen für den Umweltschutz ein

Umweltschutz sei definitiv wichtig, betont Susanne Pante: „Wir stehen da gerne für ein. Viele Blühstreifen wurden bei uns in der Region im Sinne der Insektenwelt angelegt – und zwar auf eigene Kosten“, sagt Pante. Allerdings mache ein Agrarpaket für sie nur dann Sinn, wenn sich die Politik vorab auf einen Dialog mit den Fachleuten einlasse und kein Konzept durchsetzen wolle, was „völlig an der realen Landwirtschaft vorbei“ gehe.

Fröndenberger Landwirte: Gegen das Agrarpaket heißt nicht, gegen Umweltschutz zu sein

Susanne Pante und ihre Familie haben bereits im April dieses Jahres gegen eine Verschärfung der Düngemittelverordnung protestiert. © Borys Sarad

Den Dialog zwischen Politik und Landwirten fordert auch Obstbauer Knut Schulze Neuhoff und hat sich unter anderem dafür an der Traktor-Demo beteiligt. Ihm schlage das Ganze – wie den meisten seiner Kollegen – richtig aufs Gemüt. „Die Landwirte werden wie die Sau durchs Dorf getrieben, dabei ist uns die Umwelt sehr wichtig“, betont Knut Schulze Neuhoff zusätzlich mit seiner Devise: „Wir leben von der Natur. Wir wollen sie nicht zerstören“.

Landwirtschaft im Sinne der Umwelt begrüße er, aber dann auch mit einem Agrarpaket, das realistisch umzusetzen sei: „Da werden in kürzester Zeit zu viele Maßnahmen ergriffen“, kritisiert Schulze Neuhoff die Politik. Vor allem die ansteigende Bürokratie für die Landwirte, die jetzt auf sie zukäme, sei unzumutbar.

Fröndenberger Landwirte: Gegen das Agrarpaket heißt nicht, gegen Umweltschutz zu sein

Wilhelm Eckei kann den Unmut seiner Kollegen verstehen. © Land

Wilhelm Eckei kann den Unmut seiner Kollegen zwar verstehen, muss für seinen Betrieb allerdings keine Konsequenzen des umstrittenen Agrarpakets fürchten. Seit vielen Jahren führen die Eckeis einen Bauernhof nach besonders tier- und umweltfreundlichen Neuland-Richtlinien.

Konkurrenzkampf in den Discounter-Regalen

Er sieht den Knackpunkt der Agrarpaket-Debatte im Konkurrenzkampf in den Supermarkt- bzw. Discounter-Regalen. Wenn der Verbraucher am Ende die Wahl zwischen einem billigen Importprodukt und dem kostspieligeren aber tier- und umweltgerechteren lokalen Produkt habe, blieben Einnahmen für die meisten lokalen Bauern eben aus.

Fröndenberger Landwirte: Gegen das Agrarpaket heißt nicht, gegen Umweltschutz zu sein

Obstbauer Knut Schulze-Neuhoff sieht vor allem dem Preisdruck durch Importprodukte mit Sorge entgegen. © Udo Hennes

Als einen Lösungsansatz sieht Eckei Schutzmaßnahmen für heimische Produkte: „Die Landwirte dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Helfen könnten zum Beispiel Schutzmaßnahmen vor Billigimporten“, schlägt der Jungbauer vor. Das könne das Vertrauen ins Agrarpaket und in den Verbraucher bei den Landwirten steigern und deren Ängste um ihre Existenzen reduzieren.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Virtual Reality
Russische Kühe mit virtuellen Brillen sorgen bei Landwirten in Lünen für Schmunzeln
Hellweger Anzeiger Bauernprotest
Der letzte Konvoi löst sich auf: Keine weitere Treckerkolonne durch Unna am Abend
Hellweger Anzeiger Straßenverkehr
B1: Polizei warnt vor Verkehrschaos durch Bauernprotest – Trecker rollen wieder durch Unna
Meistgelesen