Ruhrkampf und „Rote Republik“: Fröndenberg entgeht im März 1920 nur knapp einer Tragödie

dzNach Kapp-Putsch

Auf den Kapp-Putsch im März 1920 folgt der Ruhrkampf: In Fröndenberg findet weder der Umsturzversuch der Reaktionäre noch die Revolte der Roten Ruhrarmee Anhänger. Doch ein Irrtum führt beinahe zu einer Tragödie.

Fröndenberg

, 22.03.2020, 17:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Kapp-Putsch war im März 1920 soeben wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt, als auch vor den Toren Fröndenbergs bewaffnete Arbeiter den blutigen Ruhraufstand probten.

Jochen von Nathusius

Jochen von Nathusius © Marcus Land

„Erst (...) mit der stürmischen Entwicklung der 1899 gegründeten Firma Union wuchs eine Arbeiterschaft und wurden deren Probleme relevant.“
Stadtarchivar Jochen von Nathusius

Um ein Haar kommt es in der damaligen kleinen Landgemeinde Fröndenberg am 23. März 1920, also vor genau 100 Jahren, zu einem blutigen Kampf zwischen eigentlich gleichgesinnten Einwohnern.

Die Putschisten um General Walther von Lüttwitz und Generallandschaftsdirektor Wolfgang von Kapp hatten ab dem 13. März versucht, die verhasste Novemberrevolution von 1918 rückgängig zu machen und die Reichsregierung aus Berlin vertrieben.

Als der reaktionäre Umsturzversuch der jungen deutschen Republik aber schon nach wenigen Tagen scheitert, beginnt ein von Kommunisten angetriebener Arbeiteraufstand, der besonders heftig im Ruhrgebiet tobt.

Arbeiter und Landwirte wollen Umsturz verhindern

In Fröndenberg wird während der über mehrere Wochen dauernden Staatskrise, die zum Bürgerkrieg gerät, praktisch weder die Revolte von rechts noch die von links unterstützt. Aber Arbeiter wie Landwirte bewaffnen sich, um einen Umsturz gleich welcher Couleur zu verhindern.

Als die Nachrichten vermelden, dass Freikorps auf die Hauptstadt Berlin marschieren, wird am 14. März, einem Sonntag, eine Volksversammlung auf dem Fröndenberger Marktplatz einberufen.

Die freien Gewerkschaften rufen den Generalstreik aus wie im gesamten Deutschen Reich - er soll den Putschisten vor Augen führen, dass das Volk auf der Seite von Regierung und Republik steht. Die in Fröndenberg ursprünglich sehr starken christlichen Gewerkschaften schließen sich dem Aufruf an.

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Die freien Gewerkschaften beriefen am 14. März 1920 eine Volksversammlung der Fröndenberger auf dem Marktplatz. Mit dem Aufruf zum Generalstreik auch in der damals kleinen Landgemeinde brach der Kapp-Putsch nach wenigen Tagen zusammen.

Die freien Gewerkschaften beriefen am 14. März 1920 eine Volksversammlung der Fröndenberger auf dem Marktplatz. Mit dem Aufruf zum Generalstreik auch in der damals kleinen Landgemeinde brach der Kapp-Putsch nach wenigen Tagen zusammen. © Stadtarchiv Fröndenberg

Frauen um 1920 bei der Kettenschweißung der Fröndenberger Firma Wilhelm Prünte.

Frauen um 1920 bei der Kettenschweißung der Fröndenberger Firma Wilhelm Prünte. © Stadtarchiv Fröndenberg

Die Belegschaft des Fröndenberger Union-Drahtwerks, hier im Jahr 1927 aufgenommen.

Die Belegschaft des Fröndenberger Union-Drahtwerks, hier im Jahr 1927 aufgenommen. © Stadtarchiv Fröndenberg

Info

Das Ende des Ruhrkampfes

  • 31. März 1920: Die Zugverbindungen nach Unna bzw. Schwerte sind von Fröndenberg aus unterbrochen, da die regierungstreue Arbeiterwehr den Bahnhof besetzt hält und infolgedessen keinen Zug einlaufen und ausfahren lässt. Selbst der D-Zug von Kassel wurde angehalten. Auf den Gleisen stauen sich die Güterwagen.
  • 1. April 1920: Der Friede von Münster ist geschlossen. Die Roten Truppenverbände sollen aufgelöst werden. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund lehnt einen erneuten Generalstreik ab, da er nur linksradikalen Macht-Diktaturinteressen dienen könne.
  • 2. April 1920: Als nach den Friedensverhandlungen die „Rote Ruhrarmee“ die Waffen abgeben sollte, verweigern sich in Schwerte die Arbeiter.
  • 3. April 1920: Am Karsamstag besetzt die Arbeiterwehr in Schwerte das Rathaus und und die Sparkasse und beschlagnahmt die Stadtkasse. Mittags rückt sie gegen die bei Fröndenberg stehende Reichswehr vor, kehrt aber bei Geisecke wieder um und liefert schließlich bis in die Nacht hinein ihre Waffen ab.
  • 6. April 1920: Die Reichswehr marschiert in den wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Schwerte ein und stationiert hier ein Regiment bis zum 15. Mai, nachdem in der Nachbarstadt ein Ordnungsausschuss und eine Sicherheitswehr mit weißen Armbinden die Amtsgewalt übernommen hatte.

Allein die Beschäftigten der Fröndenberger Gemeindewerke sollen sich dem Streik nicht anschließen, damit die Versorgung mit Strom und Wasser aufrechterhalten bleibt.

In Fröndenberg wie im gesamten Reich stehen tatsächlich ab dem 15. März die Räder still: bei der Eisenbahn ebenso wie bei der Post und den Telefonvermittlungen, bei den Zeitungen und in den Fabriken.

Fröndenberger im Generalstreik

Mit dem Union-Werk, der Kettenschmiede Wilhelm Prünte oder auch der Papierfabrik Himmelmann gibt es in Fröndenberg sowie mit dem Walzwerk auch in Langschede mittlerweile größere Industriebetriebe.

Der Generalstreik zwingt die Putschisten um den selbsternannten Reichskanzler Kapp schon am 17. März in die Knie; Fröndenberger tragen ihr Scherflein dazu bei.

Doch der Spuk ist mit der Niederlage der Kapp-Lüttwitz-Putschisten nicht vorbei. Die Kommunisten wollen mehr als das Zurückdrängen der Reaktion, sie streben nun sozialistische Veränderungen, so die Enteignung der Großindustrie im Ruhrgebiet, an - mit Waffengewalt.

„Die Firmen waren absolut patriarchalisch organisiert. Egal ob Himmelmann, Union oder Topp.“
Stadtarchivar Jochen von Nathusius

Dass die „Rote Ruhrarmee“ ebenso wenig wie zuvor die Kapp-Putschisten in Fröndenberg Anhänger findet, mag sich unter anderem damit erklären, dass die Arbeiterschaft in der Gemeinde lange von konfessionellen Vereinen betreut wurde.

„Erst mit dem Bahnbau, der Gründung von Ketten- und Kabelfabriken, der Drahtzieherei, Ziegeleien, Mühlenbetrieben, dem Langscheder Walzwerk und spätestens mit der stürmischen Entwicklung der 1899 gegründeten Firma Union wuchs eine Arbeiterschaft und wurden deren Probleme relevant“, recherchierte Stadtarchivar Jochen von Nathusius für den heimischen Raum.

Arbeiter konfessionell organisiert

Bis dato gab es bereits seit 1899 den Männerverein Fröndenberg, aus dem sich 1912 unter Pfarrer Schmallenbach der Katholische Arbeiterverein mit gleich 120 Mitgliedern bildete; 1909 trat der Evangelische Arbeiter- und Bürgerverein hinzu.

„Keine Rätediktatur“ ist am 22. März 1920 im Hellweger Anzeiger zu lesen. Die Kämpfe und Scharmützel im Ruhrgebiet sollten aber bis Ende März noch anhalten, bevor sie Anfang April 1920 von Reichswehrtruppen und Angehörigen der zuvor beim Kapp-Putsch aktiven reaktionären Verbände blutig niedergeschlagen wurden.

„Keine Rätediktatur“ ist am 22. März 1920 im Hellweger Anzeiger zu lesen. Die Kämpfe und Scharmützel im Ruhrgebiet sollten aber bis Ende März noch anhalten, bevor sie Anfang April 1920 von Reichswehrtruppen und Angehörigen der zuvor beim Kapp-Putsch aktiven reaktionären Verbände blutig niedergeschlagen wurden. © Land, Marcus

Die Firma Union war in früheren Zeiten auch im heutigen Industriegebiet Atlantik ansässig. Ein revolutionärer Geist war indes im Frühjahr 1920 bei den Arbeitern in Fröndenberg schwach ausgeprägt.

Die Firma Union war in früheren Zeiten auch im heutigen Industriegebiet Atlantik ansässig. Ein revolutionärer Geist war indes im Frühjahr 1920 bei den Arbeitern in Fröndenberg schwach ausgeprägt. © Stadtarchiv Fröndenberg

Dagegen organisierte sich die Arbeiterbewegung selbst in der heutigen Fröndenberger Kernstadt erst nach Ende des Ersten Weltkriegs am 17. Januar 1919 mit einer Parteiversammlung der SPD. Die KPD spielt zu dieser Zeit in Fröndenberg keine Rolle.

„Durch die starke Konkurrenz der dezidiert antisozialistischen katholischen wie evangelischen Arbeitervereine hatten es die Sozialdemokraten und die freien Gewerkschaften schwer, sich in Fröndenberg Gehör zu verschaffen und Anhänger zu finden“, resümiert von Nathusius.

Revolutionär waren die Bergleute

Nicht unwesentlich dafür, dass der revolutionäre Geist bei den Fröndenberger Arbeitern nicht sehr stark ausgeprägt war, dürfte auch die Struktur in ihren Betrieben gewesen sein. Jochen von Nathusius: „Die Firmen waren absolut patriarchalisch organisiert. Egal ob Himmelmann, Union oder Topp.“

Putschisten am Brandenburger Tor um sieben Uhr morgens am 13. März 1920. Der Kapp-Putsch war ein vom 13. bis 17. März 1920 dauernder Umsturzversuch.

Putschisten am Brandenburger Tor um sieben Uhr morgens am 13. März 1920. Der Kapp-Putsch war ein vom 13. bis 17. März 1920 dauernder Umsturzversuch. © picture alliance/dpa

Führte die Geschicke der Amtsverwaltung zur Zeit von Kapp-Pusch und Ruhrkampf: der damalige Fröndenberger Amtmann Dr. Wilhelm Villaret, seit Mitte 1919 bis Mitte 1933 im Amt.

Führte die Geschicke der Amtsverwaltung zur Zeit von Kapp-Pusch und Ruhrkampf: der damalige Fröndenberger Amtmann Dr. Wilhelm Villaret, seit Mitte 1919 bis Mitte 1933 im Amt. © Stadtarchiv Fröndenberg

Dass keine militanten Aktionen von Fröndenberger Arbeitern im Frühjahr 1920 bekannt sind, könnte einen weiteren Grund haben: Die Rote Ruhrarmee setzte sich hauptsächlich aus Bergleuten zusammen. „Und davon hatten wir keine in Fröndenberg“, so von Nathusius.

Landwirte und Arbeiter stehen sich schussbereit gegenüber

Dennoch kommt es am 23. März 1920 fast zu einer Tragödie, wie die lokale Presse später berichet: „In der falschen Annahme, dass die rote Republik und der Bolschewismus ausgerufen werden sollten, hatten sich Landwirte in der hiesigen Gegend bewaffnet und verschanzt.

Bewaffnete Arbeitermassen, die glaubten, es mit Reaktionären zu tun zu haben, standen ihnen schussbereit gegenüber. Der beiderseitige Irrtum wurde rechtzeitig aufgeklärt, so dass beide Teile beruhigt abziehen konnten.“

So endete der Ruhrkampf im Frühjahr 1920 in Fröndenberg ohne größeres Blutvergießen.

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