Was man nicht kennt, muss man kennenlernen. Irmtraut Schürrle-Winkelhardt lebt nach dieser einfachen Formel. Die 80-jährige Frömeranerin hilft, wo sie kann: „Ich hasse Voreingenommenheit.“

von Martin Krehl

Fröndenberg

, 07.09.2019, 18:16 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ausgezeichnet ist sie jetzt, aber nicht ordentlich: „Ich habe ja nur die Verdienstmedaille als Auszeichnung bekommen, keinen Orden“, lacht Irmtraut Schürrle-Winkelhardt. Für ihr langjähriges, vielfältiges Wirken auf caritativem Gebiet hat sie niemals einen Lohn verlangt oder erwartet. Sie würde auch ohne diese Medaille aus Berlin genauso ausgezeichnet weitermachen wie bisher.

Die Unternehmerin ist inzwischen 80 Jahre alt, aber diskutieren und partizipieren kann sie wie eine Junge. Sich aufregen und ärgern auch, aber auch sich freuen und Unabänderliches annehmen. Ob es unabänderlich ist, muss sie aber immer erst herausfinden.

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Sie musste Maschinenbau studieren und wäre doch so gerne Kinderkrankenschwester geworden. „Glauben Sie nur nicht, dass es so schön war, wie es aussah, als einzige Frau unter lauter Männern“, gibt sie zu bedenken. Exoten werden selten für voll genommen: „Erst als die Klausuren geschrieben waren, dann kamen der Respekt und die Anerkennung“. Natürlich schloss sie das Studium komplett ab, wie sie überhaupt immer im Leben möglichst alles komplett bis zu Ende gedacht und gemacht hat.

Mama-Ersatz und Trösterin

Zum Beispiel die Sache mit den Pflegekindern, die aus den verschiedensten Kriegsgebieten der Welt kamen und sich in ihrem großen Haus im Grünen erholen konnten: „Als ich mit der Arbeit aufhörte, musste ich etwas anderes Sinnvolles tun. Ich stieß auf das Hammer Forum.“ Dieser private Verein holt verletzte Kinder mitten aus dem Krieg, fliegt sie nach Deutschland, organisiert Operationen und Therapien und bringt sie wieder zurück. Und zwischen den Operationen und Behandlungen haben seit 2006 neun von ihnen im Hause Schürrle gelebt. Aus Afghanistan und aus dem Jemen zum Beispiel. Irmtraut Schürrle-Winkelhardt kümmerte sich, war Mama-Ersatz, respektierte Oma, allerbeste Freundin, Retterin, Trösterin...

„Es ist erstaunlich, wie viel Angst die Menschen vor Fremdem haben.“
Irmtraut Schürrle-Winkelhardt

Diese Arbeit ist eine kräfte- und nervenzehrende Herausforderung, der sie sich in einem Alter stellt, in dem andere ihre Rente genießen, die Füße hochlegen, sich „betüddeln“ und umhegen lassen. Das wäre heute mit 80 noch nichts für die resolute, gestandene Unternehmerin im Un-Ruhestand. Wenn einer „betüddelt“, dann sie selbst. „Ach, das können andere auch“, will sie lachend abwinken. Um dann aber ernsthaft zu werden: „Es ist erstaunlich, wie viel Angst die Menschen vor Fremdem haben.“ Hingehen, kennenlernen, verstehen lernen, akzeptieren, respektieren. Unerschrocken sein. Das ist ihre Haltung.

Sie weiß sich zu helfen

Vor der Wende im Ostblock ist sie mal eben Mitglied des Malteser Ordens geworden, um einen Hilfskonvoi nach Brest und Minsk zu führen. Menschen konnte geholfen werden. Menschen aus einem Volk, das sie auf Russland-Reisen vor der Wende kennengelernt hatte - kennen und verstehen.

„Die Geschichte wiederholt sich und die Menschen lernen nicht daraus.“
Irmtraut Schürrle-Winkelhardt zitiert einen jüdischen Kantor

Als man ihr Kinder aus dem Jemen anvertraute, flog sie einmal kurzerhand einfach hin: „Ich musste das doch sehen“, begründet sie die Aktion, für die sie neben Beifall auch Kopfschütteln erntete. Mit Soldaten als Bewachung reiste sie 2009 in das Heimatdorf eines ihrer Schützlinge und stellte die Weichen für eine einigermaßen gesicherte Zukunft vor Ort.

Eine Schürrle-Winkelhardt weiß sich zu helfen, ob an der polnisch-russischen Grenze oder zuhause an der Ruhr. Als sie mit Christel Ulmke die Initiative ergriff und die muslimische Gemeinde in Menden besuchte, die auch für Fröndenberg zuständig war, rekrutierte sie den Dolmetscher in der Döner-Bude am Bahnhof. „Ich bin da einfach hingegangen.“ Zweimal im Jahr besuchen sich christliche und muslimische Frauen jetzt, bauen Vorurteile ab, lernen sich verstehen.

„Ich hasse Voreingenommenheit“, sagt sie sehr streng. Und dann nachdenklich noch einen strengen Satz, den sie von einem jüdischen Kantor hörte, zu dem sie als Grüne Dame im Unnaer Krankenhaus einfach mal hinging: „Die Geschichte wiederholt sich und die Menschen lernen nicht daraus.“

Fremde kennenlernen und helfen: So macht eine Fröndenbergerin Mut, sich zu engagieren

Das Bundesverdienstkreuz erhielt Irmtraut Schürrle-Winkelhardt am 4. September 2019 von Landrat Michael Makiolla (l.) überreicht. Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe hielt eine sehr persönliche Rede. © Udo Hennes

Immer zuständig sein

Von ihren arabischen Kontakten hat Irmtraut Schürrle-Winkelhardt bedingungsloses Helfen und bedingungslose Gastfreundschaft gelernt. Die Deutschen hätten nicht wieder gut zu machende Schuld auf sich geladen, sagt Irmtraut Schürrle-Winkelhardt. Sie als Kriegskind fühle sich verantwortlich, jetzt zu helfen und zu verstehen - und nicht zu bekämpfen, weil's fremd ist. „Das können andere auch“, appelliert sie. Aus ihrer Sicht gehört nichts dazu, sich zuständig zu fühlen.

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