Gasmasken für Frauen, Männer und Kinder aus nationalsozialistischer Zeit liegen nebeneinander. Das verheerende Hochwasser in NRW hat in einem Hagener Wohnhaus in der Wand versteckte Unterlagen aus der nationalsozialistischen Zeit freigespült. © picture alliance/dpa/Stadtarchiv Hagen
Katastrophengebiet in Hagen

Flüchtlinge aus Fröndenberg räumen bei Fluthilfe in „Nazi-Haus“ auf

Aus Afghanistan und Syrien stammen sie, haben in ihrer Heimat viel Elend erlebt. Flüchtlinge aus Fröndenberg gehörten jetzt zu den Fluthelfern in Hagen – auch in einem Haus, in dem ein Nazi-Fund zu Tage kam.

Drei Tage lang Ende Juli begaben sich vier bis fünf Männer aus Fröndenberg in das rund 30 Kilometer entfernte Hagen und halfen beim Aufräumen der schlimmen Flutschäden in der Volmestadt. Die Hilfe ging von ihrer Initiative aus.

»Manche der Flüchtlinge sind regulär in Vollzeit beschäftig und haben dann danach in Hagen gearbeitet.«

Svenja Hornburg, Patenschaftskreis

„Mehrere Flüchtlinge haben sich bei Karin Eckei über das Diensthandy gemeldet und gefragt, wie und wo sie helfen können“, berichtet Svenja Hornburg vom Patenschaftskreis für Flüchtlinge. Eckei nahm sofort Kontakt zu Facebook-Gruppen auf, die in Hagen die Hilfe mit koordinieren.

Kellerräume von Schlammmassen befreit

Im Einsatz waren die Helfer aus Fröndenberg schließlich im Stadtteil Eckesey, der nah an der Volme liegt und besonders stark von Überschwemmungen betroffen war. Svenja Hornburg: „Manche der Flüchtlinge sind regulär in Vollzeit beschäftig und haben dann danach in Hagen gearbeitet.“ Ihre Anreise organisierten die Männer mit einem privaten PKW – im Kofferraum Eimer und Schüppen, die der Patenschaftskreis zuvor besorgt hatte.

Aus eigener Initiative begaben sich Flüchtlinge aus Fröndenberg in das Überschwemmungsgebiet nach Hagen, halfen an drei Tagen beim Aufräumen und Reinigen von Wohnungen und Kellern. © privat © privat

Die spontanen Männer aus Fröndenberg halfen vor allem dabei, mehrere Kellerräume grob von den Schlammmassen zu befreien und das Erdgeschoss eines Hauses zu reinigen.

Freundlicher Austausch mit betroffenen Anwohnern

Svenja Hornburg, die an einem Tag dabei war, schildert die Szenen: So waren Möbel waren bereits alle entfernt und meterhoch an den Straßen aufgetürmt, dazwischen teilweise vollständig zerstörte Pkw.

„Der Schlamm begann bereits zu trocknen und stank. Die Entsorgungsunternehmen konnten die meterhohen Berge an Hausrat und Müll kaum bewältigen, auch der Müll in den Straßen fing bereits an zu stinken“, so Hornburg. Auf den Straßen musste man sehr vorsichtig fahren, da viele Nägel, Schrauben, Scherben usw. auf den Wegen lagen.

Anwohner haben den bei dem Hochwasser zerstörten Hausrat auf den Bürgersteig gestellt. Die Stadtverwaltung Hagen kommt aufgrund der Menge nicht mit dem Abtransport hinterher. © dpa © dpa

In einem der beschädigten Häuser kamen die Flüchtlinge mit einem dort wohnenden älteren Syrer in Kontakt. „Da konnte man natürlich freundliche Worte austauschen“, erzählt Hornburg.

Staat und Gesellschaft in Deutschland „etwas zurückgeben“

Die Flüchtlinge kamen auch mit anderen Anwohnern schnell ins Gespräch und erklärten, dass sie leider zum Teil schon viel Schlimmeres gesehen haben und es für sie einfach selbstverständlich ist, dass man sich hilft.

Der Wunsch zu helfen wurde auch damit begründet, dem deutschen Staat bzw. den Menschen, die den Flüchtlingen helfen, etwas zurück geben zu können.

Die Fröndenberger Helfergruppe war sehr angetan von einer „einer wahnsinnig freundlichen, fast familiären Atmosphäre unter den fremden Helfern, wenn man das in Anbetracht von all diesem Leid so sagen kann“, so Hornburg.

Eine Woche nach dem schweren Unwetter in Hagen: Eine ganze Hausfassade wurde durch die Fluten des Nahmerbach herausgespült. Im weiteren Verlauf ist das Dach in Teilen eingestürzt. © dpa © dpa

»Es ist ein Zeichen, dass man in dieser Situation nicht völlig alleine ist.«

Svenja Hornburg

Die Stärke der Gemeinschaft helfe zwar nicht über materiellen Schaden hinweg, spende aber sicher Trost und Mitgefühl. Svenja Hornburg drückt ihre Gefühle so aus: „Es ist ein Zeichen, dass man in dieser Situation nicht völlig alleine ist. Gerade in der Zeit, in der wir alle durch die Pandemie sehr auf uns selbst zentriert waren und zum Teil immer noch sind, ist das Gefühl von Gemeinschaft emotional sehr berührend, zumindest habe ich es so empfunden.“

Am Rande der tatkräftigen Hilfe stellte sich heraus, dass die Männer aus Fröndenberg ausgerechnet in jenem Haus aufgeräumt hatten, indem kurz darauf hinter einer Wand ein Nazi-Fund entdeckt wurde.

In dem alten Fachwerkhaus, dass ein Lehrer bewohnt, fand sich, bislang hinter Rigips-Platten verdeckt, ein Lager von Gasmasken und weiteren Utensilien, die offenbar zu einer Ausgabestelle während des Zweiten Weltkriegs gehörten.

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Redaktion Fröndenberg
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Marcus Land

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