„ÖPNV stellt sich taub“: Fahrgast fordert Bahncard-Rabatt im Nahverkehr

dzNahverkehr Westfalen-Lippe

VRR und NWL rechnen die Ermäßigungen der Bahncard auf ihre Tarife nicht an. Eckhard Süssmann versteht das nicht – wäre doch in Zeiten des Klimawandels der Umstieg auf Bus und Bahn damit viel attraktiver.

Fröndenberg

, 05.01.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fahrgäste der Verkehrsunternehmen im VRR und NWL erhalten auf den Fahrpreis keinen Rabatt, wenn sie Besitzer einer Bahncard der Deutschen Bahn sind. Für Eckhard Süssmann ist das nicht nur eine vertane Chance, den Kohlendioxydausstoß von Kraftfahrzeugen einzudämmen.

»Man läuft als simpler Bürger ins Leere und erhält noch nicht einmal eine Antwort.«
Eckhard Süssmann, Fahrgast

„Weil die Politik sich dazu entschlossen hat und Greta Thunberg eifrig die Werbetrommel für Umweltschutz im weitesten Sinne rührt, sollte bzw. muss jeder Einzelne von uns sich da einbringen“, findet der Fröndenberger.

Die häufigere Nutzung von Bus und Bahn könnte ein solcher Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz sein. Dieser Schritt vom Auto zum ÖPNV könne zumindest Besitzern einer Bahncard eigentlich erleichtert werden, meint Eckhard Süssmann.

Die beiden großen ÖPNV-Zweckverbände in der Region, VRR und NWL, rechneten die gewährten Ermäßigungen aber weder ganz noch zum Teil an, ärgert sich Süssmann. Er wisse, dass andere regionale Verkehrsunternehmen die Bahncard zumindest teilweise auf ihren Fahrten akzeptieren.

»Das ist ein großes Missverständnis.«
Uli Beele, Pressesprecher des NWL

Auf seine Schreiben an den VRR habe er bislang unbefriedigende Antworten erhalten – der Schwarze Peter werde letztlich der Politik zugeschoben. Auch dem NWL, Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe, hat Eckhard Süssmann Ende Dezember sein Anliegen schriftlich geschildert – allerdings ohne große Erwartungen, wie er unserer Redaktion mitteilt.

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„ÖPNV stellt sich taub“: Fahrgast fordert Bahncard-Rabatt im Nahverkehr

Der Fröndenberger Eckhard Süssmann findet, dass die Nutzung des ÖPNV für viele attraktiver wäre, wenn Ermäßigungen wechselseitig von den Verkehrsunternehmen anerkannt würden. © Marcel Drawe

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Info

Organisation des Schienenpersonennahverkehrs

  • Der NWL – Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe ist im Januar 2008 gegründet worden. Er ist dafür zuständig, gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und dem Zweckverband Nahverkehr Rheinland (NVR) als Aufgabenträger den Schienenpersonennahverkehr in NRW zu organisieren.
  • Das NWL-Gebiet, in dem rund 5,57 Millionen Einwohner leben, reicht vom Kreis Steinfurt bis zum Märkischen Kreis und nach Siegen-Wittgenstein. Insgesamt verkehren auf dem 1796 Kilometer langen Streckennetz des NWL 56 Nahverkehrslinien.
  • Sitz des NWL ist Unna; Mitglieder sind der Zweckverband Ruhr-Lippe (ZRL), Zweckverband Münsterland (ZVM), Verkehrsverbund Ostwestfalen-Lippe (VVOWL), Nahverkehrsverbund Paderborn/Höxter (NPH), Zweckverband Personennahverkehr Westfalen-Süd (ZWS).
  • Die Mitgliedszweckverbände koordinieren die regionale Mobilität in ihren Zuständigkeitsbereichen.
  • Das Finanzvolumen des NWL betrug 2019 genau 355,5 Millionen Euro.

NWL-Pressesprecher Uli Beele kann Eckhard Süssmann tatsächlich keine Hoffnungen machen, dass die Rabatte der Bahncard kurzfristig im NWL-Gebiet akzeptiert werden.

„Das ist ein großes Missverständnis“, sagt Uli Beele zu der Ansicht, der NWL könne ohne Weiteres seine Tarife ermäßigen. Die Bahncard sei nichts weiter als ein Rabattierungsangebot eines Unternehmens, nämlich der Deutschen Bahn.

Der NWL vertritt jedoch insgesamt 60 Nahverkehrsunternehmen, die allesamt seit 2017 den Westfalentarif anbieten. DB sei zwar immer noch eines der größeren Unternehmen in diesem Verbunde, schrumpfe aber zusehends in der Region.

Bahncard-Rabatt nicht wirtschaftlich für Nahverkehr

Bevor der Westfalentarif eingeführt wurde, sei in der Tat über eine Integrierung der Bahncard in den Gemeinschaftsfahrpreis des NWL diskutiert worden.

Die Frage im Hintergrund sei aber, wie wirtschaftlich ein Rabatt von 25 oder 50 Prozent an die Bahncard-Kunden für die Nahverkehrsunternehmen sei. Insofern seien notwendige Ausgleichszahlungen ins Spiel gebracht worden. „An dieser Frage ist es gescheitert“, so Uli Beele.

Aus der Sicht eines Öffentlichkeitsarbeiters für den NWL sei ihm natürlich jedes Sparangebot für die Fahrgäste willkommen. Die Entscheidung liege in letzter Instanz allerdings tatsächlich bei den Kommunen und Kreisen, die in den Gremien der Nahverkehrsverbünde politisch vertreten sind. Dort werden letztlich die Weichen auch für Tarife und Rabatte gestellt.

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Wer von Fröndenberg Richtung Dortmund fährt, muss heute ohnehin tiefer in die Tasche greifen, weil auf der Fahrt eine Tarifgrenze überschritten wird. © Marcus Land

Zur Sache

Rabatte im Schleswig-Holstein-Tarif

  • Im Schleswig-Holstein-Tarif (SH-Tarif), der landesweit gilt, kann eine persönliche „SH-Card“ für Fahrten in Bussen und Bahnen des Nahverkehrs in Schleswig-Holstein und bis nach Hamburg erworben werden.
  • Gewährt werden 25 Prozent Rabatt auf Einzelkarten des SH-Tarifs in der 1. und 2. Klasse. Die SH-Card kostet 27,50 Euro für zwölf Monate. Ebenso anerkannt wird die bekannte Bahncard der Deutschen Bahn.
  • Inhaber eines persönlichen Abonnements im Schleswig-Holstein-Tarif erhalten die SH-Card zum Sonderpreis von 5 Euro.
  • Die SH-Card gibt es auch für junge Menschen für 10 Euro (einmalig). Sie ist gültig bis einen Tag vor dem 19. Geburtstag. Erhältlich ist sie nur in Verbindung mit einer Abokarte des SH-Tarifs: Schülermonatskarte Abo und Schülerjahreskarte.

Uli Beele räumt aber auch ein, dass zunehmend seit dem vergangenen Jahr „aus der politischen Landschaft Forderungen, Wünsche und Vorschläge, wie man den Nahverkehr attraktiver gestalten kann“, geäußert worden sind.

Auch über die Fahrpreise oder gar einen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr gebe es in der Politik ganz unterschiedliche Ansichten.

Bahncard wird vom Nahverkehr in Schleswig-Holstein akzeptiert

Zum Beispiel werde in Frage gestellt, ob Vergünstigen automatisch zu einer höheren Nachfrage nach Bus und Bahn führten. Steige sie, müssten auch die Kapazitäten an Fahrzeugen ausreichen – diese könnten nicht von heute auf morgen erhöht werden.

Es sei aber Bewegung in diese Diskussion gekommen. Und auch wenn die einzelne Kommune nicht über Tarife und Rabatte entscheiden können. „Initiativen können aus den Städten kommen“, sagt Uli Beele.

Eckhard Süssmann blickt derweil in andere Gegenden Deutschlands, wo die Bahncard längst vom Nahverkehr akzeptiert werde. Zum Beispiel gibt es in Schleswig-Holstein einen Verbundtarif für das ganze Land, bei dem jede Bahncard mit einem Rabatt von 25 Prozent anerkannt wird.

Die Verkehrsverbünde stellten sich taub, findet Eckhard Süssmann: „Man läuft als simpler Bürger ins Leere und erhält noch nicht einmal eine Antwort.“

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