Ex-Pfarrer Wohlgemuth nimmt mit persönlichen Worten Abschied von Fröndenberg

dzUmzug am Samstag

Der Zuspruch für Norbert Wohlgemuth war gewaltig: Hunderte Ansprachen und Zuschriften erreichten ihn. Zum Abschied richtet sich der ehemalige Pfarrer nun an seine Fürsprecher in Fröndenberg.

Fröndenberg

, 22.08.2019, 16:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit einem Schraubendreher in der Hand und einem freundlichen „Grüß Gott“ öffnet Norbert Wohlgemuth die Tür. „Schon so spät?“, fragt er ein wenig verlegen – offenbar völlig verloren in der Zeit. Umzugsstress.

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Die Regale und Schränke sind leer, die Umzugskisten voll. Entsprechend sieht es aus in dem Pfarrhaus hinter der Marienkirche, das zweieinhalb Jahre lang sein Zuhause war. Kartons stapeln sich, Lampen sind weitestgehend abmontiert und Möbel zusammengestellt. Nur auf dem Balkon ist die geruhsame Gemütlichkeit geblieben. Ein Tisch, zwei Stühle, dazu ein bisschen Grün – und natürlich der Panoramablick, der bei klarem Wetter gen Westen auch an diesem Morgen bis zur Hohensyburg in seiner Heimatstadt Dortmund reicht.

Am Samstag steht der Umzug ins sauerländische Marsberg an

Nun wird der 58-Jährige im sauerländischen Marsberg neue Wurzeln schlagen. Norbert Wohlgemuth zieht zu Freunden. Samstag kommen die Umzugshelfer, holen sein Hab und Gut. Vier Wochen, nachdem er im Abschiedsgottesdienst für Pastor Georg Toborek völlig überraschend auch selbst Abschied nahm, aus Protest gegen die Kirche vom Priesteramt zurückgetreten ist.

„Ich wollte eigentlich gar keine große Welle schlagen. Dafür habe ich gar nicht die Bedeutung, ist mein Einfluss viel zu gering.“
Norbert Wohlgemuth

Das, was diese Entscheidung schlussendlich auslöste, verblüfft Norbert Wohlgemuth auch Wochen danach noch. „Ich wollte eigentlich gar keine große Welle schlagen“, sagt er selbst bescheiden. „Dafür habe ich gar nicht die Bedeutung, ist mein Einfluss viel zu gering.“ Gleichwohl war er plötzlich von bundesweitem Interesse. „Das Telefon klingelte ununterbrochen“, erzählt Wohlgemuth. Boulevardzeitungen, Presseagenturen und Redaktionen von Fernsehsendern haben angerufen. „Ich wusste gar nicht, wie das funktioniert – ich bin nicht bei Facebook oder Instagram, mache nur Telefon, Mail und WhatsApp.“ Und jetzt? – will ihn sogar ein Kamerateam auf den Jakobsweg begleiten. Diesen Mann, der bis vor kurzem noch ein zwar kirchenkritischer, letztlich aber ganz normaler Pfarrer in Fröndenberg war.

Nach dem Rücktritt rund 1500 Kontakte und Zuschriften

Er ist unsicher, ob er das wirklich will. Viel zu unwichtig sei ihm derartige Aufmerksamkeit, sagt er. Ungleich bedeutungsvoller sei für ihn die schier unendliche Wertschätzung, die ihm aus eben dieser Stadt, aber auch von Glaubensbrüdern und ehemaligen Weggefährten entgegengebracht wird. Gut und gerne 1500 Kontakte und Zuschriften seien es inzwischen – persönliche Besuche im Pfarrheim und Ansprachen auf der Straße, Anrufe, Briefe, Karten, Mails und WhatsApp-Nachrichten. „Ich bitte um Verständnis, falls es mir wider Erwarten nicht möglich ist, allen persönlich zu antworten“, schreibt er in seiner persönlichen Erklärung zum Abschied aus Fröndenberg. „Sie können sicher sein, dass Ihre Nachrichten mich erreicht haben und dass ich mich sehr über jeden Gruß gefreut habe.“ Er danke „für alles Wohlwollen, alles Verständnis, alle Unterstützung, aber auch für alle Kritik“ an seiner Entscheidung, heißt es in dem Schreiben.

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Besonders hebt er das Engagement der Frauengemeinschaft hervor, die sich mit ihrem Protest Gehör in Paderborn verschafft hat. „Da geht es gar nicht um mich, sondern um viel größere Dinge“, sagt Wohlgemuth. „Ich habe das nicht angestoßen und auch niemanden instrumentalisiert – aber ich bin stolz auf die Damen, das muss ich wirklich sagen.“ Sie seien selbst ein wenig überrascht ob der Kraft, die sie auf einmal hatten, erzählt der ehemalige Pfarrer – und hofft, dass die Kräfte reichen, um den Druck aufrecht zu erhalten. „Meine Sorge ist, dass diese Anliegen versanden und irgendwann nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit bekommen. Die Damen wollen nicht locker lassen – und das sollten sie auch nicht.“

Kirchenbeamtenstatus und Pensionsansprüche verloren

„Ich bin weiter Christ und werde weiter die Botschaft Jesu leben und auch weiter zur Kirche gehen.“
Norbert Wohlgemuth

Mit seinem Umzug nach Marsberg beginnt an diesem Samstag nun eine ungewisse Zukunft. Er will „erstmal nichts“ tun, kündigt Wohlgemuth an, sich jetzt die Auszeit zu gönnen, die ihm bislang verwährt geblieben ist. Er will die bereits geplante Romfahrt mit Fröndenbergern noch unternehmen, den Jakobsweg gehen, freut sich auf seinen Urlaub mit dem Wohnmobil – und wird sich dann sicher auch Gedanken um seine berufliche Zukunft machen. Denn: Ausgesorgt hat der 58-Jährige nicht, auch wenn er sich durch eine Erbschaft und gute Rücklagen die nächsten Jahre erstmal keine Sorgen wird machen müssen. Mit seinem Rücktritt vom Priesteramt hat er den Kirchenbeamtenstatus und damit bis auf eine kleine gesetzliche Rente auch sämtliche Pensionsansprüche gegenüber dem Erzbistum verloren, muss fortan noch dazu seine Krankenkassenbeiträge vollumfänglich selbst bezahlen. Freilich hat er schon Pläne, will als freier Redner etwa für Beerdigungen und Trauungen arbeiten – und hat dafür auch schon erste Anfragen von Menschen, denen die richtigen Worte bedeutsamer sind als das Sakrament der Kirche.

Und er selbst? „Ich bin weiter Christ und werde weiter die Botschaft Jesu leben und auch weiter zur Kirche gehen – aber ich suche mir aus, wo ich hingehe.“

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