Heiligabend 1918 feierten die Fröndenberger in einer Atmosphäre von Not und Mangel und zugleich Zuversicht und Kindersinn.

Fröndenberg

, 24.12.2018 / Lesedauer: 7 min

Regen und feuchte Kälte legen sich im Dezember 1918 über Fröndenberg. Das „unangenehme Wetter“, von dem der Hellweger Anzeiger berichtet, mag das Unbehagen der Menschen in diesen Tagen verstärkt haben. Der Waffenstillstand vom 9. November liegt erst wenige Wochen zurück. Die Gemeinde wird, wie die gesamte Provinz Westfalen, beherrscht von Not und Mangel nach dem kurz zuvor verloren gegangenen Krieg.

„Das Überschreiten der festgesetzten Höchstpreise werden wir mit aller Gewalt und ohne Ansehen der Person rücksichtlos zur Bestrafung bringen. Wer sich zu Räubereien und Plünderungen hergibt, wird standrechtlich erschossen.“
Beschluss Fröndenberger
Arbeiterrat, 17. Dezember

176 Soldaten der damaligen Gemeinde Fröndenberg, die rund 4500 Seelen zählt, waren gefallen oder wurden vermisst. Ein Arbeiter- und Soldatenrat hat sich bereits im November im Saal Pieper gebildet. Er sollte über Monate neben dem Gemeinderat die Geschicke des kleinen Gemeinwesens mitbestimmen. Ferdinand Poggel, Sekretär der christlichen Metallarbeitergewerkschaft, heißt in diesen Tagen der starke Mann in Fröndenberg. Die politische Stimmung Ende 1918 ist in der Gemeinde aber weniger linksrevolutionär als anderswo, ein SPD-Ortsverein gründet sich erst 1919, viel später als etwa im benachbarten Billmerich, weiß Stadtarchivar Jochen von Nathusius.

Ausgangssperren, Rationierungen und Plünderungen stören die Vorfreude auf das Fest

Die Adventszeit wird unterdessen beinah täglich von Nachrichten über Ausgangssperren, Rationierungen und Plünderungen gestört. Es ist rückblickend nur schwer vorstellbar, dass damals Vorfreude auf Weihnachten aufkommt. Am 12. Dezember erhalten die Fröndenberger pro Kopf ein halbes Pfund von dem von der Heeresverwaltung übernommenen Fleisch. Weil der Mangel an Schlachtvieh groß sei, „und um zu den Feiertagen etwas mehr Fleisch ausgeben zu können“ finde die nächste Fleischausgabe „erst am Montag vor Weihnachten“ statt, lesen die Menschen in der Zeitung. Heiligabend wird 1918 ein Dienstag sein.

Ersatzfleisch und Kunsthonig bieten Händler in schlicht gedruckten Annoncen an. Wer sich auch das nicht leisten kann, sieht oft keine andere Wahl und stiehlt. Es kommt zu Einbrüchen wie am 20. Dezember bei einem Landwirt an der Ostbürener Straße. Den Dieben fallen „einige Paar Schuhe, Kleidungsstücke und Eßwaren in die Hände“. Knappheit von Leder löst Ende 1918 eine „Schuhnot“ aus.

Existenzieller ist eine andere Not. „Schafft Arbeit!“, lautet am 2. Dezember der Aufruf der Handwerkskammer Dortmund. Es ist ein Gebot der Stunde: Kriegsheimkehrer drängen auf den Arbeitsmarkt. Einer von ihnen ist August Ahleff. Als Vize-Feldwebel kehrt er am 24. November „zu seiner überglücklichen Familie zurück“, schreibt Ortsheimatpfleger Alfred Leider. Ahleff ist versorgt: Eine Woche vor Weihnachten arbeitet er wieder als Dorfschullehrer in Frömern.

Doch die Zeitungen sind bald voll mit Inseraten. „Tüchtige Arbeiter“ sucht am 6. Dezember das Langscheder Walzwerk. Selbst an „alle Hausfrauen“ ergeht ein Aufruf, Hilfen einzustellen: „Frauen und Mädchen jeglichen Alters warten auf Arbeit und Verdienst“. Sie hatten in den Fabriken bis dahin vielfach die Frontsoldaten ersetzt.

Die Aufmerksamkeit gilt den Kindern

Immer wieder muss seitens der Behörden interveniert werden, auch an ganz anderer Stelle: Grünkohl und Dauerweißkohl dürfen laut Reichsstelle für Gemüse und Obst die Gemüsebauern bis zum 15. Dezember nicht absetzen und per Zug transportieren lassen, weil die Eisenbahn mit der Beförderung heimkehrender Truppen völlig überlastet ist. Auch eine Wettervorhersage vom selben Tag erwärmt die Herzen nicht: „Strenge Kälte in Sicht!“, wird getitelt.

So sehr aber auch die Tage vor Weihnachten 1918 in Fröndenberg von Ärmlichkeit und Ungewissheit über die Zukunft bestimmt sind – die fürsorgliche Aufmerksamkeit aller Akteure der Zeit gilt den Kindern: ob beim Arbeiterrat oder den Kirchengemeinden in Fröndenberg. Die am ganzen Elend Unschuldigsten sollen die schwere Zeit möglichst unbekümmert verbringen können.

Feinfühlig wird am 19. Dezember im Hellweger berichtet: „In den Schaufenstern prangen, wenn auch in bescheidenerer Weise als sonst, all die Herrlichkeiten, an denen sich die Kinder - kleine und große! - nun einmal erfreuen. Zwar kommen die Leckermäuler, die sonst um diese Zeit gern an Marzipantorten knabberten, nicht zu ihrem Recht, aber auch sie hoffen auf bessere Zeiten.“ Der Chronist dieser Tage beobachtet die Kinder in den Gassen der Gemeinde. „Trotz des unwirtlichen Wetters beleben die Kleinen die Straße, noch froh des Schulzwanges ledig zu sein, und singen unbekümmert um Regenspritzer, Windstöße und gelegentliches Versinken in tiefe Schlammpfützen: „O Tannenbaum . . .“.

„ …an Kinder im 1. und 2. Lebensjahr statt 1 Liter nur 1/2 Liter täglich. (...) Hoffende Frauen und Kranke erhalten die vollen Mengen.“
Magistrat der Stadt Unna
20. Dezember 1918

Bescheidene Vorfreude aufs Fest und nachrevolutionäre Zwangsmaßnahmen liegen nah beieinander. Fast gleichzeitig veröffentlicht der Arbeiterrat einen Aufruf: „Die Einwohner von Fröndenberg werden dringend ersucht, ihre Kinder unter 14 Jahren des Abends nach 8 Uhr von der Straße fern zu halten.“ Alle sollen daran mitwirken, „daß möglichst Ruhe und die größte Ordnung wie bisher bestehen bleibt“. Unterdessen bemühen sich die Kirchen in Fröndenberg, der ersten friedvollen Adventszeit seit 1913 einen besinnlichen und kindgerechten Rahmen zu geben. „Am Sonntag nachmittag um 4 Uhr“, zwei Tage vor dem Heiligen Abend, sind auch die Eltern der Kinder „aufs herzlichste“ zu einer Weihnachtsfeier in der evangelischen Kleinkinderschule eingeladen.

Die größte Sorge gilt eben Kleinkindern – und Neugeborenen. Als der Deutsche Fleischverband verkündet, dass die Versorgung mit Rindfleisch nur theoretisch „nicht versagt“ werden muss, macht der Grund hierfür die dramatische Ernährungslage offenbar: Würden auch Kühe geschlachtet, wäre die Milchversorgung der Säuglinge akut gefährdet. In der Nachbarstadt Unna legen Magistrat und Arbeiter- und Soldatenrat Quoten fest. Es stehe nur die Hälfte der benötigten Vollmilchmenge zur Verfügung. Täglich aber gingen Klagen darüber ein, „dass Milchverkäufer notwendige Kürzung nicht gleichmäßig vornehmen“.

Knappheit weit und breit

Die Lage in Fröndenberg ist nicht weniger ernst. Hier bittet der Arbeiterrat „recht eindringlich“ die Landwirte, die selbst nicht benötigten Lebensmittel herauszugeben, „um die drohende Hungersnot von unserem Volke fernzuhalten“. Doch mancher Bauer verweigert sich. Am 20. Dezember waren zunächst „nach langer erregter Aussprache“ neue Männer in den Arbeiterrat gewählt worden: August Hacheney, August Plate, Ludwig Niederhausen, Clemens und Heinrich Schwarzkopf, Philip Amos sowie Kaspar Lolot. Bestürzt zeigt sich der Berichterstatter über eine Mitteilung am Ende der Sitzung: „Im übrigen wurde u.a. die kaum faßliche Tatsache bekannt gegeben, daß ein hiesiger Landwirt noch kürzlich vor einer Revision durch den Arbeiterrat 50 Liter Milch an die Schweine verfüttert haben soll, während Kranke und Kinder nicht genügend Milch bekommen können.“

Knappheit weit und breit: 60 Gramm Butter, 250 Gramm Kunsthonig, 125 Gramm Weizenmehl, 125 Gramm Graupen und „2 Pakete Reis an Kinder bis zu 6 Jahren und Personen über 70 Jahre“ gibt etwa das städtische Lebensmittelamt Unna am 16. Dezember aus.

„Es fehlen noch die Lichter am Baum.“ – Wie Fröndenberg im Jahr 1918 Weihnachten feiert

August Ahleff, Lehrer an der Dorfschule in Frömern, gehörte zu den glücklichen Kriegsteilnehmern, die bereits vor Weihnachten 1918 nach Hause zurückkehrten. © privat

Durchziehende Truppen verbringen Weihnachten in Fröndenberg

Derweil erhält die Gemeinde Fröndenberg kurz vor Weihnachten Nachricht vom Generalkommando in Münster, dass sie durchziehende Truppen der 2. Garde-Ersatz-Division beherbergen muss. „Unser Ort wird für einige Tage größere Einquartierung erhalten, die bis nach den Feiertagen hierbleiben dürfte“, erfahren die Einheimischen aus der Presse. Stolz und große Anteilnahme an dem Schicksal ihrer Soldaten spricht die Gemeindeverwaltung an: „Die Bewohner werden bestrebt sein, den Kriegern das Fest der Liebe, das sie auch diesmal noch nicht in der Heimat feiern können, durch liebevolle Aufnahme nach Möglichkeit zu ersetzen.“ Die Gemeinde selbst beabsichtigt, für die Soldaten eine Weihnachtsfeier zu veranstalten.

Wenn Truppen nur durchmarschieren, wie in Unna, ist das ein Volksfest, „fast alle Wagen sind mit Fahnen, bunten Papierblumen und Tannengrün geschmückt“, wird am 6. Dezember berichtet. Und man fühlt mit den Soldaten: „Selbst die Fußtruppen führten kleine Jungen und Mädchen an der Hand, dabei dachte wohl mancher wackre Kriegskamerad an seine eigenen Lieben ...“. Patriotismus herrscht wie in ganz Deutschland trotz Niederlage, stets als Waffenstillstand weichgezeichnet, auch in Fröndenberg vor.

„Mitbürger! Flaggen heraus! In wenigen Tagen kommen unsere braven Truppen in die Heimat – ruhmbedeckt und ungeschlagen. Heißt die Helden willkommen.“
Gemeindeverwaltung Fröndenberg,
21. November 1918

Am 13. Dezember erfahren die Fröndenberger, dass ihre Gemeindeoberen beabsichtigen, „zur Ehrung unserer heimkehrenden Krieger eine Stiftung zu errichten.“ Aus den Zinsen sollen „bedürftige Kriegerwaisen, -witwen und Kriegerfamilien unterstützt werden“. Und aus dem Jahresgewinn der Sparkasse Fröndenberg von 1918 fließen 2000 Mark als „Kriegerdank“ an notleidende Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene. Bereits Ende November hatte man mit Blick auf die erwarteten Heimkehrer die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen:

„Mitbürger! Flaggen heraus! In wenigen Tagen kommen unsere braven Truppen in die Heimat – ruhmbedeckt und ungeschlagen. Heißt die Helden

willkommen.“

Während erschöpfte und desillusionierte Soldaten einen bisher nicht gekannten Krieg kämpften und objektiv betrachtet so gar nichts Heldenhaftes versprühen, besinnt man sich Heiligabend wiederum auf die Unbekümmertheit des Nachwuchses. „Vor allem aber sollen diese Tage den Kindern gewidmet werden“, ist in der Weihnachtsausgabe des Hellwegers zu lesen. Und weiter: „Die Jugend weiß innerlich nichts von der Wirklichkeit rauher Gegenwart. Und diesen Kindersinn wollen wir pflegen. So sei der heilige Abend für die Kleinen ein Abend der Freude.

Keine Weihnachtsreisen und keine Weihnachtspäckchen

Doch hellsichtig wird auch bemerkt: „Wer es versteht, zu seinen Kindern zu sprechen, der wird ihnen klar machen, daß sie später über den Ernst dieser Tage nachdenken müssen.“ Denn die schlechten Nachrichten für die Erwachsenen reißen auch unmittelbar vor dem Christfest nicht ab. „Keine Weihnachtsreisen“, müssen die Fröndenberger als Überschrift in der Tageszeitung lesen.

„Ein Weihnachtsverkehr im eigentlichen Sinn wird also nicht stattfinden.“
Artikel im Hellweger Anzeiger
vom 19. Dezember 1918

Die „bisherigen Züge für Zivilpersonen“ seien um die Hälfte aller Plätze reduziert worden. Wegen des Waffenstillstandes müsse eine größere Anzahl von Lokomotiven und Wagen „an die feindlichen Mächte“ ausgeliefert, zudem der Transport von Lebensmitteln und Kohlen sichergestellt werden. Auch nur wenige Weihnachtspäckchen dürften den Bahnhof in Fröndenberg verlassen haben. Vom 18. bis 23. Dezember „wird Frachtstückgut jeglicher Art zur Beförderung nicht angenommen“, lässt die Eisenbahn wissen.

Weihnachten 1918 wird in Fröndenberg dennoch ein friedvolles Fest.

„In den Schaufenstern prangen, wenn auch in bescheidenerer Weise als sonst, all die Herrlichkeiten, an denen sich die Kinder – kleine und große! – nun einmal erfreuen. Zwar kommen die Leckermäuler, die sonst um diese Zeit gern an Marzipantorten knabberten, nicht zu ihrem Recht, aber auch sie hoffen auf bessere Zeiten.“
Artikel im Hellweger Anzeiger
vom 19. Dezember

Superintendent Sybrecht aus Frömern hält Heiligabend „eine zu Herzen gehende Predigt“ in der Stiftskirche für die einquartierten Soldaten. „Im Anschluss an den Gottesdienst erfolgte die Bescherung der Truppen.“ Für die Kranken „des hiesigen Krankenhauses“ findet am ersten Weihnachstag eine Christfeier statt, „die einen schönen Verlauf nahm“.

Zwar blickt man mit Sorge nach Berlin, wo am 24. Dezember „Weihnachtskämpfe“ zwischen Marinesoldaten, die ihren Sold nicht erhalten, und Regierungstruppen toben. Auch der Gabentisch könne nicht wie gewohnt gefüllt werden. „Es fehlen noch die Lichter am Baum“, lautet ein zeitgenössischer Kommentar, der zwischen Illusionslosigkeit und Zuversicht schwankt. „Jetzt aber sind die Stunden da, an denen wir die schönen Weihnachtslieder singen.“ Man hoffe, dass „bald unserem Lande eine neue schönere Zeit“ komme.

Das Wetter in Fröndenberg übrigens hatte sich rechtzeitig gebessert, „schöne trockene Tage gebracht, die denn auch ausgiebig zu Spaziergängen benutzt wurden“. Und „die Welt der Kleinen gab sich den üblichen Weihnachtsfreuden mit gewohnter Sorglosigkeit hin“.

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