Hebamme Anja Wulf aus Frömern könnte stolzer nicht sein: Nach vier Jahren harter Arbeit an der Geburtsstation Mtoni in Tansania wurde dort das erste Baby geboren. Die Hebamme ist sogar Namenspatin.

Fröndenberg

, 27.04.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Hebamme aus Frömern und ein Neugeborenes in Afrika: Beide verbindet eine lange Reise. Im Jahr 2000 ist Hebamme Anja Wulf das erste Mal in Tansania, arbeitet im Norden am Kilimandscharo. Als sie vor vier Jahren die Möglichkeit bekommt, einen Blick in die entstehende Geburtsstation in der Stadt Dar es Salaam, dem Regierungssitz Tansanias, zu werfen, sagt sie nicht Nein. „Ich war neugierig, wie es da aussieht. Aber ich stand am Ende in einem leeren Gebäude“, erzählt sie und lacht. Die Geburtsstation steht 2017 noch ganz am Anfang.

Am 24. April 2020 ist es dann aber endlich so weit. Das erste Babygeschrei erklingt in der neuen Geburtsstation im Stadtteil Mtoni: Baby Anja wird geboren. Nach vier langen Jahren voller Probleme und Verzögerungen.

Eine Tonne Spenden für die Geburtsstation

Die vier Jahren haben es in sich. 2017 wird in Wulfs Heimat die Geburtsstation renoviert, das St. Vincenz Krankenhaus in Menden verliert seine Geburtsstation. Die Hebamme wird tätig. In Zusammenarbeit mit mehreren Krankenhäusern kommt am Ende eine Tonne Spenden zusammen: Geräte, die den deutschen Standards nicht mehr entsprechen, aber noch voll funktionsfähig sind.

„Ich bin gerührt und habe Tränen in den Augen.“
Anja Wulf

Gemeinsam mit den Spenden macht sich Wulf auf den Weg nach Tansania, bringt den Kollegen vor Ort die Benutzung der Geräte bei. In den folgenden Jahren wächst eine enge Zusammenarbeit. Wulf erzählt im heimischen Kirchenkreis Unna von dem Projekt, an dem sie selbst mitwirkt.

Mindestens einmal im Jahr besucht sie ihre tansanischen Kollegen, gemeinsam mit Hebamme Michaela Pfeiffer aus Paderborn. „Wir haben Fortbildungen gegeben und die Spenden-Tüten zusammengestellt.“

Gerade einmal zehn Euro kostet so eine Tüte umgerechnet. Darin enthalten sind allerhand medizinische Sachen, die die Frauen in Tansania selbst zur Entbindung mitbringen müssen, sich oftmals aber nicht leisten können. Nadeln, zum Beispiel, oder Handschuhe. „Sonst laufen sie Gefahr, dass gerade keine zur Verfügung stehen und keine sterilen benutzt werden.“ Rund 200 Tüten sind durch die Spenden zusammengekommen - die erste fand allerdings erst vor wenigen Tagen ihren Einsatz.

Eröffnung der Geburtsstation verzögert sich

„Es hat sich alles nochmal gezogen.“ Der Wassertank hatte ein Leck, immer wieder mangelte es an Geld, es gab nicht genug Hebammen und Entbindungspfleger. „Es hat viel Geduld und Zeit gebraucht, aber ich habe immer fest daran geglaubt, dass wir alle es am Ende gemeinsam schaffen“, erzählt Anja Wulf.

Erst Ende 2019 erfolgt die kirchliche Eröffnung. Bis die erste Geburt in den Gemäuern stattfinden kann, vergehen erneut Monate. „Dieses Projekt ist eine Herzensangelegenheit von mir“, so Wulf. „Bei uns in Deutschland sind so viele Sachen selbstverständlich. In Tansania haben die Frauen andere Voraussetzungen bei der Entbindung, die sorgen sich darum, ob es fließendes Wasser gibt oder Strom.“

Kind nach Hebamme Anja Wulf benannt

Mit dem ersten Baby kommt jedoch auch die Überraschung. Denn das Neugeborene, das am 24. April um 8.30 Uhr Ortszeit das Licht der Welt erblickt, trägt keinen anderen Namen als „Anja“.

Das erste Baby in der Geburtsstation Mtoni in Tansanie wurde nach Hebamme Anja Wulf aus Frömern benannt. Sie hatte tatkräftig bei der Entstehung der Geburtsstation mitgewirkt.

Das erste Baby in der Geburtsstation Mtoni in Tansania wurde nach Hebamme Anja Wulf aus Frömern benannt. Sie hatte tatkräftig bei der Entstehung der Geburtsstation mitgewirkt. © Privat

„Ich bin gerührt und habe Tränen in den Augen“, schreibt Wulf den frisch gebackenen Eltern und den Mitarbeitenden über WhatsApp. Mit den Kollegen steht sie in engem Kontakt, die Nachricht kommt für sie trotzdem überraschend. „Das ist eine unglaubliche Wertschätzung. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Leute an dem Projekt mitgearbeitet haben. Dass ausgerechnet mein Name am Ende ausgewählt wurde.“

Es fällt ihr noch immer schwer zu fassen. „Es ist ja nicht einmal mein Projekt. Ich bin nur ein Bindeglied zum Evangelischen Kirchenkreis Unna.“ Ihre Kollegin hätte sich ebenso sehr engagiert. „Ich kenne die Mutter nicht persönlich. Ich habe nur Bilder aus der Whatsapp-Gruppe bekommen.“

Videoanruf mit der Mutter

Als sie die Nachricht erhält, führt sie jedoch noch am selben Abend einen Videoanruf mit der frisch gebackenen Mutter. „Irgendwann, wenn die Corona-Krise vorbei ist, würde ich gerne noch einmal nach Tansania fliegen“, wünscht sich Wulf. „Und dann auch gerne Anja und ihre Mutter besuchen.“

Denn nur, weil die Geburtsstation endlich fertiggestellt ist, ist das Projekt für sie nicht erledigt. „Es gibt noch viel zu tun. Die Geburtsstation da oben steht noch am Anfang. Aber das wird schon alles.“ Für die weitere Unterstützung, da sind sich alle Beteiligten einig, gibt die erste Geburt in der Station frischen Wind und neue Energie.

Der Tansania-Arbeitskreis sammelt weiterhin Geld für Taschen mit Versorgungsmaterial für die werdenden Mütter in Dar Es Salaam. Eine Tasche kostet 10 Euro. Gespendet werden kann an das Spendenkonto des Ev. Kirchenkreises Unna: IBAN DE53 4435 0060 0000 0216 59, Stichwort Mtoni.
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