Ehemalige Hitlerjunge: „Die heutige Jugend ist nicht anders als damals“

dzDr. Hans Küsel

Dr. Hans Küsel ist 91 Jahre alt. Das hält ihn nicht davon ab, regelmäßig Vorträge zu halten über seine Zeit als Kind und Jugendlicher im Nationalsozialismus. Eine spannende Geschichtsstunde.

von Sebastian Pähler

Fröndenberg

, 10.11.2018, 17:58 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Hitlerjunge – Verführung und Verführbarkeit“, so der Titel der Veranstaltung, zu der die VHS Unna Fröndenberg Holzwickede eingeladen hatte. „Ich bin ja einer der letzten Zeitzeugen“, stellte Dr. Küsel fest. „Ich bin jetzt 91 und wer ist schon 91 und lebt noch? Ich kann noch berichten und das tue ich gerne“. Er fühle sich verpflichtet als einer der wenigen, die sich noch über diese Jahre äußern können, dies auch zu tun.

Zugehört haben ihm viele. Rund 50 Teilnehmer fanden den Weg in die alte Schule in Frömern. „Es bestätigt mich darin, mit solchen Veranstaltungen und mit Vorträgen überhaupt auf die Dörfer zu gehen“, stellte Ulrich Steffen fest, der erstmals mit einem solchen Vortrag in Fröndenberg zu Gast war. „Eine Veranstaltung wie diese würde in Unna im ZIB maximal fünf, sechs Leute anziehen“, zeigte sich der Studienbereichsleiter der VHS überzeugt.

Ehemalige Hitlerjunge: „Die heutige Jugend ist nicht anders als damals“

Viel mehr interessierte Zuhörer, als in Unna gekommen wären: Die Organisatoren von der VHS sind überzeugt, dass sie mit Veranstaltungen wie dem Zeitzeugenbericht von Hans Küsel auf die Dörfer gehen müssen.

Auch junge Zuhörer

Unter den Zuhörern waren vor allem viele ältere aus der Nachkriegsgeneration, aber auch vereinzelt junge Leute und ein paar Teilnehmer, die Küsels Erfahrungen ein Stück weit teilten. „Mein Bruder war auch bei der Hitlerjugend, meine Schwester beim BDM, ich habe daran aber keine Erinnerungen mehr“, oder „Das habe ich auch erlebt“, war während des Vortrags aus dem Publikum zu hören.

Für den ehemaligen Hitlerjungen Hans Küsel war es wichtig, zu schildern, in welchem Zustand Deutschland in den 30er-Jahren war und wie es zur Machtergreifung kommen konnte. Im Mittelpunkt stand aber vor allem auch, wie gerade die Jugend in das Nazi-System eingebunden wurde. „Mensch, wart ihre alle doof? Konntet ihr nicht hinter die Kulissen sehen? Habt ihr euch bequatschen lassen?“, zitierte Küsel Fragen die Schüler von heute gewöhnlich an ihn richten.

Ehemalige Hitlerjunge: „Die heutige Jugend ist nicht anders als damals“

Hans Küsel war in der Hitlerjugend. Heute erzählt er normalerweise Jugendlichen, wie sich die Massen damals für die falsche Sache begeistern ließen. Zu seinem Vortrag in Fröndenberg waren alle Altersklassen eingeladen.

Es sei nicht alles schlecht gewesen, erklärt er dann, und genau das war das Tückische. Gerade für Kinder aus der Arbeiterschicht boten sich Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und des Aufstiegs innerhalb der Gruppe, die sie sonst nie gehabt hätten. „Es gab Pferdesport, Motorsport, Segelsport. Da haben wir uns getroffen. Politisch gesprochen wurde da wenig“, erinnerte sich ein Zeitzeuge aus dem Publikum. Das bestätigte auch Küsel, allerdings, berichtete er, wurde stets das Heimatland und die Ehre als höchstes Gut beschworen. Und zwar in erster Linie mit Liedern und Gedichten, die ihm bis heute ins Gedächtnis gebrannt seien.

Eingeschlichene Ideologie

Abgesehen von der Pflicht zur Hitlerjugend, habe sich die Ideologie so in die Köpfe der Kinder und Jugendlichen geschlichen. Für den Personenkult um Hitler fand er ebenfalls einen Vergleich. Die Masse im Fußballstadion und das Publikum bei Popkonzerten würde mit ähnlicher Hysterie reagieren wie die Menschen damals. „Die heutige Jugend ist nicht anders als die Jugend damals“, stellte er schließlich fest, „nämlich begeisterungsfähig. Und das ist auch gut so. Man muss nur immer fragen, für was man sich begeistert.“

Zum Thema „Fröndenberg im Wandel“ bietet die Volkshochschule zusammen mit Stadtarchivar Jochen von Nathusius bereits am Donnerstag, 22. November, einen weiteren geschichtlichen Vortrag an. Dieser wird sich konkret mit der Entwicklung Fröndenbergs befassen. Bereits im 19. Jahrhundert hat sich die heutige Innenstadt von einer bäuerlichen Handwerkssiedlung zu einer prosperierenden Industriegemeinde entwickelt. Diese rasante Entwicklung hielt auch im 20. Jahrhundert an und wurde städtebaulich geprägt durch Erweiterungen und Neubauten der Industrie, neue Siedlungs- und Wohngebiete, eine völlig veränderte Schullandschaft, den starken Anstieg des Individualverkehrs, dafür nötige Baumaßnahmen und den beginnenden Strikturwandel ab Mitte der 1960er-Jahre. Weil die vergangenen 100 Jahre fotografisch gut dokumentiert sind, versprechen sie eine spannende Zeitreise durch die Fröndenberger Kernstadt, so die VHS. Was kam neu, was ist bereits wieder verschwunden? Ein Bild machen können sich alle an der Stadtgeschichte Interessierten am Donnerstag, 22. November, von 15.30 bis 17 Uhr im Allee-Café an der Winschotener Straße 2-4.
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