Tuscheln, Hänseleien, körperliche Gewalt: Lina war sechs Jahre, als ihr dies an ihrer Schule widerfuhr. Doch damit nicht genug: Via WhatsApp machten Eltern mobil – gegen Lina und ihre Mutter. Die wendet sich jetzt mit einem Appell an die Öffentlichkeit.

Fröndenberg

, 28.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Sie ist krankgeschrieben. Seit vier Monaten. Der Grund: psychische Erschöpfung, ein stressbedingtes Magengeschwür. Lina wird lange brauchen, bis sie wieder einen normalen Alltag leben kann. Lina wurde gemobbt. Sie ist sechs Jahre alt.

Wenn Julia S. (Die Namen sind der Redaktion bekannt, wurden zum Schutz der Privatsphäre aber geändert) über das erzählt, was ihrer Tochter widerfahren ist, dann spürt man die Wut, die Enttäuschung und die Verzweiflung einer Mutter, die es selbst noch nicht so ganz glauben kann, was passiert ist. Doch Julia S. will nicht schweigen, sie will reden über das, was sie als großes Problem hinter dem Mobbing sieht, dem ihrer Tochter ausgesetzt war. Denn es ist eine Veränderung in der Gesellschaft, die zulässt, dass schon Erstklässler Mobbing und Diskriminierung ausgesetzt sind, davon ist sie nach Rückmeldungen von Eltern, die ähnliches erlebt haben, überzeugt.

Hilfsangebote

Die Schulpsychologische Beratungsstelle für den Kreis Unna

  • Fälle wie der von Lina sind leider kein Einzelfall. Kinder, Lehrer und Eltern können sich in solchen Situationen unter anderem an die schulpsychologische Beratungsstelle für den Kreis Unna wenden.
  • Die Beratungsstelle unterstützt alle Mitglieder einer Schulgemeinde dabei, Lösungswege für schulische Problemstellungen zu finden. Dabei bleibt die Eigenverantwortlichkeit der Beteiligten immer gewahrt.
  • Die Nutzung der Angebote ist stets freiwillig und kostenlos. Alle Mitarbeiter sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.
  • Neben Einzelfallberatung unterstützt die Beratungsstelle Schulen und einzelne Lehrer auch bei der Umsetzung von Konzepten gegen Mobbing. Bei Interventionen im Einzelfall stehen der Opferschutz und die anschließende Auflösung der sozialen Mobbing-Struktur im Vordergrund.
  • Detaillierte Informationen sowie Hinweise auf weitere Unterstützungsangebote gibt es auf der Internetseite des schulpsychologischen Beratungsstelle.

Es begann mit Hänseleien in der Umkleidekabine

Angefangen hatte alles in der Umkleidekabine nach dem Sportunterricht. Lina, von Statur eher zierlich, wurde zur Zielscheibe des Spottes ihrer Mitschüler - allein weil ein Mädchen meinte, sie sähe aus wie eine Kröte. Wenige Wochen später eine ähnliche Situation, wieder in der Umkleidekabine; dieses Mal hielten ihre Mitschüler die Tür zu, sodass Lina Angst haben musste, in der Halle eingeschlossen zu werden.

Um sich vorstellen zu können, was das mit einem kleinen Mädchen im ersten Schuljahr macht, braucht man nicht viel Fantasie. Julia S. und ihr Mann trösteten ihre kleine Tochter, sprachen mit dem Lehrer. Der sprach am Folgetag ein deutliches Wort mit den Kindern, erklärte, was Verantwortung und Gemeinschaft bedeuten. Für Lina war zu diesem Zeitpunkt die Welt bereits völlig aus dem Gleichgewicht geraten.

Bluterguss auf dem Oberarm – und Lina schwieg

Und dann entdeckte Julia S. plötzlich eines Abends einen großen Bluterguss am Oberarm ihrer Tochter. „Das Schlimme war, dass sie uns nichts von dem Vorfall auf dem Schulhof erzählt hatte. Sie hatte das Vertrauen auf Hilfe verloren“, schildert Julia S. ihre Gedanken. Erst auf Nachfragen schildert Lina, was sich auf dem Schulhof zugetragen hat. Julia S. wendet sich noch an dem Abend an den Klassenlehrer.

„Das Schlimme war, dass sie uns nichts von dem Vorfall auf dem Schulhof erzählt hatte. Sie hatte das Vertrauen auf Hilfe verloren.“
Julia S.

Was dann folgte, lässt Julia S. heute noch den Kopf schütteln: Die vom Lehrer per WhatsApp angeschriebenen Eltern reagieren – allerdings nicht mit Verständnis, Erklärungen oder Entschuldigungen. „Als ich den Klassenlehrer am nächsten Morgen gesehen habe, dachte ich sofort: Da ist etwas ganz schief gelaufen“, erinnert sich Julia S. Bis nach Mitternacht sei er mit Nachrichten der Eltern bombardiert worden, schildert der erfahrene Pädagoge sichtlich mitgenommen Julia S. die Reaktionen der Eltern. Der Tenor: Ihre Kinder würden nicht mobben, das seien unerhörte Unterstellungen.

Mutter ist überzeugt: Vor 20 Jahren wäre die Reaktion anders gewesen

Julia S. ist irritiert von dem plötzlichen Hass, der gegen sie und ihre Tochter geschürt wurde: „Ich hatte die Kinder gar nicht wirklich als Täter betrachtet, vielmehr denke ich, dass ihnen nicht wirklich bewusst war, was sie da taten. Ich sah den Handlungsbedarf klar in der Schule. Natürlich war mir bewusst, was für eine Dynamik Mütter haben können, aber diese Dynamik habe ich unterschätzt.“

Julia S. ist überzeugt: Eine solche Reaktion hätte es vor 20 Jahren in der gleichen Situation nicht gegeben. „Heute wird überhaupt nicht mehr reflektiert oder innegehalten, bevor ich auf etwas reagiere“, sagt sie, „Medien wie WhatsApp fordern einen ja geradezu dazu auf, sofort zu reagieren und sich stets zu positionieren und zu präsentieren.“

„Heute wird überhaupt nicht mehr reflektiert oder innegehalten, bevor ich auf etwas reagiere. Medien wie WhatsApp fordern einen ja geradezu dazu auf, sofort zu reagieren und sich stets zu positionieren und zu präsentieren.“
Julia S.

Jede Emotion werde sofort „rausgehauen“, ohne etwas zu überdenken. Das Miteinander und Empathie blieben dabei auf der Strecke, ist Julia S. überzeugt. „Wo ist denn die Mutter, die auf mich zukommt und fragt, wie es mir und meiner Tochter geht? Das gibt es nämlich auch nicht mehr, dass Leute aus der Reihe treten und Stellung beziehen. Man möchte anscheinend heute nicht mehr auffallen, sondern lieber mitschwimmen, vielleicht aus der Angst heraus, ansonsten das nächste Opfer zu sein. Was geben wir unseren Kindern da für ein Weltbild mit?

Schulen brauchen ein Notfallmanagement

Dass Lehrern so respektlos begegnet werde und sie sich teilweise mehr mit den Eltern als mit den Kindern beschäftigen müssen, ist ein weiterer Punkt, der Julia S. Sorgen bereitet. Zumal sie die Erfahrung gemacht hat, dass das System Schule auf solche Fälle wie den ihrer Tochter nicht vorbereitet ist. „Da fehlt ein Notfallmanagement, das den Lehrern Handlungsempfehlungen für so etwas gibt. Es muss ein ganzes Netzwerk geben, das in so einem Fall greift“, fordert Julia S. Auch mangelnde Kommunikation beklagt sie: Erst nachdem ihre Tochter bereits die Grundschule verlassen hatte, erfuhr sie davon, dass es an der Schule eine Sonderpädagogin gegeben hätte. „Wieso wird auf solche Ressourcen nicht zurückgegriffen, gerade im Zeitalter der Inklusion?“

„Da fehlt ein Notfallmanagement, das den Lehrern Handlungsempfehlungen für so etwas gibt. Es muss ein ganzes Netzwerk geben, das in so einem Fall greift.“
Julia S.

Lina besucht mittlerweile eine andere Schule, wird dort in einer kleinen Klasse gut betreut. Doch die emotionale Erschütterung, die sie direkt im ersten Schuljahr erleben musste, hat Spuren hinterlassen. Sie ist verunsichert, hat noch immer Magenprobleme. Für sie und ihre Familie wird es noch ein langer Weg zu einem normalen Schulalltag. Ein Weg, den sie ohne die zerstörerische Macht von unreflektierten WhatsApp-Posts möglicherweise nicht vor sich hätte – davon ist ihre Mutter überzeugt: „Wir sollten wirklich alle mal innehalten und uns fragen, was diese Sozialen Medien mit uns machen und ob das wirklich Werte sind, die wir unseren Kindern mitgeben wollen.“

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