Der Fröndenberger Stadtteil Neimen wurde hart getroffen von dem Unwetter: Schlamm und Dreck türmten sich auch am Montag noch auf Straßen und Grundstücken. © Udo Hennes
Unwetter

Eine Katastrophe: Neimen in weiten Teilen unter Schlamm begraben

Am Tag nach dem verheerenden Unwetter sind die Menschen fassungslos – aber auch wahnsinnig hilfsbereit, wie sich etwa am Neimener Weg zeigt. Hier wurde den Menschen die Lage des Viertels zum Verhängnis.

Es ist nicht weniger als eine Katastrophe. Am Neimener Weg zeigt sich das am Montagmorgen ganz deutlich. Fassungslos stehen Menschen vor ihren Häusern, die am Vortag von einer Welle aus Wasser und Schlamm buchstäblich überrollt worden sind. Grundstücke gleichen Trümmerfeldern, auf der Straße steht stellenweise zentimeterhoch Schlamm. Ohne zu übertreiben: Es sind Bilder, wie man sie nach einer Flutwelle in Küstennähe erwarten würde.

Das Meer ist freilich weit weg – und doch wurde die Lage ihres Viertels den Menschen hier am Sonntag zum Verhängnis. Die sonst durchaus idyllische Hanglage der etwas abseits gelegenen Gegend nämlich war mit ein Problem; wie auch die Topografie der Stadt insgesamt. Oben liegt Hohenheide – dort prasselte am Sonntagnachmittag so viel Regen wie sonst nirgends im Land nieder. Der Boden konnte die Mengen irgendwann nicht mehr aufnehmen – und so schoss das Wasser im wahrsten Sinne sintflutartig hinunter nach Neimen und Frohnhausen.

Am Neimener Weg war die Zerstörungskraft besonders groß

Auf dem Weg dorthin entfalteten Wasser und Schlamm nicht nur entlang des Neimener Wegs ihre gewaltige Zerstörungskraft: Sogar ein Auto wurde mitgerissen und gegen eine Brücke gedrückt, viele Fenster und Türen hielten der Kraft erst gar nicht Stand.

Unter anderem hat es Jens und Lea Einzel getroffen, deren Mietwohnung am Montag erstmal nicht mehr bewohnbar war. Zwar befinden sich die Schlafräume im Obergeschoss. Die braune Brühe aber, die am Morgen noch im Erdgeschoss steht, stinkt zum Himmel. Gemeinsam mit Freunden und Eltern von Kindern, die Lea Einzel als Tagesmutter hier normalerweise betreut, versuchen die Einzels das Gröbste raus zu kriegen: Mit Flitschen arbeiten sie gegen den Schlamm in ihrem Wohnzimmer – noch völlig ahnungslos, ob irgendjemand für den immensen Schaden in ihrer Wohnung aufkommt.

Jens und Lea Einzel in der völlig verschlammten Zufahrt zu ihrer Mietwohnung am Neimener Weg: An den Klinkersteinen im Eingang ist noch zu sehen, wie hoch Wasser und Schlamm am Sonntag standen.
Jens und Lea Einzel in der völlig verschlammten Zufahrt zu ihrer Mietwohnung am Neimener Weg: An den Klinkersteinen im Eingang ist noch zu sehen, wie hoch Wasser und Schlamm am Sonntag standen. © Alexander Heine © Alexander Heine

Wasser und Dreck kamen in zwei Wellen, erzählen die Einzels. Bei der ersten haben sie noch gewitzelt, bei der zweiten aber wurde es bitterernst. Sie haben noch versucht, die Haustür mit Handtüchern abzudichten, das Wasser aber drückte die ganze Tür ein. Als das Wasser schlussendlich nicht mehr aufzuhalten war, retteten die beiden sich durchs Fenster ins Freie. Da war es freilich nicht weniger gefährlich: Hier am Neimener Weg war es, wo ein Auto gegen eine Brücke gespült worden ist und deren Statik gefährdete – und wo sogar ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr in den Graben rutschte.

Das Technische Hilfswerk hat die beschädigte Brücke am Neimener Weg am Montag provisorisch gesichert, damit der Hauseigentümer wenigstens noch sein Auto vom Grundstück fahren kann – jetzt ist das Bauwerk vorerst gesperrt.
Das Technische Hilfswerk hat die beschädigte Brücke am Neimener Weg am Montag provisorisch gesichert, damit der Hauseigentümer wenigstens noch sein Auto vom Grundstück fahren kann – jetzt ist das Bauwerk vorerst gesperrt. © Alexander Heine © Alexander Heine

Am Neimener Weg sind auch die Stallungen vom Gut Dahlmann. Uwe Liebich aus Unna war am Sonntag gerade mit seinem Pferd auf der Anlage, als erst der Regen einsetzte und die Straße in der Folge zu einem Flussbett wurde. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, zeigt er am Montagmorgen Videos auf seinem Smartphone: Sie zeigen den reißenden Strom, der den Neimener Weg hinunterschoss. 30 Zentimeter hoch stand das Wasser zwischendurch in der Reithalle – und die Pferde in ihren Boxen knietief darin.

Gut Dahlmann: Die Pferde standen knietief im Wasser

„Wir hatten noch Glück“, erzählt Geschäftsführerin Juliane Dahlmann-Weber. Einige Pferde waren am Sonntag auf einem Turnier in Balve, wurden danach in Anbetracht der Lage in Fröndenberg vorübergehend in Voßwinkel untergebracht. „Wir konnten umdisponieren und Pferde umstallen“, berichtet Dahlmann-Weber, dass glücklicherweise keines der Tiere zu Schaden gekommen ist. Danach war stundenlanges Schüppen angesagt: „Ich habe eine richtig gute Stallgemeinschaft, die sind alle zum Helfen gekommen.“

Die vierköpfige Familie, die dieses Haus am südlichen Ende des Neimener Wegs bewohnt, war am Montagmorgen fassungslos in Anbetracht der Schäden, die das Unwetter an ihrem mühevoll sanierten Eigenheim hinterlassen hat. Die Hilfsbereitschaft von Freunden und Nachbarn kannte keine Grenzen.
Die vierköpfige Familie, die dieses Haus am südlichen Ende des Neimener Wegs bewohnt, war am Montagmorgen fassungslos in Anbetracht der Schäden, die das Unwetter an ihrem mühevoll sanierten Eigenheim hinterlassen hat. Die Hilfsbereitschaft von Freunden und Nachbarn kannte keine Grenzen. © Udo Hennes © Udo Hennes

Überhaupt macht auch das die Stimmung an diesem Morgen aus. Die Menschen sind füreinander da, helfen sich gegenseitig. Susanne Melchert etwa wohnt auf einer Anhöhe in Frohnhausen, blieb selbst verschont – also packt sie bei denen mit an, die weniger Glück hatten. Schon am Sonntag hatten sich die Bürger über eine WhatsApp-Gruppe Unterstützung angeboten: Die war eigentlich für den avisierten Glasfaserausbau in den Stadtteilen gegründet worden – jetzt wurde sie zur Notfallgruppe. Melchert etwa sammelte Wasserpumpen und was sonst noch gebraucht wurde ein, um es zu den Helfern zu bringen.

Hasche: „Viele Helfer unermüdlich im Einsatz“

Engagement wie dieses lobten die Krisenmanager von Stadt Fröndenberg und Kreis Unna am Montagnachmittag ausdrücklich: „Viele Helfer sind unermüdlich im Einsatz, und damit meine ich nicht nur uniformierte“, sagte etwa Krisenstabsleiter Uwe Hasche. „Es zeigt sich wie wohltuend es ist, wenn die Nachbarschaft funktioniert.“

Über den Autor
stv. Chefredakteur
Jahrgang 1985, verliebt in seine Heimat am nördlichsten Bogen der Ruhr. Geselliger Vereinsmensch mit vielseitigen Interessen. Im Job brennt er vor allem für politische und menschelnde Storys. Seit 2010 beim Hellweger.
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Alexander Heine

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