Tante Emma heißt heute Vitalij, Carsten, Matthias. Die Fröndenberger sind die letzten ihrer Zunft, halten auf der Hohenheide, in Strickherdicke und am Mühlenberg ihre Läden am Laufen.

von Martin Krehl

Fröndenberg

, 08.12.2018, 18:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kann ja passieren: Abends um 21 Uhr fehlt eine Tüte Milch, morgens um 6 ist das Klopapier alle. Lidl und Edeka helfen da nicht, aber drei kleine Lädchen in verschiedenen Ortslagen sind auch dann für ihre Kunden da.

Betriebswirtschaftlich sind alle drei Läden ein Wagnis, eigentlich ist es für die drei Betreiber eine Liebhaberei, ein Hobby. „Reich werde ich mit dem Kiosk nie“, lacht Carsten Kaminski. „Will ich auch nicht“. Er hat gegenüber seinem Kiosk B233 direkt an der Bundesstraße in Strickherdicke ein Häuschen, sein Wohnzimmer aber ist der Kiosk. Der gelernte Personaldienstleistungskaufmann (34) möchte nichts anderes mehr machen: „Der Kontakt mit den Kunden hält mich an manchen Tagen aufrecht, ich rede gern, kann aber auch zuhören“.

Seine Spezialität, neben den üppigen Öffnungszeiten, sind regionale Produkte wie Schwerter Senf oder Erzeugnisse aus der Werkstatt der „Seifenschwestern“. Marmelade und Honig werden nicht weit vom Kiosk hergestellt, berühmt sind die mit Liebe gebrutzelten Frikadellen. „Dafür kommen die Fernfahrer aus Menden oder von der A1 vorbei“, sagt Kaminski.

„Tankstellen wollen verdienen“, beschreibt Kaminski seine härteste Konkurrenz: „Wir wollen überleben“. Samstags hat er zwar geschlossen, die Füße hochlegen geht dann aber auch nicht: Irgendwann muss er ja einkaufen, was er seinen Kunden präsentiert. 63 Sorten leckere Beerenweine zum Beispiel. Eine Angestellte vertritt den Chef für ein paar Stunden.

Drei Männer verteidigen in Fröndenberg das Erbe von Tante Emma

Carsten Kaminski will nie wieder etwas anderes machen, als Kunden in seinem B 233-Kiosk zu bedienen – gern mit Beerenweinen und leckeren Frikadellen. © Krehl

Das Mühlenberger Lädchen ist ein Familienbetrieb. „Sonst ginge das nicht“, sagt Vitalij Golovacec. Der Lkw-Fahrer aus Kasachstan hatte schon am Mühlenberg einen Kiosk, bis er den viele Jahre leerstehenden Coop verkleinert übernehmen durfte. „Drei Jahre haben wir gekämpft“, erzählt Ratsmitglied Jürgen Wiechert, der heute am liebsten dort einkauft. Das Lädchen ist ein kleiner Supermarkt mit Café.

Eingepackt und geliefert

„Wir helfen unseren Kunden“, sagt Golovacev. Wer’s braucht, der bekommt eingepackt oder geliefert. Laufkunden hat der Laden nicht, aber Stammkunden ohne Ende. „Das Geld für den Bus hierauf rechnet sich, weil ich hier alles kriege und niemand schräg guckt, wenn ich mir eine Flasche Bier kaufe“, sagt Anneliese Gerhardt und schätzt Vertraulichkeit und Vertrautheit. Wenn er sich was wünschen könnte, dann wäre das eine Lotto-Annahme, sagt Golovacev. Aber da beißt er auf Granit. Für gute Laune sorgt das Lädchen-Team mit fantasievollen Straßenfesten.

Drei Männer verteidigen in Fröndenberg das Erbe von Tante Emma

Ein breites Sortiment und ein kleines Café – Vitalij Golovacev hat Hilfe aus der Familie, sonst würde sich das Mühlenberger Lädchen nicht rechnen. © Krehl

Das Mühlenberger und das Hohenheider Lädchen sind befreundet. Vitalij Golovacev und Matthias Woldt tauschen sich gern über Bezugsquellen aus - und manchmal hat der eine Brötchen zuviel, die der andere verkaufen kann.

Fünfmal ist in den letzten Jahren in das Hohenheider Lädchen eingebrochen worden, da wurde immer mehr kaputt gemacht, als Beute weggetragen werden konnte. „Aber ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagt Matthias Woldt. Der Gas- und Wasserinstallateur ist seit über 20 Jahren im Einzelhandel tätig. Als Lieferant von Lebensmitteln aus der Region ist er bekannt zwischen Dortmund und Iserlohn.

Den Laden auf der Hohenheide übernahm er als Nachfolger der Bäckerei Meersmann, zuerst in Uffelmanns Haus, dann in Containern. Woldt hat auch eine Postagentur: „Viele Hohenheider lassen sich ihre Pakete zu mir liefern“. Matthias Woldt wohnt in der Nachbarschaft, mit den meisten Stammkunden ist er per Du.

„Aber man muss was tun, sonst gerät man in Vergessenheit“, hat Woldt erfahren. Letztens baute er mit Freunden einen Adventsbasar auf. „Ich habe 2500 Flyer verteilt, ein paar Hundert Menschen sind gekommen“, unterm Strich eine schöne Resonanz auf eine gewaltige Menge Arbeit.

Öffnungszeiten

Fast durchgängig für die Kunden da

Das Hohenheider Lädchen ist sieben Tage geöffnet: montags bis freitags von 6.30 Uhr bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr, samstags von 6.30 Uhr bis 12 Uhr, sonntags von 8 bis 11 Uhr. Das „Mühlenberger Lädchen“ öffnet täglich von 7 bis 22 Uhr, sonntags ab 8 Uhr. Und der B 233-Kiosk öffnet montags bis freitags von 5.15 Uhr bis 20 Uhr, sonntags ab 8 Uhr, samstags ist Ruhetag.

An sieben Tagen in der Woche ist der Laden geöffnet, vier Mitarbeiterinen helfen Woldt. „Ich kann aber nicht vom Klopapier am Sonntag leben“, warnt Woldt. Und er kann nicht abends Hunderte Brötchen wegwerfen, nur damit die Theke so voll ist wie in der Supermarktfiliale einer Bäckereikette. Woldt reizt die Verbundenheit zur Kundschaft („das ist oft schon familiär...“), die er mit Produkten aus der Region verwöhnt. Gerade laufen Eintöpfe supergut, oder Jedowskis Wurstwaren. Carsten Kaminski, Vitalij Golovacev und Matthias Woldt wollen trotz der vielen Arbeit für den schmalen Gewinn nichts anderes. Sie werden gebraucht.

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