Christian Korner ist Buchbinder-Meister. Und als solcher stellt der Unnaer seine Dienste dem Reparatur-Café Fröndenberg zur Verfügung. Vorab erzählt er von seiner aussterbenden Kunst.

Fröndenberg

, 22.10.2018, 16:18 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Christian Korner 1959 in Polen in die Buchbinder-Lehre ging, da war sein Handwerk noch wichtig. Bücher gab es wenige. Und die, die es gab, wurden gehegt und gepflegt und bei Bedarf repariert. „Mein Vater hatte mir einen Beruf mit Uniform verboten“, erinnert sich der heute 73-Jährige. Polizei oder Feuerwehr ging also nicht. Also sah er sich 14-jährig in einer damals sehr renommierten privaten Buchbinderei im einstigen Schlesien um. „Als ich in die Werkstatt kam, hat mir die Atmosphäre gefallen. Dass man aus fliegenden Blättern so etwas Schönes herstellen kann, fand ich toll“, sagt Korner. Seine Arbeit sollte sichtbar sein, ein Ergebnis zum Anfassen war ihm wichtig.

„Heute kaufen Menschen am Bahnhof Dortmund ein Buch und wenn sie in München aussteigen, werfen sie es in den Müll.“
Christian Korner,
Buchbinder-Meister

Und so lernte der angehende Buchbinder, wie die Seiten gepresst, geleimt und genäht werden.

Liebe zum Buch, aber nicht unbedingt zur Literatur

Wer allerdings beim Wort Buchbinder an die Cornelia-Funke-Geschichte „Tintenherz“ denkt, bei der der Buchbinder auch gleichzeitig die Inhalte der Bücher so lebendig vorliest, dass er Dinge und Personen aus dem Buch in die Realität liest, der ist bei Christian Korner falsch. Er liebt das Handwerk, den Einband, den Goldschnitt, den er den Büchern verpasst. „Manchmal bleibt man vielleicht mal hängen, wenn man beim Binden eine interessante Textstelle sieht, aber eigentlich habe ich mit Literatur nicht so viel zu tun“, sagt Korner.

Er greift zu seinem Meisterstück und streicht ihm liebevoll über den Lederrücken. Die eingravierten Buchstaben aus Blattgold verraten: Text ist in diesem Meisterstück wenig zu finden. Polnische Porträts der Galerie Wilanowskiej finden sich im Inneren des imposanten Schmökers. Und der wartet als Meisterstück nicht nur mit Lederrücken und Goldgravur, sondern auch mit einem Goldschnitt auf.

Buchbinder-Trick sorgt für Glanz auf dem Goldschnitt

„Für den Goldschnitt braucht man Gefühl“, erklärt der Senior. Zunächst müsse der Buchbinder die Seiten ganz fest zusammenpressen, um auf den Schnittseiten Eiweiß aufzubringen. „Das darf schließlich nicht zwischen die Seiten laufen“, erklärt er. Dann wird noch ein Bindemittel aufgebracht, damit das Blattgold, das vorsichtig angedrückt wird, haftet. „Und dann muss das Ganze etwas antrocknen. Die Kunst liegt darin, den richtigen Zeitpunkt abzuschätzen. Der ändert sich je nach Luftfeuchtigkeit“, so Korner. Er haucht deshalb vorsichtig auf das Blattgold, auf dem sich der Atem niederschlägt. „Wenn der Atem schnell verschwindet, ist das Gold trocken genug für die Politur.“ Diesen Buchbinder-Trick hat Christian Korner schon von seinem Meister gelernt. Für die Politur greift er dann zu einem rund geschliffenen Achat-Stein. „Erst der Halbedelstein gibt dem Gold den Glanz.“

Das Buch als maschinelles Wegwerfprodukt

„Heute“, sagt der 73-Jährige, „sind Bücher billig“. Er runzelt die Stirn und fügt hinzu: „Die Leute kaufen sich in Dortmund am Bahnhof für sieben Euro ein Buch und wenn sie in München aus dem Zug steigen, werfen sie es in den Müll. Handarbeit ist nicht mehr gefragt.“

Christian Korner hat andere Zeiten erlebt. 1945 in Schlesien geboren, wurde er in einer Zeit in Polen groß, in der seine Muttersprache verboten war und Vergünstigungen nur mit Devisen zu bekommen waren. Aus dieser Zeit stammt auch ein grau gebundenes, eher unscheinbares Exemplar in Kroners Sammlung. Die Besonderheit dieses Buches wartet im Inneren.

Dieser Buchbinder-Meister hat kein Tintenherz

Auf 340 mittlerweile vergilbten Seiten hat Christian Korners Cousin Ende der 1950er Jahre ein Polnisch-Englisch-Lehrbuch abgetippt, was der Buchbinder dann gebunden hat. © UDO HENNES

Denn dort hat Korner 340 mit der Schreibmaschine noch handgetippte, inzwischen stark vergilbte Seiten zusammengebunden, die auf Polnisch die englische Sprache lehren. Ende der 1950er Jahre hatte ein Cousin von Korner diese fein säuberlich abgetippt. „Bücher gab es nicht, Englischbücher schon gar nicht“, sagt Korner, der gleich ein Exemplar behielt.

Beim Sport kam der Kontakt zum Reparaturcafé

Korner verschafft den Büchern Langlebigkeit. Und seit er vor zehn Jahren in Rente gegangenen ist, auch sich selbst. Denn was für die Bücher Leim und Nähte, ist für den Körper der Sport, ist Korner überzeugt. Deshalb ist er auch mit 73 Jahren noch extrem aktiv, macht gleich in sechs Vereinen Sport und gewann erst letzten Monat den Lauf durch den Warmer Löhn in seiner Altersklasse. Beim Radfahren hat der Unnaer dann über Rolf Stüwe, dessen Vater im Fröndenberger Reperaturcafé Uhren repariert, den Kontakt bekommen. Ob das nicht auch etwas für ihn wäre, fragte Strüwe den alten Buchbinder-Meister. Und der fuhr gleich hin, schaute sich das Treiben im Bürgerzentrum an. „Ja, etwas für arme Leute tun, das kannst du machen, habe ich mir gedacht“, sagt Korner und fügt schnell hinzu: „Nee, arm ist hier ja heute eigentlich gar keiner mehr.“ Trotzdem: Wer ein Buch hat mit fliegenden Seiten, wie Korner die losen Blätter gern nennt, kann zu ihm ins Reparaturcafé kommen. „Ich habe gesehen, dass die Leute dort dankbar sind, wenn man ihnen hilft“, berichtet der 73-Jährige begeistert von einem jungen Mann, der für alle Tüftler des Reparaturcafés eigenhändig Cocktails mixte, nachdem einer der Bastler seinem alten Radio wieder Leben eingehaucht hatte.

Das Reparaturcafé hat das nächste Mal am Freitag, 26. Oktober, von 16 bis 18 Uhr im Bürgerzentrum auf dem Mühlenberg, Von-Stauffenberg-Straße 5, geöffnet. Reparaturcafé
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