Laufvögel aus Südamerika sind besser als jeder Wachhund: Seitdem Nandus auf den Hof der Wendels in Altendorf aufpassen, fällt kein Huhn mehr dem Fuchs zum Opfer.

Altendorf

, 08.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Anna weiß genau Bescheid: „Früher hat der Fuchs immer die Hühner geholt“, berichtet die Fünfjährige. „Aber jetzt haben wir Nandus, und der Fuchs kommt nicht mehr.“ Dana und Timo Wendel, Annas Eltern, haben sich in Altendorf einen vielseitigen Hof als Nebenerwerb aufgebaut. Sie haben eine Schafherde, ein paar Kühe, Streicheltiere wie Meerschweinchen und Kaninchen, Ziegen, Ponys und jede Menge Federvieh. Wendels Vögel, das sind neben Enten und Gänsen vor allem Hühner. Etwa 100 der Vögel scharren gackernd in ihrem weitläufigen Gehege. Die Eier verkaufen die Wendels. Die Hühnerschar sei im Lauf der Zeit gewachsen. Nach kleineren Anfängen hätten zum Beispiel Arbeitskollegen immer mehr nach den Landeiern gefragt, und der kleine Betrieb passte die Tierzahl der Nachfrage an. Doch ein ganz bestimmer Nachbar meldete auch sehr schnell Interesse an den Hühnern an: ein Fuchs.

Kein Zaun hält den Fuchs auf

Irgendwo in der strukturreichen Umgebung mit kleinen Waldgebieten lebt mindestens eines der Raubtiere. Und bei Wendels bediente es sich fleißig. Immer wieder seien Hühner verschwunden, mal mehr, mal weniger, berichtet Timo Wendel. An sich sieht er solche Ausfälle entspannt. Wenn hier und da mal ein Huhn einem Raubtier zum Opfer fällt, dann sei das normal, sagt Timo Wendel. „Der Fuchs will ja auch leben, das ist Natur“, meint der 40-Jährige. Auch gegen Greifvögel wie Habicht und Rotmilan, die Hühner stahlen, hege er keinen Groll. Doch der Fuchs habe bei einem seiner Raubzüge, vermutlich sehr früh am Morgen, 36 Hühner verschleppt. „So viele Eier können sie gar nicht verkaufen, um das wieder reinzuholen.“ Ein herkömmlicher Zaun könne den Räuber nicht aufhalten, sagt Timo Wendel. Der Fuchs habe sogar schon Drahtgeflecht durchgebissen.

Die Nandus Erna und Erwin beschützen ihre Hühnerschar in Altendorf vor dem hungrigen Fuchs

Die Nandus fressen dasselbe Futter wie die Hühner – Körner aus der Region. Sie mögen auch alles wachsende Grünzeug, Obst und Gemüse. © Udo Hennes

Der Geheimtipp aus dem Internet

Dana Wendel recherchierte im Internet und stieß auf eine Tierart, die in Deutschland noch weitgehend exotisch ist, aber als Geheimtipp in Sachen Hofbewachung gehandelt wird: Nandus.

Nandus

Inzwischen offiziell heimisch

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Nandus ist das Flachland Südamerikas. Die Laufvögel kommen beispielsweise in Brasilien oder Argentinien vor. Inzwischen vermehren sie sich aber auch wild in Deutschland. Eine Population von mehreren Hundert Tieren in Mecklenburg-Vorpommern geht auf Vögel zurück, die aus Gehegen ausgebrochen sind. Wegen seiner wilden Vermehrung über mehrere Generationen gilt der Nandu nun sogar offiziell als in Deutschland heimische Art und als „besonders geschützt“.

Diese fast mannshohen Laufvögel stammen ursprünglich aus Südamerika. Wendels haben ohnehin Freude an tierischer Vielfalt. Das belegen unter anderem die Laufenten, Perlhühner und Höckergänse, die sich zwischen den Hühnern tummeln. „Wir dachten uns, da machen wir uns einen Spaß draus“, berichtet Timo Wendel. Sie fanden sogar einen Züchter in der Region, der ihnen zwei Jungvögel für einen überschaubaren Preis überließ.

Riesen-Laufvögel adoptieren Hühner

So kamen Erna und Erwin vor rund zwei Jahren auf den Hof in Altendorf. Sie wuchsen zu einer imposanten Größe heran, und vor allem ihr Instinkt machte sie schnell zu den perfekten Aufpassern. „Es dauerte eine Woche, da haben sie unsere Hühner sozusagen als ihre Kinder angesehen“, sagt Wendel. Sobald sich etwas Fremdes, Bedrohliches dem Außengehege nähert, sind Erna oder ihr etwas größerer Gatte Erwin zur Stelle. Ihr Schreiten am Zaun entlang wirkt sogar ein wenig wie ein Patrouillengang.

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Video: Altendorfer Nandus passen am Zaun auf

Und das reicht schon aus. Nachbarn würden den Fuchs immer noch ab und an um den Hof streifen sehen. „Er nähert sich vielleicht noch 30 Meter unserem Zaun, näher kommt er nicht“, sagt Timo Wendel. „Seit zwei Jahren ist kein Huhn mehr weg gekommen.“

Die Nandus Erna und Erwin beschützen ihre Hühnerschar in Altendorf vor dem hungrigen Fuchs

Ein Nandu-Ei reicht für ein Riesenomelett. © Udo Hennes


Riesenomelett

Ein Ei reicht für zehn

Die Altendorfer Nandu-Henne Erna legt regelmäßig Eier, die Wendels lassen die Vögel aber nicht brüten, da sie sich nicht vermehren sollen. Stattdessen geben sie die Eier auf Wunsch ihren Hühnerei-Kunden mit. Und die können damit Omeletts für mehrere Personen zubereiten: Ein Nandu-Ei entspricht etwa zehn Hühnereiern und soll ähnlich schmecken.

Vielleicht hat der Fuchs instinktiv eine Ahnung davon, wie gefährlich ihm die großen Laufvögel werden könnten. Die Nandus haben an jedem Fuß eine Kralle, die sehr scharf sei, so Wendel. „Sie könnten einen Löwen töten“, weiß seine Tochter Anna. Tatsächlich habe er nachgelesen, dass Nandus in größeren Rudeln derart große Raubtiere erfolgreich angreifen könnten, berichtet Timo Wendel. Erna und Erwin stellten allerdings keine Gefahr dar. Tatsächlich wirken sie nicht bedrohlich, auch wenn sich fremde Personen im Hühnerpferch aufhalten.

Für einen ausreichend hohen Elektrozaun hat Wendel allerdings gesorgt. Auch bei der Versicherung habe er die Nandus angemeldet, für alle Fälle. Einmal waren sie ihm tatsächlich ausgebüxt. Unfälle sind dadurch nicht passiert. Aber das Einfangen sei gar nicht so einfach gewesen, sagt Wendel. Angaben zur Höchstgeschwindigkeit eines Nandus schwanken je nach Internetquelle zwischen 50 und 60 Stundenkilometer.

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Video: Nandus in Altendorf

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