Die Natur erwacht allmählich aus ihrem Winterschlaf. Auch auf der Kiebitzwiese. Warum sich ein Besuch des Aussichtshügels inmitten des Naturschutzgebietes lohnt, erklärt Ornithologe Gregor Zosel.

von Jennifer Freyth

Fröndenberg

, 02.04.2019, 15:07 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Da kommt ein Kormoran - und da ist ein Schwarzmilan“: Wenn Gregor Zosel seinen Blick von der Aussichtsplattform der Kiebitzwiese schweifen lässt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Der Fröndenberger kennt das Westicker Naturschutzgebiet und seine Bewohner wie seine Westentasche. Kein Wunder, ist der Hobby-Ornithologe doch beinahe jeden Tag dort. Langweilig wird es ihm nie. „Es ist entspannend. Und man sieht jeden Tag etwas anderes, wenn man sich wirklich damit befasst.“ Das tut er. Und so weiß er auch, dass es 150 verschiedene Vogelarten in dem 43 Hektar großen Naturschutzgebiet zu sehen gibt - von Brut- über Winter- bis hin zu Rastvögeln.

Die schönste Zeit zum Beobachten und Lauschen

Der Fröndenberger gehört zu den frühen Besuchern des Beobachtungshügels an der Werner-von-Siemens-Straße. Meist ist er schon bei Sonnenaufgang dort. „Wer was hören will, muss bis spätestens 7 Uhr hier sein“, sagt er. Und mit den ersten warmen Sonnenstrahlen ist es in diesen Tagen Morgen um Morgen eine Vogelstimme mehr. „Ab dem Mittag ist hier gesangsmäßig tote Hose.“ Dafür haben Fotografen dann für tolle Aufnahmen die Sonne im Rücken. Der Frühling, findet Zosel, ist neben dem Herbst die schönste Zeit zum Beobachten und Lauschen. „Der Herbst ist vom Vogelzug interessanter, weil die Vögel in der Hauptzugzeit im Oktober dann kompakter zu sehen sind“, erklärt er. Dafür wartet der Frühling beinahe jeden Tag mit einem neuen gefiederten Gast auf. „Im Sommer, wenn alles grün ist, schaut man mehr mit den Ohren“, weiß Zosel nur zu gut, dass die Bewohner der Kiebitzwiese abgesehen von den auffälligen, zotteligen Heckerindern dann nur schwer auszumachen sind.

Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Kreis Unna

Beobachtungen im Internet veröffentlichen

Sämtliche Beobachtungen, die Ornithologen und auch Laien in der Vogelwelt rund um den Kreis Unna machen, können sie auf der Internetseite der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Kreis Unna veröffentlichen. Laien schreiben dazu einfach eine Mail mit ihren Sichtungen und eventuellen Bildern an info@oagkreisunna.de. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, welche Vögel wann und wo gesehen und gehört wurden, kann sich die Beobachtungsmeldungen auf der Internetseite der OAG ansehen.

Nachdem in den letzten kalten Tage wenig Betrieb war, lohnt sich ein Besuch des Naturschutzgebietes inzwischen schon weitmehr: Allerhand durchziehende Vogelarten hat Gregor Zosel jüngst beobachten können. Schwarzkehlchen zum Beispiel oder Steinschmätzer. Auch erste Schwalben sind schon da. Und verschieden Entenarten: Knäkenten, Löffelenten, Krickenten oder auch Schnatterenten. „Wenn man Glück hat, sieht man auch Spießenten. Das sind die schönsten Enten“, weiß Zosel.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Tierische Gäste auf der Kiebitzwiese

Die Natur erwacht allmählich aus ihrem Winterschlaf - auch auf der Kiebitzwiese. Was es in dem Naturschutzgebiet schon zu sehen gibt, zeigt der Fröndenberger Gregor Zosel in einer Bildergalerie.
02.04.2019
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Der Eisvogel war auch schon in Westick zu Gast.
© Gregor Zosel
Der Alpenstrandläufer und der Waldwasserläufer wurden schon auf der Kiebitzwiese gesichtet.© Gregor Zosel
Ebenso Bekassine.© Gregor Zosel
Gregor Zosel interessiert sich nicht nur für die Vogelwelt, auch Schmetterlinge gehören neuerdings zu seinem Metier. Hier ein Bild vom C-Falter.© Gregor Zosel
Hier ein Bild eines Flussregenpfeifers.© Gregor Zosel
Die Heckrinder fühlen sich auf der Kiebitzwiese pudelwohl. © Gregor Zosel
Ein Hermelin bringt sich in Pose.© Gregor Zosel
Idylle pur: Mit der Kiebitzwiese zeigt die Ruhrstadt sich von ihrer schönsten Seite.
© Gregor Zosel
Hier kamen Gregor Zosel gleich mehrere Kampfläufer vor die Linse.© Gregor Zosel
Der Kiebitz ist der Namensgeber des Naturschutzgebietes. Er ist aber auch gleichzeitig ein großes Sorgenkind. Denn der Kiebitzbestand ist im freien Fall. © Gregor Zosel
Aufschluss über die Anzahl der Brutpaare im Kreis Unna soll am Wochenende eine Synchronzählung geben. © Gregor Zosel
Hier dreht die Knäkente ihre Runden. © Gregor Zosel
Die Krickente genießt die Frühlingssonne.© Gregor Zosel
Der Frühling hält allmählich Einzug. Für Gregor Zosel ist er neben dem Herbst die schönste Jahreszeit zum Beobachten.© Gregor Zosel
Hier eine Aufnahme eines Rohrammers.© Gregor Zosel
Ein Rotschenkel auf Futtersuche.© Gregor Zosel
Dieses Bild zeigt ein Schwarzkehlchen.© Gregor Zosel
Ein Tagpfauenauge macht Pause.© Gregor Zosel
Hier eine Weidenmeise.© Gregor Zosel
Störche werden in diesem Jahr wohl nicht auf der Kiebitzwiese brüten. Nilgänse haben es sich auf dem für sie vorgesehenen Horst gemütlich gemacht.© Gregor Zosel
Erst zweimal gab es Jungvögel auf der Kiebitzwiese. Doch beide Male überlebten sie nicht - zu nasskalt war es.© Gregor Zosel

Auch Watvögel, die von Afrika kommen und weiter bis in die Tundren und nach Sibirien ziehen, hat er schon in der Fröndenberger Ruhraue erspäht. Den Alpenstrandläufer zum Beispiel. Oder auch den Kampfläufer. „Der Flussregenpfeifer ist schon am Balzen“, hat Zosel gehört. Ebenso der Eisvogel. „Das wird jetzt jeden Tag mehr.“ Übrigens nicht nur in der Vogelwelt. Auch erste Frühlingsschmetterlinge flattern schon durch die Lüfte. Aufmerksame Beobachter erspähen ebenso schon die Gemeine Winterlibelle. Und auch die Wasserfrösche sind bereits aktiv. Ab der nächsten Woche rechnet der Vogelkundler mit dem Fischadler, mit etwas Glück lässt sich auch ein Seeadler blicken.

Der Kiebitz ist im freien Fall

Nur der Namensgeber des Naturschutzgebietes macht sie rar. „Das ist eine Katastrophe, der Bestand ist im freien Fall“, bedauert Zosel. Zwar würden immer wieder Kiebitze gesichtet, doch meist handelt es sich um Altvögel, die nicht mehr für Nachwuchs sorgen. Schließlich werden Kiebitze mitunter bis zu 20 Jahre alt. Dabei erinnert Zosel sich noch gut daran, wie ausgerechnet jene Felder rund um das heutige Naturschutzgebiet einst ein Kiebitzparadies waren. „Da konnte man die Feldwege nicht entlanglaufen, ohne von etlichen Kiebitzpaaren angegriffen zu werden“, weiß der Fröndenberger noch genau.

Aktuell gebe es in der Ruhrstadt ganz sicher lediglich ein brütendes Weibchen, eventuell noch ein weiteres. Wie viele Kiebitze tatsächlich insgesamt im Kreis Unna brüten, darüber soll eine Synchronzählung am kommenden Wochenende Aufschluss geben.

Kartierung der Vorkommen

Ein Tag für den Kiebitz

Einen ganzen Tag widmet die OAG dem Kiebitz am kommenden Samstag, 6. April. Dann will sie den Brutbestand bei einer Synchronzählung im Kreis erfassen. Mit dem Projekt will die Arbeitsgemeinschaft nicht allein die Vorkommen im Kreis erfassen, sondern auch bisher nicht aktive Menschen für die Ornithologie begeistern. Zusammen mit erfahrenen Ornithologen können sie in Teams an der Kartierung teilnehmen und von den Fachleuten lernen. Nach der Kartierung kommen die Teams am Nachmittag auf der Ökologiestation in Bergkamen-Heil zusammen, um ihre Ergebnisse zu digitalisieren. Dort gibt es auch eine warme Suppe zur Stärkung. Wer bei der Kiebitzkartierung mitmachen möchte, meldet sich per E-Mail an info@oagkreisunna.de an. Die Ergebnisse der Kartierung sollen unmittelbar in den Schutz der Kiebitznester einfließen: Gemeinsam mit den Landwirten wollen die Ornithologen versuchen, alle Kiebitzgelege auf Mais- und Hackfruchtfeldern zu retten, indem sie die Schlupf abwarten und die Felder erst ab Mitte Mai bestellen.

Doch nach derzeitigem Stand hat Zosel wenig Hoffnung auf eine Zukunft für den Schweizer Vogel des Jahres 2019. „Unsere Enkel werden sicher keine Kiebitze mehr erleben“, glaubt der Vogel-Fachmann.

Was das Jahr ornithologisch gesehen auf der Kiebitzwiese zu bieten hat, darauf ist Gregor Zosel schon gespannt. „Mal schauen, was hier brütet, es hat sich ja einiges wieder angesiedelt.“ Störche sind es aber definitiv nicht. Denn in dem für sie vorgesehenen Horst haben es sich stattdessen Nilgänse gemütlich gemacht und vorbeischauende Störche sogleich verscheucht. Aber womöglich lässt sich ja wieder ein Brauner Sichler blicken. So wie im Sommer 2013. Damals hatte der seltene Gast die Ruhrstadt bundesweit in die Schlagzeilen gebracht. Ornithologen aus ganz Deutschland kamen nach Fröndenberg, um den Ibis zu beobachten. Jenes Fleckchen des NSG, auf dem sich der Vogel niedergelassen hatte, heißt unter den Hobby-Ornithologen seither nur noch Sichlerbucht.

„Doch die Natur kann man nicht einfach auf Knopfdruck bestellen. Mal sieht man eine seltene Art nach der anderen, und dann ist die Landschaft wie ausgestorben“, weiß Zosel. Er kann aber zumindest Tipps geben, um gute Voraussetzungen für eine möglichst große Ausbeute zu schaffen.

Rücksichtsvolles Verhalten - für Mensch und Tier

Wer auf Kostbarkeiten hofft, dem rät Zosel von einem Besuch an sonnigen Wochenenden ab. Dann ist zu viel Trubel auf dem Aussichtshügel. Rastende Watvögel oder seltene Entenarten, die auf dem Zug Richtung Norden sind, seien dafür zu sensibel. Und auch Ruhe suchende Besucher sollten sich lieber einen anderen Zeitpunkt aussuchen. Denn längst nicht jeder, das hat Zosel in den vergangenen Jahren nur allzu oft gemerkt, weiß sich auf dem Aussichtshügel auch richtig zu benehmen. Trotz eindeutiger Hinweise und aufgestellten Ständern nehmen Besucher immer wieder ihre Fahrräder mit hoch - und unterhalten sich dort dann lautstark. Zudem liefen Hunde mitunter ohne Leine in dem NSG herum. „Viele kommen, um einfach Stille zu haben und ein bisschen runterzukommen. Deshalb ist es angebracht, dass hier oben auch Ruhe ist“, findet Zosel. Und so rät er Gästen, ihr Fahrrad unten abzustellen, ihre Hunde anzuleinen und sich einfach ruhig zu verhalten. Aus Rücksicht auf Tier und Mensch.

Anfahrt: Besucher finden die Kiebitzwiese am Rande des Westicker Industriegebietes entlang der Werner-von-Siemensstraße. Der Aufgang zum Aussichtshügel liegt gegenüber der Einmündung Wernher-von-Braun-Straße.

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