Wegwerfwindeln sind praktisch. Um den Babypo gewickelt, zugeklebt und, wenn sie voll sind, ab in den Müll. Doch Umwelt und Gesundheit leiden. Deshalb setzen immer mehr Eltern auf die gute, alte Stoffwindel.

Fröndenberg

, 25.06.2019 / Lesedauer: 4 min

In Fröndenberg gibt es Windelsäcke für junge Eltern, damit diese durch den zusätzlichen Müll nicht finanziell belastet werden. Doch Christine Rosemeyer, die vor zwei Jahren aus Freiburg nach Fröndenberg gezogen ist, schwört auf die althergebrachte Stoffwindel. „Und in meiner Heimatstadt gab es Zuschüsse zur Anschaffung der Stoffwindeln“, sagt sie. Als Anreiz. Immerhin braucht eine Wegwerfwindel 500 Jahre, um auf natürlichem Wege zu verrotten. In Deutschland bieten rund 40 Städte Eltern solche Anreize. „In Österreich ist man da schon weiter und gewährt die Zuschüsse flächendeckend“, weiß Rosemeyer. Sie möchte diese Zuschüsse nun auch in Fröndenberg durchsetzen und will dazu einen Bürgerantrag stellen.

Der Umwelt zuliebe: Junge Mutter will Anreize für Wickeln mit Stoffwindeln schaffen

Links die Wolle-Schafswolle-Wickelhöschen, rechts das mit der atmungsaktiven, aber wasserabweisenden Kunststoff-Außenhaut. Systeme für Wickeln mit Stoffwindeln gibt es reichlich. Welches zu welchem Kind am besten passt, verrät Christine Rosemeyer bei ihren Beratungsterminen. © Udo Hennes

Bei der ersten Tochter noch mit Wegwerfwindeln gearbeitet

Christine Rosemeyer ist selbst junge Mutter und hat es bei ihrer ersten Tochter Martha so gehalten wie die meisten anderen Eltern. Sie griff zur Wegwerfwindel. „Mit 22 Jahren denkt man einfach nicht darüber nach, dass diese Windeln weder ökologisch sind, noch gut für das Kind“, sagt sie. Erst in der Phase, als ihre Tochter schon trocken war, aber noch ein wenig Training brauchte, stieß sie auf eine Trainerwindel mit einer Einlage aus Frottee. Und war begeistert. „Ich habe mir gedacht, diese Müllberge durch Wegwerfwindeln könnte man doch vermeiden. Deshalb habe ich in der zweiten Schwangerschaft angefangen zu recherchieren“, berichtet die mittlerweile 30-Jährige. Und dabei entdeckte sie, dass das Wickeln mit Stoffwindeln ganz unkompliziert ist, zudem gesünder, ökologischer und preiswerter. „Ich habe nur zwei Waschmaschinen voll mehr pro Woche zu waschen“, sagt sie.

Der Umwelt zuliebe: Junge Mutter will Anreize für Wickeln mit Stoffwindeln schaffen

Einen ganzen Windelwagen voller Zubehör hat Christine Rosemeyer. 25 Windeln zum Wechseln brauchen Eltern in etwa, wenn sie mit Stoffwindeln wickeln. © Udo Hennes

Zig verschiedene Stoffwindel-Systeme, sogar Schwimmbad-Windeln gibt‘s

Und während sie sich mit den Stoffwindeln beschäftigte, habe sie festgestellt, dass es ganz viele verschiedene Systeme gibt. Ist das Kind eher dünn, empfiehlt sich zum Beispiel ein anderes System als bei Babys mit Speckbeinchen. Es gibt Symsteme mit Windelhöschen, die eine atmungsaktive, aber wasserundurchlässige Kunststoff-Oberfläche haben, oder solche, die komplett aus Schafs- und Baumwolle bestehen. Letztere, erklärt die junge Mutter, müssen alle zwei bis drei Wochen zwei Stunden ins Ölbad mit Lanolin, um wasserabweisend zu werden. „Die Schafswolle hat zudem selbstreinigende Eigenschaften“, sagt sie. Außerdem gibt es Wickelsysteme für die Nacht, für den Tag, welche für die ganz kleinen Neugeborenen, mitwachsende Windeln, welche fürs Schwimmbad, welche, die so einfach zu handhaben sind wie Wegwerfwindeln, und, und, und...

Der Umwelt und dem Babypopo zuliebe

Argumente, die für eine Rückkehr zu der althergebrachten, aber modernisierten Art zu wickeln sprechen, gibt es reichlich. Vorneweg spielt sicherlich der Umweltgedanke eine Rolle. „Stoffwindeln for Future“ könnte man quasi sagen. Denn es ist nicht nur das in den Windeln verwendete Plastik, das die Umwelt belastet. „Ganz schlecht sind die darin verwendeten Superabsorber“, sagt Christine Rosemeyer. Diese werden aus Natriumpolyacrylat hergestellt, ein Erdölprodukt, ebenso wie Kunststoff. „Die extrem aufsaugende Eigenschaft hat zur Folge, dass auch extrem viel Energie aufgewendet werden muss, wenn die Windeln nach Gebrauch als Restmüll verbrannt werden“, sagt Christine Rosemeyer. Zudem saugen die Superabsorber nicht nur Baby-Pipi auf, sondern auch die Feuchtigkeit aus der Babyhaut. „Und das ebnet den Weg zur häufigen Windeldermatitis“, so Rosemeyer. Aus gleichem Grunde verzichtet sie auch auf Feuchttücher. „Die Hersteller behaupten zwar, dass kaum Chemie drin ist, aber die Tücher trocknen die Haut aus. Besser ist ein feuchter Baumwolllappen.“

Der Umwelt zuliebe: Junge Mutter will Anreize für Wickeln mit Stoffwindeln schaffen

Lotte freut sich, dass ihre Mama auf Chemie verzichtet. Auch Feuchttücher sind tabu. An den Babypopo kommen nur Wasser und natürliche Stoffe. © Udo Hennes

Beratungen im Geburtshaus Unna und privat

Die zweifache Mutter wickelt ihre zweite Tochter Lotte seit ihrer Geburt vor einem halben Jahr nur noch mit Stoffwindeln. Und hat durchweg gute Erfahrungen gemacht. „Mittlerweile habe ich überhaupt kein Ekelgefühl mehr dabei. Es ist keine lästige Pflicht mehr. Das Wickeln macht mir so einen Spaß, dass ich gedacht habe, ich muss meine Erfahrungen weitergeben“, sagt die 30-Jährige, die vor zwei Jahren aus Freiburg nach Fröndenberg gezogen ist und mittlerweile Stoffwindel-Beratungen anbietet. In Workshops im Geburtshaus Unna – da zahlen Teilnehmer 25 Euro. Oder privat – kostet pro Stunde ebenfalls 25 Euro.

Tonnenweise Windelmüll

Auch preislich ist das Wickeln mit Stoff interessant

  • 1,2 bis 1,5 Tonnen Windelmüll pro Kind fallen bei Benutzung von Wegwerfwindeln an. Das sind ungefähr 5000 Windeln in der ganzen Wickelzeit. Eine Wegwerfwindel braucht 500 Jahre, um auf natürlichem Wege zu verrotten.
  • Dafür berappen Eltern durchschnittlich 2000 Euro.
  • Wer Stoffwindeln verwendet, hat vor allem am Anfang Anschaffungskosten. Christine Rosemeyer beziffert die Gesamtkosten mit 300 bis 400 Euro, verweist aber auf den boomenden Secondhandmarkt für Stoffwindeln. Der Wiederverkauf bringe bis zu 70 Prozent der Anschaffungskosten ein.
  • Stoffwindeln werden zumeist im Internet gekauft. Es gibt sie aber auch beim örtlichen Einzelhandel: zum Beispiel in Unna beim Dreikäsehoch und in einigen Geschäften in Dortmund.
  • Stoffwindelberatungen bietet Christine Rosemeyer, Tel. (01 73) 5 34 26 57, privat oder im Geburtshaus Unna an. Der nächste Workshop dort ist am 9. Juli.

Öfteres Wickeln bringt auch Vorteile

Eine Investition, die laut Rosemeyer schnell wieder zurück im Portemonnaie ist, wenn man auf Wegwerfwindeln verzichtet. „Wer 300 bis 400 Euro ausgibt, bekommt eine Superausstattung an Stoffwindel-Sets. 25 Windeln zum Wechseln braucht man etwa“, sagt sie. Und der Secondhand-Markt boome. „Der Trend geht zur Stoffwindel, beim Wiederverkauf gibt es bis zu 70 Prozent des Neupreises zurück“, sagt Rosemeyer. Im Vergleich zahlen Eltern für Wegwerfwindeln im Schnitt 2000 Euro, bis das Kind trocken ist. Apropos trocken sein: „Man könnte nun meinen, dass es ein totaler Nachteil ist, weil man das Kind öfter wickeln muss“, sagt Rosemeyer. Doch sie habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder schneller trocken werden. „Bei Wegwerfwindeln merken sie gar nicht mehr, wenn sie in die Windel gemacht haben, weil die Superabsorber bis zu 12 Stunden für einen trockenen Popo sorgen. Es gibt also auch keinen Anreiz zum Trockenwerden.“ Und man bekomme eine bessere Kontrolle

Der Umwelt zuliebe: Junge Mutter will Anreize für Wickeln mit Stoffwindeln schaffen

Einen ganzen Windelwagen voller Zubehör hat Christine Rosemeyer. 25 Windeln zum Wechseln brauchen Eltern in etwa, wenn sie mit Stoffwindeln wickeln. © Udo Hennes

Teilzeit-Windelfreiheit und Wetbags für die Waschmaschine

„Ich persönlich weiß mittlerweile, wann es bei meiner Tochter Zeit für das große Geschäft ist, und setze sie dann schon auf die Toilette“, sagt sie. Das habe dazu geführt, dass dieses kaum noch in die Windel gehe. Und wenn doch: Dafür gibt es ein Windelvlies aus einer papierartigen Substanz, der ganz obenauf liegt und mit dem Häufchen herausgenommen und entsorgt wird. Zudem gibt es Wetbags, in denen die gebrauchten Windeln nicht nur gesammelt, sondern in dem diese auch in die Waschmaschine wandern. „Man muss die gebrauchten Windeln also nicht nochmal anfassen. Es gibt die Wetbags in klein für unterwegs und in groß für den Windeleimer“, erklärt Rosemeyer. Sie selbst habe durch die Verwendung von Stoffwindeln kaum mehr Aufwand als vorher. „Man kann die Höschenwindeln sogar in den Trockner werfen – was natürlich die Ökobilanz zunichte machen würde.“

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