„Der spontane Volkszorn ist ab 15 Uhr einzustellen“

dzPogrom gegen Juden

Ein Pogrom gab es 1938 auch in Fröndenberg - einen Tag später als in den meisten Städten. Die Drangsalierung der jüdischen Mitbürger hätte da offiziell eigentlich beendet sein sollen.

Fröndenberg

, 29.10.2018, 13:49 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am 9. November 1938 sahen sich im gesamten Deutschen Reich die Juden massiv verfolgt: Synagogen brannten, Schaufenster klirrten, Menschen wurden über die Straßen getrieben, geschlagen oder erschlagen. In Fröndenberg setzte dieses Pogrom erst am Abend des nächsten Tages ein: Aktivisten der HJ, der SA und der NSDAP zerstörten „unter wohlwollender Duldung von Verwaltung und Polizei die Lebensgrundlage der jüdischen Familien in Fröndenbergs Stadtmitte und in Dellwig“, schildert Stadtarchivar Jochen von Nathusius die Vorgänge vor 80 Jahren.

Nazis schieben Attentat von Herschel Grynszpan als Motiv vor

Der vorgeschobene Auslöser für die gewalttätige Aktion gegen die jüdischen Mitbürger, so sind sich heute die Historiker weitgehend einig, war das Attentat von Herschel Grynszpan auf den Botschaftssekretär Ernst vom Rath in Paris. Der Diplomat starb am 9. November 1938 an seinen Verletzungen, nachdem Grynszan, ein polnischstämmiger Jude, zwei Tage zuvor auf ihn geschossen hatte. Als ein Motiv für die Tat wird vermutet, dass Grynszpan gegen die erzwungene Abschiebung seiner Eltern aus Deutschland nach Polen - die sogenannte Polenaktion - protestieren wollte. Die fast unmittelbar nach Bekanntwerden von vom Raths Tod beginnenden Pogrome gelten als von den Nazis gesteuert und nicht von den Bürgern ausgehend - nicht anders war es in Fröndenberg.

Die Gewalt kommt einen Tag später mit Macht nach Fröndenberg

Aber warum erst am 10. November und damit einen Tag später? Es habe Orte gegeben, die am 9. November förmlich „vergessen“ worden seien, sagt Jochen von Nathusius. Vielleicht auch deshalb, weil es in Fröndenberg keine Synagoge gab oder überhaupt nur wenige Juden in der Stadt lebten. Die Ausschreitungen kamen dafür 24 Stunden später mit Macht auch in die Ruhrstadt.

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So kam es, dass am 10. November marodierende Trupps aus Neheim in Fröndenberg einfielen. SA und NSDAP hätten zugesehen, im Rahmen des Judenpogroms nicht in ihrer eigenen Stadt, sondern in der Umgebung ihre Missetaten zu begehen, erklärt der Stadtarchivar das Vorgehen. Vornehmlich betroffen waren in Fröndenberg die Familien Bernstein, Neufeld und Eichengrün, deren Geschäfte demoliert wurden und die am eigenen Leib den Hass zu spüren bekamen.

Gestapo-Zentrale in Dortmund weist Stopp der Ausschreitungen an

Ein Dokument beweist heute, dass zumindest seitens des Staates die Ausschreitungen am 10. November eigentlich hätten unterbunden werden sollen. In einem Brief der Gestapo-Zentrale in Dortmund an die Fröndenberger Polizei heißt es wörtlich: „Ab 15 Uhr am 10.11. ist der spontane Volkszorn einzustellen.“ „Spontaner Volkszorn“ war dabei die Lesart der Nazis. Die Anweisung aus Dortmund wurde jedoch nicht beachtet. „Es war offensichtlich wichtiger, ein Zeichen gegen die Juden zu setzen“, weiß Jochen von Nathusius.

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