Mit dem Alter kommt die Vergesslichkeit. Es muss nicht immer gleich Demenz sein – doch eine Zeitungsrunde in einer Seniorenwohngemeinschaft beugt pfiffig vor.

Fröndenberg

, 29.08.2018 / Lesedauer: 4 min

An diesem Morgen kommt um Punkt 10.30 Uhr wieder die Zeitungsrunde zusammen. Jürgen Chmielecki breitet eine Fröndenberger Tageszeitung auf dem langen Tisch in dem großzügigen Gemeinschafts-Wohnzimmer aus. Vor Kopf sitzen Maria Menke und Hermann Viebahn, 92, und warten mit ihren Mitbewohnern auf den Beginn der etwas anderen Nachrichtenstunde.

Es geht gleich lebhaft zu beim Durchblättern des Lokalteils. „Ich schlage zuerst immer die Fröndenberger Seite auf“, sagt Ingeborg Taterka (87). „Die anderen Nachrichten hört man ja im Fernsehen“, ruft Hermann Viebahn herüber. Einen Ausflug zur Marina Rünthe, wie die Frauenhilfe Dellwig, „das könnten wir doch mal machen, das ist dort schön ebenerdig“, schlägt Sozialtherapeut Chmielecki vor. Nicken allerseits. Dann geht es weiter durch die Seiten der Nachbarstädte. Kopfschütteln, als von den wilden Müllkippen in Unna zu lesen ist. „Wer war schon einmal in der Karibik?“, fragt der Seniorenbetreuer, als der Artikel über „Menden karibisch“ von ihm vorgelesen wird, und als ein Fremdwort im Text auftaucht, fragt Chmielecki in die Runde: „Was bedeutet subjektiv?“

Die Umtriebe von US-Präsident Donald Trump sind ebenfalls Thema

Die Senioren hören aufmerksam zu. Vor allem bei Zeitpolitischem, besonders bei den Umtrieben von US-Präsident Trump. „Das ist ja auch kein Politiker, sondern ein Geschäftsmann“, stellt Helga Ziegon (93) gewitzt fest, Grummeln in der Runde – Jürgen Chmielecki hat sein Ziel erreicht. Häufig würden von den Bewohnern, wenn sie bei der Zeitungslektüre allein sind, die Todesanzeigen ausgiebig gelesen – sein Ansatz ist dagegen eher zukunftsgerichtet und nachhaltig.

„Nachmittags lässt die Leistung bei den Hausbewohnern doch schon nach“, weiß Chmielecki. Von der morgendlichen Beschäftigung mit den Nachrichten zehrten die Teilnehmer der Runde dagegen den ganzen Tag. Oft nimmt er wahr, wie später das Gesprochene des Vormittags in der Villa Mauritius noch einmal Thema wird. Ganz besonders lokale Nachrichten würden stark verinnerlicht – besonders dann, wenn er die Senioren nach ihren persönlichen Erlebnissen in Fröndenberg oder einer anderen Heimatstadt befragt.

Demenz – das muss nicht immer krankhaft sein, jeder hat ja mal kleinere Aussetzer

„Jeder hat eine individuelle Geschichte, die er mit Themen in der Zeitung verknüpfen kann“, erklärt der Experte für Sozialtherapie – eine Disziplin, die besonders in Seniorenwohngemeinschaften auf die ganz unterschiedlichen und naturgemäß langen Lebensläufe eingehen kann.

Das Gedächtnis der älteren Herrschaften fit zu halten, ist dabei eine wichtige Aufgabe. „Keiner möchte doch mit Demenz in Verbindung gebracht werden, aber jeder hier im Haus hat schon mal so seine Aussetzer“, umschreibt Gudula Giese, womit sie als Tochter eine Bewohnerin und Sprecherin der Senioren-WG fast täglich konfrontiert wird. Da werde halt schon mal die Zahncreme mit dem Medikament verwechselt.

Jürgen Chmielecki steuert gegen, aktiviert die grauen Zellen. Kürzlich hat er zum Sommerfest Bilder zum Thema Sommer malen lassen. Ehrentraut Moerezeck (84) zeigte dabei ihre farbenfrohe Kreativität – ihre Bilder hängen sogar in ihrem Zimmer. Da gibt es Gehirntraining mit Redensarten, die man vielleicht als Kind in den 20er oder 30er Jahren zum ersten Mal gehört hat, die Biografien der Menschen werden gemeinsam erarbeitet oder über den Alltag aus dem Arbeitsleben geplaudert. Die Ansprache von Jürgen Chmielecki ist dabei niemals problemorientiert. Er fragt zum Beispiel danach, was die Bewohner früher gern in ihrem Garten angepflanzt haben. „Wenn Sie ein Stichwort positiv verkaufen, bekommen Sie auch ein positives Feedback.“

Gerade Zeitungen haben einen großen Erinnerungswert und fördern die geistigen Ressourcen

So wie neulich bei einer anderen Zeitungsrunde, als man gemeinsam einen Bericht über die Mendener Kirmes las. Mit einem Mal kamen die vielen schönen Erlebnisse von früher wieder hoch und ein Gesprächsthema war geboren. Selbst wenn man wie Erna Scholz (84) gar nicht aus Fröndenberg stammt, sondern aus Halver – die Unterhaltung zählt. „Aber es könnten mehr dabei sein“, sagt Erna Scholz und schaut etwas missmutig in die Runde von sechs Senioren. Zurzeit leben zehn Personen in der Villa Mauritius I, eine elfte Bewohnerin stößt bald dazu – „Herr Viebahn ist der Hahn im Korb“, grinst Gudula Giese.

Das Sextett ist Stammgast der Zeitungsrunde und möchte den regelmäßigen Termin nicht missen. Für Jürgen Chmielecki aus therapeutischer Sicht ein gutes Zeichen. „Gerade Zeitungen liefern sehr viel Erinnerungswert“, sagt der Vorleser, „und durch Erinnerungswert werden geistige Ressourcen erhalten – im besten Fall gefördert.“

Die Bewohner der Seniorenwohngemeinschaft haben sich vor einigen Jahren zusammengeschlossen und die Villa Mauritius I an der Hassleistraße 46 gemietet. Ein Gesellschaftervertrag regelt das Miteinander, ein Pflegedienst übernimmt die Betreuung. Die Bewohner leben in der Senioren-WG autonom, verfügen jeweils über ein eigenes Zimmer mit Bad, manchmal mit Balkon, außerdem über Gemeinschafsträume und verwalten eine gemeinsame Hauswirtschaftskasse. Für die finanziellen und bürokratischen Angelegenheiten haben sie Gudula Giese, Tochter einer Bewohnerin, zu ihrer Sprecherin gewählt. Sie vermittelt zwischen Bewohnern und Angehörigen oder dem Pflegedienst. „Die Selbstständigkeit soll durch eine Senioren-WG so lange wie möglich gewahrt werden“, sagt die Fröndenbergerin. Auch die Teilhabe wird gefördert. So wird auch durchaus mitgekocht für das gemeinsame Mahl. Im Keller gibt es ein Heimkino auf Leinwand, nach dem ersten Sommerfest kürzlich sollen künftig auch Ausflüge oder Weihnachtsfeiern geplant werden. Eine Seniorenwohngemeinschaft darf nicht mehr als zwölf Mitbewohner aufnehmen, weil sie andernfalls in eine andere pflegerechtliche Kategorie fallen würde. In einer Senioren-WG gibt es eine 24-Stunden-Präsenzkraft, die aber nicht unbedingt eine Pflegeausbildung haben muss. Für die Behandlungspflege, etwa für das Setzen einer Insulinspritze, kommen die Fachkäfte des ambulanten Pflegedienstes ins Haus. Eine Seniorenwohngemeinschaft unterliegt nach dem Wohn- und Teilhabegesetz der Heimaufsicht des Kreises Unna. Das Gesetz enthält die ordnungsrechtlichen Standards für die Gestaltung von Wohn- und Betreuungsangeboten für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung. Dabei geht es zum Beispiel um die bauliche Gestaltung – Einzelzimmerquote, Raumgrößen –, aber auch personelle Mindeststandards und Mitwirkungsmöglichkeiten (etwa Heimbeiräte).
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