„Ein bisschen Freiheit“ - das Leben als Kleingärtner auf dem Mühlenberg und am Klingelbach

dzKleingartenanlagen

Ein Gartenzwerg grüßt „Guten Tag“, eine Meise sitzt auf dem Mist - wer die Kleingartenanlage im Klingelbachtal betritt, hat den Weg in ein idyllisches Reich gefunden. Dort sind Spaziergänge noch möglich.

Fröndenberg

, 25.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Tore des Kleingartenvereins oben auf dem Mühlenberg sind dagegen abgeschlossen. Die Kleingärtner sind auf Nummer sicher gegangen, weil ihnen zu viele Besucher in der augenblicklichen Corona-Lage zu riskant sind.

„Fragen Sie ihn da drüben. Der ist vom Vorstand. Ich hab hier nichts zu sagen.“
Augenzwinkernder Kommentar eines Kleingärtners

„Fragen Sie ihn da drüben. Der ist vom Vorstand. Ich hab hier nichts zu sagen“, ruft ein Kleingärtner, offenbar ein früher Vogel, augenzwinkernd über den Zaun. Irgendwie stellt man sich ja so die Kleingartengemeinschaft vor: Für alles gibt es Regeln, alles in bester Ordnung. Nein, das sind Vorurteile.

Josef Mroz, der 2. Vorsitzende, der auch schon früh morgens seine Laube besucht, bedauert, dass er uns nicht hineinlassen kann. Aber nachdem die Stadt den kleinen Spielplatz auf dem Gelände gesperrt hat, gab es einen Vorstandsbeschluss: „Aufgrund der Corona-Entwicklung .... bis auf weiteres geschlossen.“

Den Spazierweg durch die Anlage nutzen ansonsten gerade bei schönem Wetter viele Menschen gern. - Und die Parzellen sind restlos ausgebucht. Bis auf eine neuerdings, nachdem eine ältere Dame verstorben ist.

Grundstück und Laube werden von den anderen Kleingärtnern jetzt erst einmal auf Vordermann gebracht. Schließlich soll sie wieder verpachtet werden, eine von 41 Parzellen auf dem Mühlenberg.

Josef Mroz, 2. Vorsitzende der KGV Mühlenberg, hält die Tore der Kleingartenanlage derzeit wegen des Coronavirus geschlossen.

Josef Mroz, 2. Vorsitzende der KGV Mühlenberg, hält die Tore der Kleingartenanlage derzeit wegen des Coronavirus geschlossen. © Marcel Drawe

 Schwäne aus alten Autoreifen - die Fröndenberger Kleingärtner sind kreativ und dekorieren ihr kleines Reich liebevoll.

Schwäne aus alten Autoreifen - die Fröndenberger Kleingärtner sind kreativ und dekorieren ihr kleines Reich liebevoll. © Marcel Drawe

„Ich mach‘s auch gerne - das lenkt mich von allem ab.“
Kleingärtnerin Lydia Derusov

Um Bewerber ist der Verein nicht verlegen. „Es kommen immer mehr junge Leute“, erzählt Maria Friesen. An die 1. Vorsitzende hat wiederum Josef Mroz für mehr Informationen verwiesen - es muss also doch alles seine gute Ordnung haben.

„Ein bisschen Freiheit“, so nennt Maria Friesen das Leben im Kleingarten. Das schätzten eben auch junge Eltern, die Kinder können in der Anlage toben, es fahren keine Autos - und das für 140 Euro Pacht im Jahr.

Das Grundstück auf dem Mühlenberg hat der 1973 gegründete Kleingärtnerverein in Erbpacht vom Hof Schule Neuhoff bekommen. Heute gelten dort die Regeln des Bundeskleingartengesetzes.

Darin ist recht gründlich so gut wie alles geregelt, was man sich vorstellen kann. Vor allem die goldene Regel, dass nur Kleingarten ist, was „zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf und zur Erholung dient“.

Doch das „bisschen Freiheit“ kennt auch „Pflichtstunden“, sagt Maria Friesen. Denn in dem Gemeinschaftsgarten gibt es eben auch gemeinsame Wege, Spielflächen und ein Vereinshaus - alles wird von allen in Schuss gehalten.

Lydia Derusov tankt in ihrem Kleingarten am Klingelbach auf. Auf ihrer Parzelle zieht sie Tomaten, Gurken, Knoblauch, Zwiebeln - alles für die eigene Küche.

Lydia Derusov tankt in ihrem Kleingarten am Klingelbach auf. Auf ihrer Parzelle zieht sie Tomaten, Gurken, Knoblauch, Zwiebeln - alles für die eigene Küche. © Marcel Drawe

Olga aus Menden nutzt das schöne Wetter, um trotz Kälte schon einige Beete umzugraben. „Der Wald“, sagt sie, sei das Schönste am Kleingarten im Klingelbachtal.

Olga aus Menden nutzt das schöne Wetter, um trotz Kälte schon einige Beete umzugraben. „Der Wald“, sagt sie, sei das Schönste am Kleingarten im Klingelbachtal. © Marcel Drawe

Zur SacheZum Straßennamen „Am Klingelbach“

  • Der Fröndenberger Wegebau- und Friedhofsausschuss debattierte im Februar 1955 darüber, wie die Zuwegung zur Firma Frömag benannt werden könnte, wie Stadtarchivar Jochen von Nathusius dokumentiert hat.
  • „Verwaltungsseitig“, so der damalige Amtsbaumeister, werden entweder „Talstraße“ oder „Klingelbachtal“ vorgeschlagen. Der Vorsitzende sprach sich für den Namen „Klingelbachal“ aus, weil dieser den meisten Einwohnern Fröndenbergs bekannt sei.
  • Ein Ausschussmitglied plädierte hingegen für „Frömag-Straße“. Der Bürgermeister wandte ein, dass es nicht richtig sei, eine Straße nach einer Firma zu bezeichnen. Die Firma Union könnte denselben Anspruch stellen.
  • Man müsse, so der Bürgermeister solche Straßennamen auswählen, „die auch den Kindern etwas bedeuten“.
  • Zudem habe das Katasteramt betont, dass alte Flurbezeichnungen nicht untergehen sollten; bei einer Gegenstimme entschied man sich daraufhin für „Am Klingelbach“.

Im Klingelbachtal ist das gar nicht anders. Bloß dass dort die Tore weiter auch für willkommene Spaziergänger offen stehen. Den sonnigen kalten Morgen nutzt Lydia Derusov, um vor ihrer Nachmittagsschicht noch ein bisschen Zeit auf ihrer Scholle zu verbringen.

„An jeder Ecke kann man etwas machen“, erzählt sie und lehnt dabei über ihrem Gartentor. Sie zieht schon Petersilie im Gewächshaus, siebt den Kompost durch - und genießt.

„Ich mach‘s auch gerne - das lenkt mich von allem ab“, sagt sie vielsagend in diesen Corona-Zeiten. Olga, ein paar Parzellen weiter, sieht‘s ähnlich, kniet mit Schaufel im Beet und gräbt. „Der Wald, die Ruhe, weg von der Stadt“, frohlockt die Mendenerin - das Klingelbachtal ist übrigens Klein-Menden.

Ina Tkachenko lacht. Ja, das habe sich so ergeben. Heute haben nur noch fünf Fröndenberger jeweils eine der 27 Parzellen belegt. Außerdem sind 90 Prozent der Laubenpieper Russlanddeutsche.

Die 1. Vorsitzende sagt es ganz frank und frei: Der Vorstand entscheidet darüber, wer eine freie Parzelle bekommen soll. Es müsse halt passen in der Kleingärtnernachbarschaft. Gibt es Kinder, haben die Interessenten eine Arbeit?

„Damit es keine Probleme gibt“, sagt Irina Tkachenko.

300 bis 400 Quadratmeter groß sind die Grundstücke. Frei ist am Klingelbach, der mitten durch die Anlage plätschert, aber gerade nichts. „Ich klopfe auf Holz“, sagt Tkachenko. Denn der Bezirksverband berichte von vielen verwaisten Parzellen im Umland.

Dagegen ließe manch Vereinsmitglied schon einmal gut 800 Euro im Jahr im Klingelbachtal - allein deswegen weil so viel Wasser und Strom im Sommer verbraucht wurden. Irina Tkachenko weiß warum: „Die verbringen ihren Urlaub lieber im Kleingarten.“

Dick und Doof grüßen im Kleingarten im Klingelbach - die Parzellen sind derzeit alle belegt.

Dick und Doof grüßen im Kleingarten im Klingelbach - die Parzellen sind derzeit alle belegt. © Marcel Drawe

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