Kurt Potthoff war das Bauernopfer eines Kuhhandels der SPD-Spitze mit den Grünen. Alles spricht dafür, dass Bürgermeisterin und Parteichef ihn über die Klippe springen ließen, weil sie zuvor einen geheimen Deal abschlossen.

Fröndenberg

, 14.11.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach einem Tauschgeschäft zwischen der Spitze von SPD und Grünen in Fröndenberg nahmen Sabina Müller und Torben Böcker Kurt Potthoff offenbar als Bauernopfer in Kauf. Gegen den erklärten Willen der SPD-Fraktion zogen Bürgermeisterin und SPD-Chef einen zuvor heimlich ausgehandelten Deal offensichtlich eiskalt durch.

»Bis zum 15. Oktober hat es sonst keiner gewusst.«
Anonyme Quelle

Die ominösen Umstände der Nicht-Wahl von Kurt Potthoff zum Vize-Bürgermeister und dessen Austritt aus der SPD-Fraktion gehen auf ein Treffen von mindestens vier Personen zurück, das auf die Phase zwischen Kommunalwahl und Bürgermeister-Stichwahl zurückgeht.

Gespräche, in dem der „Stellvertreterposten als Kungelware“ gehandelt worden sei, bestätigen jetzt drei der Redaktion namentlich bekannte Informanten über Parteigrenzen hinweg.

In der Fröndenberger SPD sorgt demnach der „Deal“ auch über die aktuelle Fraktion hinaus für Unmut. Man distanziere sich von „Machenschaften“ von Sabina Müller und Torben Böcker, heißt es wörtlich.

Die Unterredung in dem kleinen Kreis folgte auf einen Anruf von Grünen-Fraktionschef Martin Schoppmann bei Sabina Müller, wie die Informanten unabhängig voneinander dieser Redaktion berichten.

Demnach hat Schoppmann schon kurz nach der Rats- und Bürgermeisterwahl am 13. September und deutlich vor der Stichwahl am 27. September gegenüber Sabina Müller, die mitten im Wahlkampf gegen CDU/FDP-Kandidat Heinz-Günter Freck steckte, ein dringendes Anliegen der Grünen geäußert.

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»Hitzige Diskussion in der SPD-Fraktion.«
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Man strebe das Amt der 1. stellvertretenden Bürgermeisterin an, eröffnete Schoppmann Müller und fragte sinngemäß: „Wollen wir darüber reden?“

Die SPD-Bürgermeisterkandidatin habe eingewilligt und zu diesem Gespräch den SPD-Stadtverbandsvorsitzenden Torben Böcker und den zu diesem Zeitpunkt designierten SPD-Fraktionsvorsitzenden Klaus Böning mitgenommen.

Weder Torben Böcker noch Klaus Böning mochten den Sacherhalt auf Nachfrage kommentieren. Sabina Müller war zunächst nicht erreichbar.

Die Grünen gewannen bei der Ratswahl zwar hinzu, erreichten aber nur sechs Sitze und waren daher bei einem solchen Unterfangen auf Schützenhilfe angewiesen. Die sollte offenbar nach Vorstellung des Grünen von Seiten der Sozialdemokraten kommen.

Das SPD-Trio ließ sich nach unseren Informationen auf eine Unterstützung für eine grüne Kandidatin ein, um im Gegenzug eine Wahlempfehlung von grüner Seite für Sabina Müller vor dem entscheidenden Urnengang am 27. September zu erhalten.

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In Form eines öffentlichen Aufrufs des ausgeschiedenen Bürgermeisterkandidaten der Grünen, Frank Schröer, erhielt Sabina Müller am 18. September tatsächlich Rückendeckung. Zur Erinnerung: Nach dem ersten Durchgang der Bürgermeisterwahl hatte Heinz-Günter Freck hauchdünn die Nase vorn.

Ohne Wissen der frisch gewählten neuen SPD-Ratsleute hätten Müller, Böcker und Böning im Gegenzug auf einen eigenen SPD-Kandidaten bei der am 4. November anstehenden Vize-Bürgermeisterwahl verzichten wollen.

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»Vize-Bürgermeisteramt von Grünen zurückzuholen.«
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Erst in der konstituierenden Sitzung der SPD-Fraktion sollen demnach SPD-Fraktionschef Böning sowie Parteichef und Fraktionsmitglied Böcker ihre weiteren neun Genossen in den Deal mit den Grünen eingeweiht haben. „Bis zum 15. Oktober hat es sonst keiner gewusst“, lässt sich eine der Quellen zitieren.

Was im Einzelnen mit Martin Schoppmann besprochen worden war, habe die SPD-Fraktion allerdings erst nach der Wahl ihrer neuen Fraktionsspitze, der neben Böning als Stellvertreter Taner Cegit und Sebastian Kratzel angehören, erfahren.

Nach Eröffnung der zuvor mit dem eigenen Lager nicht abgesprochenen Abmachung kam es nach Angaben unserer Informanten zu einer „hitzigen Diskussion“ in der SPD-Fraktion.

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Die ob des Alleingangs von Müller, Böcker und Böning zwischen Erstaunen und Empörung schwankenden SPDler, darunter fünf neue Fraktionsmitglieder, hätten Böning und Böcker energisch aufgefordert, mit den Grünen Kontakt aufzunehmen und das verkaufte Amt des Vize-Bürgermeisters „zurückzuholen“.

Noch in derselben konstituierenden Fraktionssitzung der SPD hob man dann Kurt Potthoff aufs Kandidatenschild. Der 62-Jährige habe sich selbst nicht aktiv um diesen Posten beworben, sondern sei darum gebeten worden.

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»Dann galt: Freies Spiel der Kräfte.«
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In einer offenen Probeabstimmung, dies hatte Klaus Böning bereits vor einigen Tagen bestätigt, votierten in der SPD-Fraktion schließlich sämtliche Mitglieder für Potthoff; daran habe man sich halten wollen, so Böning.

Bei den Genossen ging man vorderhand davon aus, den Deal mit den Grünen damit aus der Welt geschafft zu haben.

Eine der Quellen spricht indes davon, dass Sabina Müller ob des Aufruhrs in der SPD-Fraktion „böse“ geworden sei, weil sie sich „im Wort bei Schoppmann fühlte“.

Klaus Böning und Torben Böcker hätten dann darauf gesetzt, dass der – von dem SPD-Grünen-Deal völlig unbeeinflusste – Vorschlag von CDU-Fraktionschef Gerd Greczka ziehen könnte: Die Option, künftig drei Vize-Bürgermeisterposten in Fröndenberg zu installieren, womit alle drei Fraktionen versorgt gewesen wären, habe indes Martin Schoppmann nicht gewollt.

Auch eine weitere Variante, nämlich eine gemeinsame SPD/CDU-Liste mit den Kandidaten Potthoff und Gerling, gegen die grüne Kandidatin verfing auf SPD-Seite letztlich nicht. „Dies erschien Böning nicht fair gegenüber Schröer“, heißt es.

„Freies Spiel der Kräfte“, so eine Quelle, habe anschließend geherrscht.

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»Da finden sich Leute, die sich sonst nicht finden.«
Bürgermeisterin Sabina Müller

Dieses freie Spiel der Kräfte zeigte sich in der konstituierenden Sitzung des neuen Stadtrates am 4. November in der Aula der Gesamtschule, wo es zum bekannten Showdown kam: Kurt Potthoff erhielt in der geheimen Abstimmung mindestens zwei Stimmen trotz aller Zusicherung aus dem SPD-Lager nicht. Monika Schröer wurde 1. stellvertretende Bürgermeisterin.

Wenn auch die Abstimmung geheim war, ist die naheliegendste Variante, dass es Stimmen aus der „Deal-Gemeinschaft“ waren, die Potthoff fehlten.

Während Torben Böcker sich nach der Wahl über das SPD-Desaster ausschwieg, äußerte Klaus Böning sein Bedauern für Kurt Potthoff, wollte das Thema aber auch abschließen.

Sabina Müller berichtetet gegenüber unserer Redaktion über ihre erste Reaktion nach dem Wahlausgang: „Ich war auch geschockt.“ Die fehlenden Stimmen seien Interna, „da muss die Fraktion mit fertig werden“, meinte Müller.

Die Bürgermeisterin sprach angesichts der Niederlage des geopferten Genossen wörtlich davon, dass dies manchmal bei Menschen so sei: „Da finden sich Leute, die sich sonst nicht finden.“

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