Ein ergreifender Brief an eine Enkelin: „Durchbrecht die Männerbünde!“

dzGleichberechtigung

Weibliche Bescheidenheit, Männerbünde, kein Lohn für Familienarbeit: Gisela Habekost hat aufgeschrieben, wovor sie junge Frauen warnen möchte. Die Fröndenbergerin beteiligt sich an einer Brief-Aktion.

Fröndenberg

, 23.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gleichberechtigung und die Emanzipation der Frauen sind auch im Jahr 2020 keine Themen, die zu den Akten gehören. Die Fröndenbergerin Gisela Habekost beteiligt sich mit einem beeindruckenden Brief an einer laufenden Aktion der Gleichstellungsstelle der Stadt.

Birgit Mescher

Birgit Mescher © Archiv

„Das kann aber nur gelingen, wenn wir eine gesellschaftliche Debatte darüber führen, was für uns eigentlich das Wichtige im Leben ist.“
Birgit Mescher

Birgit Mescher hat die Briefaktion zum „Equal Care Day“ ins Leben gerufen. Dieser Tag erinnert seit 2016 auch in Deutschland daran, dass 80 Prozent der Arbeit in Pflege, Fürsorge, Betreuung und Erziehung von Frauen geleistet wird - gesellschaftlich wenig anerkannt und schlechter bezahlt als die technischen Berufe.

Wertschätzung und faire Verteilung

Dass diese umsorgenden Tätigkeiten stärker wertgeschätzt und zwischen den Geschlechtern fairer verteilt werden, möchte der Equal Care Day letztlich erreichen.

„Das kann aber nur gelingen, wenn wir uns gemeinsam dafür einsetzen und eine gesellschaftliche Debatte darüber führen, was für uns eigentlich das Wichtige im Leben ist“, findet die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Fröndenberg.

Auf Meschers Briefaktion hat sich nun unter anderem bereits Gisela Habekost gemeldet: mit einem ergreifenden Brief an ihre fiktive Enkelin. „Zuerst möchte ich Dir sagen, dass die weibliche Bescheidenheit sich immer als ,Pferdefuß‘ erwiesen hat – sie hat uns nur geschadet“, schreibt die freischaffende Autorin.

„Denn all dies fällt nicht vom Himmel, sondern muss in Verantwortung und Engagement in die Hand genommen werden.“
Gisela Habekost

Der Appell von Birgit Mescher hat bei Gisela Habekost einen Nerv getroffen. Die Gleichberechtigung sei für sie zu einem Lebensthema geworden, „das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht.“

Das Bewusstsein für die unterprivilegierte Rolle der Frau sei ihr zur Zeit der 68er gekommen, die sie als junge Frau erlebte - was sich an Negativem aus dieser Bewegung entwickelt habe, schätze sie nicht.

Die Geduld der Frauen ist die Macht der Männer

Doch der Gedanke, sich von der Dominanz der Männer in Beruf und Gesellschaft emanzipieren zu müssen, bestimme ihr Denken und Handeln bis heute in allen Lebenslagen. „Das hat mich verändert“, bekennt Gisela Habekost.

„Die Geduld der Frauen ist die Macht der Männer“ - ein tiefsinniger Spruch aus den frühen 1970er-Jahren , die auch das Scheidungsrecht reformierte und mit der Schlüsselgewalt des Ehemannes brach, bringe Problem wie Herausforderung in einem Satz auf den Punkt.

Zur SacheBriefaktion läuft bis zum 31. März 2020

  • Gleichstellungsbeauftragte Birgit Mescher ruft Frauen dazu auf, einen Brief an die nachwachsende Generation zum Thema Gleichberechtigung in Fürsorge, Pflege, Betreuung und Erziehung zu schreiben.
  • „Schreiben Sie einem (fiktiven) Kind der nächsten oder übernächsten Generation einen Brief, in dem Sie von sich erzählen und davon, was Sie sich für seine Zukunft wünschen.
  • Was wünschen Sie einem Kind, das sich heute über seine Berufswahl Gedanken macht, im Hinblick auf das Thema Care?
  • Was hat Ihren Alltag als Mutter/Vater mit Kindern schwer gemacht, was hat gefehlt?“
  • Briefe können bei Birgit Mescher, Stadt Fröndenberg, Tel.: (02373) 976-306, E-Mail: b.mescher@froendenberg.de übermittelt werden.
  • Geplant ist, die Ergebnisse im Allee-Café zu präsentieren und an Politiker und Politikerinnen weiterreichen.

Persönlich habe sie nie ein untergeordnetes Rollenverständnis gehabt und mit Männern wo es geht „auf Augenhöhe“ kommuniziert. Bis heute seien viele Frauen noch geprägt von gesellschaftlichen Erwartungen, die ihnen noch in den 1960er-Jahren die Rolle der sorgenden Mutter und Hausfrau zuschrieben.

Doch selbst im Jahr 2020 steckten Frauen trotz Elternzeit und Doppelverdiener-Ehen immer noch in gewohnten Strukturen fest. Ob bei Familiensorge oder Kinderbetreuung. „Da muss mir keiner etwas vormachen - das ist immer noch Frauenarbeit.“

Sprache prägt das Bewusstsein

Die Gesellschaft wirke weiter daran mit: Die Sprache präge das Bewusstsein erheblich. „Wir sind immer nur mitgemeint“, bedauert die Frau Gisela Habekost.

Doch nicht nur bei Frauen, die in den 1950er-Jahren in einem Klima der klaren Rollenverteilung aufwuchsen, auch bei vielen jungen Frauen von heute vermisse sie ein Bewusstsein dafür, dass die vielfach vorhandene Ungleichheit, ob bei Entlohnung oder Karrierechancen, kein Naturgesetz ist.

Aspekte für ein besseres Frauenleben

„Männerbünde“, das schreibt Gisela Habekost auch ihrer fiktiven Enkelin, ob in Industrie, Stadtverwaltung oder Kommunalpolitik, müssten aber von den Frauen selbst aktiv durchbrochen werden. „Mein Rat: Stellt Forderungen - keine Bitten!“.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit; Familienarbeit, die für die Rente zählt; flexible Betreuungszeiten für Kinder; keine gefährlichen No-go-areas für Frauen und noch viel mehr listet ihr Brief auf.

„Mein liebes Kind, von vielen dieser Punkte haben wir gemeinsam geträumt und ich wünsche Dir für Dich und mich, dass Deine Generation stark und selbstbewusst genug ist, diese wichtigen Aspekte für ein besseres Frauenleben durchzusetzen, ja, auch zu erkämpfen“, schließt Gisela Habekost ihren Brief an die fiktive Enkelin.

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