Vegetarier akzeptieren auch Bio-Schweinefleisch nicht. Die Landwirte Christine und Timo Raffenberg freut es dagegen schon, wenn Fleischesser beim Kauf bewusster zugreifen. Skandale wie bei Tönnies brauche es dabei gar nicht.

Fröndenberg, Ostbüren

, 05.07.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Christine Raffenberg steht vor den offenen Schweineställen ihres Hofes in Ostbüren: Die Tiere fläzen sich auf dem Stroh, einige stecken neugierig den Rüssel durchs Gitter. Das nennt man wohl artgerecht. „Minderwertige Schlachtkörper“ - so etwas kennt die Landwirtin nicht.

»Man ist gewohnt, dass die Kühltruhen im Supermarkt voll sind. Das schaffen wir aber auch mit regionalen Strukturen.«
Landwirtin Christine Raffenberg

Sie und ihr Mann Timo haben sich ganz bewusst für Bio-Landwirtschaft entschieden: Die Schweine haben genug Auslauf bei Tageslicht, Eiweißfutter kommt nicht als importiertes Sojaschrot von Übersee in den Trog, sondern als selbst angebaute Ackerbohnen und Erbsen.

Auf der Schlachtbank landen auch sie eines Tages - das ist der kleinste gemeinsame Nenner von konventioneller und Bio-Landwirtschaft.

Der Hof an der Bauernbrücke ist der Biofleisch-Genossenschaft in Bergkamen angeschlossen. Das heißt, dass Raffenbergs als Genossen selbst Einfluss auf Schlachtung und Zerlegung ihrer Schweine nehmen können. Für 3,75 Euro pro Kilogramm verkaufen sie ihr Schweine, ein stabiler Preis seit gut zwei Jahren.

Maximal 250 Schweine suhlen sich auf dem Hof

300 Mastplätze haben sie auf dem Hof, aber nur maximal 250 Schweine sind in den Ställen. Für den Massenmarkt, den die Großschlachtereien bedienen, müssen und wollen sie nicht produzieren. Christine Raffenberg stellt das System in Frage.

Das System, das konventionelle Landwirte zu schneller und günstiger Tiermast zwinge, nicht artgerechter Haltung alternativlos Vorschub leiste und eben auch dem Ensatz von Billiglöhnern in den Schlachtbetrieben - wie aktuell im Tönnies-Corona-Skandal.

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Christine und Timo Raffenberg sind von der artgerechten Tierhaltung auf ihrem Hof überzeugt.

Christine und Timo Raffenberg sind von der artgerechten Tierhaltung auf ihrem Hof überzeugt. © Udo Hennes

Info


Biofleisch-Genossenschaft NRW

  • Über 100 Bauern aus dem Münster-, Rhein- und Sauerland haben sich zusammengeschlossen, um ihre biologisch aufgezogenen Schweine, Rinder, Lämmer und ihr Geflügel gemeinschaftlich zu vermarkten.
  • An ihrem Standort in Bergkamen produziert die Genossenschaft in Handarbeit Fleisch- und Wurstwaren. In dem reinen Bio-Betrieb sind Zusatzstoffe wie Phosphate, Geschmacksverstärker oder andere synthetische Stoffe tabu.
  • Die Tiere, die in Bergkamen verarbeitet werden, leben nach Selbstauskunft der Genossenschaft in Ställen mit viel Bewegungsraum, natürlichem Tageslicht und eingestreuten Liegeflächen, die eine artgerechte Unterbringung der Tiere gewährleisten.
  • „Das hält unsere Tiere gesund, leistungsfähig und stärkt ihr Immunsystem und ihre Fruchtbarkeit. Die langsame Mast fördert außerdem die Fleischqualität“, heißt es in Bergkamen.
  • Schweine haben einen großen Bewegungsdrang. Deshalb werde ihnen ein Freigeländezugang oder Auslauf gegeben. Zur Bioschweinehaltung gehöre stets Stroh als Einstreumaterial.

„Es wird so extrem, dass irgendwann jemand leidet, ob Tier oder Mensch“, findet Christine Raffenberg. Der Preisdruck, angetrieben von der Marktmacht des Handels, sei besonders beim Schweinefleisch so groß, dass in der konventionellen Landwirtschaft häufig keine andere Wahl bleibe, als in dem Spiel mitzuspielen.

Von „minderwertigen Schlachtkörpern“ hatte Hans-Heinrich Wortmann in einem Gespräch mit unserer Redaktion gesprochen, wenn nämlich Schweine zu viel Fett angesetzt haben, der ideale Zeitpunkt für die Lieferung an die Schlachterei verpasst ist.

Industrielle Fleischproduktion als anfälliges System

Für das Ehepaar Raffenberg zeigt sich in dieser Zustandsbeschreibung des Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe, der ebenfalls tiefgreifende Veränderungen anmahnt, der ganze Wahnwitz der industrialisierten Fleischproduktion in Deutschland.

Letztlich sei es ein anfälliges System, das wie eine Monokultur bei krisenhaften Ereignissen zusammenbreche. Siehe Tönnies. Und: „Was machen die denn, wenn von heute auf morgen kein Sojaschrot mehr importiert werden kann?“, fragt Christine Raffenberg.

Die konventionell arbeitenden Landwirte nimmt sie dabei grundsätzlich in Schutz. Sie habe letztlich selbst das große Glück gehabt, dass ihr Vater nicht dem Rat eines Beraters folgte und keinen Schweinestall für 1000 Tiere baute.

Sie wäre dann 20 Jahre später wohl gezwungen gewesen, mindestens 3000 Schweine zu mästen, um überhaupt mithalten zu können. Denn für eine Bio-Landwirtschaft wären 1000 Tiere schon bei weitem zu viel.

Ein Preis, den das Fleisch wert ist

Wäre da noch der Preis - Verbraucher hierzulande kaufen preisbewusst ein, Supermärkte und Discounter unterbieten sich allerdings zudem auch nahezu täglich mit dem günstigsten Angebot.

Dass sie für Bio-Fleisch allein schon wegen der teureren Mast und Haltung der Tiere auch in der eigenen Hofmetzgerei einen höheren Preis verlangt müsse, sei zwangsläufige Folge. Ein Preis, der das Fleisch aber wert sei.

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»Das ist ein vernünftiger Erzeugerpreis, davon kann ich auch meine Mitarbeiter bezahlen.«
Landwirtin Christine Raffenberg

18,90 Euro pro Kilo kostet ihr Schweinefleisch als Endprodukt - in der Wertschöpfungskette ist dann die Mast mit Biofutter ebenso enthalten wie die Schlachtung in einem kleinen Betrieb in Unna, die Zerlegung bei der Genossenschaft, die Verwurstung durch den eigenen Metzger und der Verkauf durch Fachpersonal im Hofladen. „Das ist ein vernünftiger Erzeugerpreis, davon kann ich auch meine Mitarbeiter bezahlen“, sagt Christine Raffenberg.

Die Behauptung des Kreisverbandsvorsitzenden, für die breite Vermarktbarkeit von Biofleisch müsse mittelständisch wirtschaftenden Landwirten zwangsläufig weniger Geld gezahlt werden, halten Raffenbergs für falsch.

Bewusstsein für gute Lebens- und Produktionsbedingungen

Die industrielle Fleischproduktion habe die Preise kaputt gemacht, die Verbraucher verwöhnt. Bei Lidl kostet das marinierte Schweinenackensteak aktuell pro Kilo 5,37 Euro.

Die Industrie hält jedes Wunschprodukt zu jeder Zeit bereit - danach sieht es aus. Die Kühltruhen in den Supermärkten seien stets voll gefüllt. „Das schaffen wir aber auch mit regionalen Strukturen“, ist Christine Raffenberg überzeugt.

Sie setzt darauf, dass sich beim Fleischkauf neben einem Preisbewusstsein auch ein Bewusstsein für gute Lebens- und Produktionsbedingungen für Tier und Mensch durchsetzt.

In Nachbarländern mit vergleichbarem Gehaltsgefüge sind Lebensmittel oft teurer als in Deutschland. Christine Raffenberg: „Es ist nicht so, dass der Verbraucher ums Verrecken billiges Fleisch haben will.“

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