Billionen von Mark im Umlauf: Als die Gemeinde Fröndenberg Notgeld druckte

dzHyperinflation vor 95 Jahren

Die Inflation war auf dem Höhepunkt: Vor 95 Jahren ließ Fröndenberg Billionen von Mark an Notgeld drucken. Der Gegenwert war gering – doch die damalige Gemeinde profitierte bei einem Neubau.

Fröndenberg

, 19.11.2018, 14:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gerade vermelden die Statistiker des Bundesamtes ein Zehnjahreshoch bei der Inflation: Der Anstieg der Preise um 2,5 Prozent im Oktober lag zuletzt im Jahr 2008 höher. Vor allem die gestiegenen Ölpreise wirken sich im „statistischen Warenkorb“ aus. Geht man genau 95 Jahre zurück, in den November 1923, kann man diese Teuerungsrate nur milde belächeln.

Das Rechnen mit großen Summen wurde zur Gewohnheit

In der Hochphase der Geldentwertung musste man auch in Fröndenberg mit noch nie dagewesenen Beträgen umgehen. „Das Rechnen mit großen Summen wurde zur Gewohnheit, und diese Summen wurden Tag für Tag größer“, hält die Sparkasse zu Fröndenberg in ihrer Chronik fest. Die deutsche Währung verfiel zusehends, weil die Reichsbank immer neue Noten druckte, um das steigende Geldbedürfnis zu decken.

Billionen von Mark im Umlauf: Als die Gemeinde Fröndenberg Notgeld druckte

Eine Million Mark – es war nicht der höchste Nennwert des Fröndenberger Notgeldes, das bis November 1923 in der Stadt kursierte. © Land

Wie viele andere Kommunen entschloss sich auch die damalige Gemeinde Fröndenberg, in Gemeinschaft mit der Sparkasse Notgeld herauszugeben. Denn es herrschte zugleich auch akuter Mangel an Kleingeld: Der Silberpreis hatte inzwischen den Nennwert der Münzen überstiegen, und die Menschen horteten die Markstücke fortan in ihren Sparstrümpfen. Zunächst wurde ab August 1923 die Serie A in Scheinen zu 1, 2, 5 und 10 Millionen Mark ausgegeben, im Oktober stieg der Nennwert in der Serie B bereits auf Scheine zu 5, 10, 20 und 50 Milliarden Mark. Weil das Geld quasi täglich an Geld verlor, wurde ein Prozent Zinsen pro Tag aufgeschlagen.

Im November 1923 sind 16.000 Billionen Mark Notgeld im Umlauf

Die Serie C im November 1923 hatte nur noch Scheine zu je einer Billion Mark mit zwei Prozent Zinsen pro Tag sowie drei Prozent Beschaffungskosten. Von den ersten beiden Serien waren bis zum 8. November 1923 zusammen 4.770 Billionen Mark in Umlauf gebracht worden, von der Serie C sollte dann schon die unvorstellbare Gesamtsumme von 16.000 Billionen Mark ausgegeben werden.

Das Inflationsgespenst trieb die Menschen gerade in Deutschland – auch nach der Erfahrung einer weiteren Währungsreform 1948 – noch lange Zeit um. Durch die Schaffung der Europäischen Zentralbank und entsprechende Mechanismen bei der Geldpolitik sei eine Hyperinflation in Deutschland und Europa nicht mehr zu befürchten, weiß Andreas Schlüter, Sprecher der heutigen Sparkasse Unna Kamen, in der die Sparkasse Fröndenberg aufgegangen ist. Sorge, dass das gesamte Vermögen über Nacht wertlos wird, müsse niemand mehr haben.

Gefragt wird heute nicht nach dem Kaufkraftverlust, sondern nach dem Renteneintrittsalter

Wird das Geld entwertet, nimmt aber dessen Kaufkraft ab. Fürchten sich davor Fröndenbergerinnen und Fröndenberger, die ihr Rentendasein vor Augen haben? Stichwort: Altersarmut. „Eigentlich ist das kein Thema“, sagt Christa Dorré, die im Allee-Café regelmäßig Sprechstunden für Rentenberatung anbietet. „Man weiß, was man an Rente bekommen wird“, so Dorré, daher werde viel häufiger gefragt, ob der Renteneintritt vorgezogen werden kann – und ob nach den Abzügen noch eine auskömmliche Rente verbleibt. Sehr häufig informiere sie auch über die neue Regelung, nach 45 Beitragsjahren bereits mit 63 die gesetzliche Rente beantragen zu können.

Billionen von Mark im Umlauf: Als die Gemeinde Fröndenberg Notgeld druckte

Auf der Rückseite der Notgeldscheine waren die Bedingungen für die Einlösung abgedruckt. © Land

Der Spuk des Fröndenberger Notgeldes war übrigens vor 95 Jahren nach einigen Wochen schon wieder vorbei: Die Reichsbank führte die Rentenmark ein, die um den 20. November 1923 in den Verkehr kam. Eine Billion Mark der alten entsprachen einer Rentenmark der neuen Währung. Bis dahin hatten vor allem viele Schuldner in Fröndenberg von der Geldentwertung profitiert: Noch in der Inflationszeit hatten sie Millionenbeträge als Darlehen aufgenommen – und nach wenigen Tagen mit den Notgeldscheinen, die dieselbe Wertziffer trugen, abgelöst. Auch die Gemeinde Fröndenberg wusste diesen Umstand zu nutzen: In der Inflationszeit baute sie nämlich ihr Elektrizitätswerk aus, für das im Juni 1923 das neue Wasserkraftwerk in Schwitten eingeweiht wurde.

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