Aufgezogene Spritzen im Gebüsch und Kinder, die als Mutprobe Geld einschmeißen. Das soll sich rund um einen Spritzenautomat abspielen. Die Aidshilfe Unna sieht das anders und beklagt einen Schaden.

Fröndenberg

, 08.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Räume sind fast fertig renoviert, die Hochleistungsserver angeschlossen und die italienische Kaffeemaschine steht: Alle Jungunternehmer, die seit Anfang 2019 im alten Fröndenberger Bahnhofsgebäude einen kleinen Digitalcampus mit Start-Up-Geist hochziehen, machen große Schritte voran. Doch in unmittelbarer Nähe gibt es etwas, das den Geschäftsleuten um den Fröndenberger Jens Auch die Suppe versalzt: ein Spritzenautomat der Aidshilfe NRW.

Aufgezogene Spritzen, regelmäßig Müll und Schülergruppen, die aus Spaß oder als Mutprobe Geld einschmeißen, um anschließend mit den Spritzen zu spielen. All das sehen Jens Auch und seine Kollegen gar nicht gerne. Selbstverständlich hätten solche Automaten ihre Daseinsberechtigung.

In unmittelbarer Nähe von Bahnhofsparkplatz, Fitnessstudio und den jungen Unternehmen in der zweiten Etage des Gebäudes störe er aber, so Auch. Regelmäßig könne er aus dem Fenster Süchtige beobachten.

Funktioniere der Automat mal nicht, würden Heroinabhängige in den angrenzenden Büschen nach gebrauchten Spritzen suchen – oder in einer Mischung aus Wut und Suchtdruck am Automat rütteln, auf das Gerät einschlagen.

»Wer weiß, ob der Mann überhaupt noch autofahren konnte; ich muss doch auch Sorge für mein Umfeld tragen.«
Jens Auch, Jungunternehmer

Zu viel wurde es dem Jungunternehmer dann, als ein Mann, nachdem er eine Spritze gezogen hatte, in sein Auto mit Kindern gestiegen sei. Das wollte Jens Auch nicht mit ansehen, rief die Polizei. „Wer weiß, ob der Mann überhaupt noch Autofahren konnte; ich muss doch auch Sorge für mein Umfeld tragen“, sagt der Fröndenberger.

Klar, in Fröndenberg gebe es keine Drogenproblematik wie in größeren Städten. Aber bereits als auch vor einigen Jahren schon einmal am Bahnhof gewohnt hatte, habe er dort Leute am Bahnsteig offen Heroin konsumieren sehen.

Auch im Radhotel seien damals Drogen-Gäste abgestiegen. Einmal habe die ehemalige Betreiberin von den Toiletten Blut und Spritzen wegputzen müssen. Als Auch und seine Geschäftspartner die Räume des ehemaligen Radhotels renovierten, hätten sie unter dem PVC und in den Schränken Spritzen gefunden.

Spritzenautomat am Fröndenberger Bahnhof: Unternehmer beschweren sich

Verpackungsmüll und darunter auch aufgezogene Spritzen hat Jens Auch vor dem Spritzenautomat am Bahnhof fotografiert. © Privat

Gespräche mit Stadt Fröndenberg und Aidshilfe waren bisher ergebnislos

Weil Gespräche mit der Stadt und der Aidshilfe Unna, die den Automat kontrolliert und neu befüllt, nicht das gewünschte Ergebnis brachten, hat Jens Auch nun eine Online-Petition gestartet. „Damit wollen wird das Problem noch einmal ins Gespräch bringen“, sagt der Jungunternehmer. Im Internet ist die Diskussion bereits entfacht. Viele Bürger, zum Teil auch Lokalpolitiker wie Matthias Büscher (FWG), äußern sich empört.

Andere Fröndenberger weisen aber auch darauf hin, wie wichtig solche niederschwelligen Angebote für Abhängige sind. Würde es die Spritzen etwa nur in der Apotheke geben, würden viele der ohnehin stigmatisierten Suchtkranken keine sauberen Spritzen kaufen und eventuell auf verunreinigte zurückgreifen. Das erklärt auch Manuel Izdebski, Geschäftsführer der Aidshilfe.

Am Montag sei festgestellt worden, dass der Auromat mit Spachtelmasse beschädigt wurde. Möglicherweise eine Reaktion auf die hitzige Diskussion bei Facebook, ärgert sich Izdebski. Der Automat funktioniere nicht mehr. Das Gerät müsse wahrscheinlich ersetzt werden. Die Aidshilfe wird Strafanzeige stellen.

Seit die Spritzenautomaten vor 30 Jahren in Deutschland eingeführt wurden, seien die Infektionszahlen von 20 Prozent auf 5 Prozent gesunken.

Die Aidshilfe Unna betreibt drei Automaten im Kreis

Die Aids-Hilfe kümmert sich um drei Spritzenautomaten im Kreis. Neben dem in Fröndenberg gebe es noch einen Automat in Bergkamen und einen in Unna-Königsborn. Weitere Automaten im Kreis werden von der Suchthilfe betrieben. Es handelt sich um ausrangierte umfunktionierte Zigarettenautomaten.

In Fröndenberg kosten die sterilen Spritzen 50 Cent – und sie könnten auch direkt am Automat in einer Vorrichtung wieder abgelegt werden.

Zur Zeit, als Dr. Werner Ommer in Fröndenberg noch Substitutionspatienten angenommen hat, wurden über den Automat über 400 Spritzen ausgegeben, inzwischen seien es nur noch 150 im Jahr. Das bedeute, dass zuletzt etwa drei Abhängige pro Woche den Automat am Bahnhof aufgesucht hatten.

Der Standort sei bewusst gewählt. Hätte doch die Erfahrung in anderen Städten gezeigt, dass die Automaten vor allem an Bahnhöfen wahrgenommen und genutzt werden.

Aidshilfe sieht die Sicherheit von Kindern nicht in Gefahr

Sorgen um die Sicherheit von Kindern macht sich Manuel Izdebski nicht. „Ich glaube nicht, dass Spritzen ein attraktives Spielzeug für Kinder sind“, sagt der Geschäftsführer der Aidshilfe Unna. Außerdem habe es im Umfeld der Automaten noch nie einen Vorfall gegeben, bei dem Kinder verletzt wurden. „Wir kennen die Ängste der Bürger aber und nehmen sie ernst.“

Das Ordnungsamt der Stadt habe bereits im Mai auf die Beschwerde reagiert, regelmäßig den Bereich rund um den Automat kontrolliert und keine größeren Verunreinigungen feststellen können.

Das bestätigt Ordnungsamtsleiter Christoph Börger. Ihm ist die Beschwerde bekannt. Aus Sicht der Stadt habe sich das Problem allerdings nicht bestätigt. Jens Auch gibt an, dass die Unternehmer Verpackungen und auch Spritzen vor und im Umfeld ihrer Räume oft selbst beseitigt hätten.

Automat könnte an einen anderen Standort verlagert werden

Mit Wirtschaftsförderer Tim Pieper hat Jens Auch inzwischen über die Möglichkeit gesprochen, den Automat an einen anderen Standort zu verlagern. Immerhin habe sich die Situation am Bahnhof in den vergangenen Jahren sehr verändert. Das Gebäude steht nicht mehr leer. Auf dem Parkplatz ist den ganzen Tag über etwas los.

Spritzenautomat am Fröndenberger Bahnhof: Unternehmer beschweren sich

Die Jungunternehmer rund ums „Gleis Vierpunktnull“ bringen Gründergeist ins alte Bahnhofsgebäude. © Privat

„Wenn die Stadt einen vernünftigen Alternativstandort vorschlägt, sind wir da im Prinzip gar nicht gegen“, signalisiert Manuel Izdebski. Schließlich sei die Aidshilfe am Ende ohnehin auf die Genehmigung der Kommune angewiesen.

„Ich habe einen Bulli und noch Zement da – würde sogar aus eigener Tasche die Kosten übernehmen“, betont Jens Auch, wie wichtig es ihm ist, dass für den Spritzenautomat ein neuer Standort gefunden wird.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Infrastruktur

Straßenlaternen leuchten am helllichten Tag: Eine Mission der Stadtwerke Fröndenberg

Hellweger Anzeiger Verzögerung

Baustelle an der Hauptstraße in Langschede: Fahrbahn-Sanierung neigt sich dem Ende zu

Hellweger Anzeiger Umzug am Samstag

Ex-Pfarrer Wohlgemuth nimmt mit persönlichen Worten Abschied von Fröndenberg

Meistgelesen