Der Brasilianer Vini Monteiro war ein Jahr lang als Austauschschüler zu Gast in Frömern. Ein Programm der Rotarier ermöglicht jungen Leuten, die Welt kennen zu lernen. Vini war glücklich im Dorf.

Frömern

, 09.07.2019, 18:07 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Programm der Rotarier ist weltumspannend: Jugendliche pflegen den Austausch auf anderen Kontinenten und mit fremden Kulturen. Der 16-jährige Vinicius Bigeschi Monteiro tauchte ein Jahr lang in das Dorfleben von Frömern ein – und hat Zusammenhalt und Gemeinschaft genossen.

»Ich habe vorher nicht gemerkt, dass es so viele nette Menschen gibt.«
Vini Bigeschi Monteiro

„Es war gut, dass ich in einem kleinen Ort war, man war immer nur fünf Minuten weg von allen anderen“, erzählt der sympathische Teenager. Als er Ende Juli 2018 vor der Haustür von Familie Neumann stand, sprach Vinicius, den bald alle nur noch Vini riefen, kaum ein Wort Deutsch.

Trotzdem war Deutschland sein Wunschland. Denn für die deutsche Geschichte und für die (schwere deutsche!) Sprache interessiert er sich sehr. Anfangs war das kurios im Hause Neumann. Mama Jutta Neumann spricht nicht gut Englisch, ihre Tochter Marie kein Portugiesisch. Und außerdem wollte Vini ja Deutsch lernen. „Unser ganzes Haus war mit Zetteln beklebt“, grinst Jutta Neumann. Vokabeln lernen mit Post-its – eine Methode, die Erfolg hatte.

Frömern – ein Brasilianer lernt ein deutsches Dorf kennen

Vini stammt aus der Stadt Sao Roque in der Nähe von Sao Paulo im Südosten Brasiliens. Eine Stadt so groß wie Unna. Von dieser Größenordnung ging er auch nach seiner erfolgreichen Bewerbung um den Austauschplatz aus. „Erst dachte ich, es wird Unna, dann war es Fröndenberg und dann Frömern“, erinnert sich Vini lachend.

Ein solch kleines Dorf kannte er bis dahin aus seiner Heimat nicht. Aber für ihn selbst, seine Gastfamilie und für den ganzen Ort erwies sich die Wahl als Volltreffer. Als solchen muss man es wohl bezeichnen, wenn man wie Vini kurz vor seinem Abschied im Dorf zu hören bekommt: „Warum gehst du denn zurück?“

»Ganz Frömern hat diesen Austausch gemacht.«
Jutta Neumann

Wenn das Austauschprogramm der Rotarier nicht ohnehin die Teilnahme an sozialen Projekten im Gastgeberland verlangte – nach Vini müsste sie das einführen. „So engagiert, wie Vini das angegangen ist, kommt das selten vor“, weiß Jürgen Schneider, Jugenddienstbeauftragter des Rotary-Clubs Unna/Westfalen.

Austauschschüler aus Brasilien findet sein Glück im Dorf Frömern

Vinicius Bigeschi Monteiro, gerufen Vini, in seiner Rotarier-Kluft. Üblich ist es, dass das Jacket mit Stickern von Menschen, Vereinen oder Instutionen, denen man im Auslandsjahr begegnet, versehen wird. © Borys Sarad

In der Evangelischen Jugend Frömern war Vini sofort voll integriert, schmierte sonntags Sandwiches im Jugendtreff „Spirit“. In der Waffelstube in Frömern half er ebenso mit wie bei der Kinderbibelwoche, wo er sein musikalisches Talent beweisen konnte. Das tat er auch zum 80. Geburtstag von Oma Hannchen im Hause Neumann. Nachdem er ihr ein Ständchen auf seiner Gitarre gespielt hatte, schloss die ihn wie einen Enkelsohn ins Herz.

SV Frömern muss Spielberechtigung aus Brasilien anfordern

Aus den persönlichen Begegnungen hat Vini die größten Gewinn für sich geschöpft. Viele Situationen konnten wohl überhaupt so nur entstehen, weil ein brasilianischer Junge in der westfälischen Provinz gelandet war. Während eines Praktikums in Haus Lore bemerkte er, dass eine demente Seniorin die deutsche Sprache verlernt hatte, ihre spanische Muttersprache aber niemand in dem Altenheim verstand. „Ich habe mich eine Stunde lang auf Spanisch mit ihr unterhalten“, erzählt Vini.

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Noch so eine Begebenheit, die er so schnell nicht vergessen wird, drehte sich um den SV Frömern. Dort sollte er in der B-Jugend mitkicken. Leichter gesagt als getan. Der Verband forderte die Spielberechtigung – der Pass musste aus Brasilien angefordert werden und traf gerade noch kurz vor dem ersten Saisonspiel beim Fußballkreis ein. Jürgen Schneider bestätigt, dass die Schüler von einem Aufenthalt in einem Dorf oft viel mehr hätten als in einer anonymen Großstadt.

»So engagiert, wie Vini das angegangen ist, kommt das selten vor.«
Jürgen Schneider

Natürlich waren die zwölf Monate nicht allein durch Freizeit gefüllt. In Unna besuchte Vini die 9. Klasse des Ernst-Barlach-Gymnasiums. „Auf dem Zeugnis sind einige Einser“, erzählt Jutta Neumann, ganz baff. In Deutschland studieren, das wäre noch so ein Traum von Vini. Aber die Anerkennung seines brasilianischen Schulabschlusses als Abitur könnte problematisch werden. Doch auch da hat Jutta Neumann schon eine Idee, hat Beziehungen zu einer großen Elektronikfirma.

„Ich habe vorher nicht gemerkt, dass es so viele nette Menschen gibt“, schwärmt Vini von seiner Gastfamilie und dem ganzen Dorf. „Ganz Frömern hat diesen Austausch gemacht“, findet Jutta Neumann. In Frömern hofft man daher ganz stark, dass der Kontakt nicht abreißt, wenn Vini am 2. August zurück nach Sao Roque fliegt. Denn eigentlich ist er ein Whats-App-Muffel. „Ich quatsch‘ lieber“, sagt er. Jürgen Schneider hat aber Vorsorge getroffen und Vini hoch und heilig ein Juramentoo“ abgenommen. Das bedeutet Eid auf Portugiesisch.

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