Angst vor Antisemitismus: Mann verdeckt Stolpersteine in Fröndenberg-Dellwig

dzJudenpogrom

Antisemitisch motivierte Gewalt nimmt zu. Ein Mann aus Fröndenberg-Dellwig hat Stolpersteine, die an ermordete Juden erinnern, verdeckt. Seine Begründung: Er fürchte um sein Wohnhaus.

Fröndenberg

, 07.11.2019, 14:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Antisemitismus zeigt sich offen nicht erst seit dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle. Die Furcht vor rechtsextremistisch motivierter Gewalt hat offenbar einen Mann in Dellwig dazu bewegt, Stolpersteine zu verdecken.

»Wir haben versucht, dem Mann gut zuzureden.«
Stadtarchivar Jochen von Nathusius

Wenige Tage vor dem Jahrestag jener Nacht, als in Deutschland die Synagogen brannten, ist dieser Sachverhalt unserer Redaktion bekannt geworden.

Drei jener Stolpersteine, die an die zwischen 1933 und 1945 ermordeten Juden erinnern, sind vor fast genau zehn Jahren, am 8. Dezember 2009, auch an der Hauptstraße in Dellwig verlegt worden.

Angst vor Antisemitismus: Mann verdeckt Stolpersteine in Fröndenberg-Dellwig

Die jüdische Familie Cohen vor ihrem Kolonialwarengeschäft in Dellwig im Jahr 1922: Aus Furcht vor antisemitischen Angriffen hat der heutige Hauseigentümer die Stolpersteine für die ermordeten Familienmitglieder verdeckt. © Stadtarchiv Fröndenberg

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Die Stolpersteine erinnern an drei Mitglieder der Familie Cohen aus Dellwig, die jenes Haus bewohnten, vor dem die Steine in die Asphaltierung eingelassen worden waren. Zu sehen sind sie nicht mehr. Der Hauseigentümer verdeckte sie mit schweren Blumenkübeln.

»Ich möchte nicht, dass die Randalierer hier etwas machen.«
Hauseigentümer aus Dellwig

Es habe sich zwar um privaten, aber öffentlich zugänglichen Grund und Boden gehandelt. „Der Eigentümer hat aber damals seine Zustimmung zu der Verlegung gegeben“, erinnert sich Stadtarchivar Jochen von Nathusius.

Die Stadtverwaltung bedauere sehr, dass die Stolpersteine nicht mehr sichtbar sind. Man habe aber rechtlich keine Handhabe, weil die Steine nicht auf einem öffentlichem Grundstück liegen.

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Im August 2016 säuberten Mitglieder der Fröndenberger Jusos (v.l. Torben Böcker, Arber Aliu, Taner Cegit, Ann-Cathrin Potthoff und Sebastian Kratzel) die Stolpersteine, die am 17. November 2007 die ersten waren, die in Fröndenberg im Stift vor der Sparkasse verlegt worden sind. © Marcel Drawe

„Wir haben versucht, dem Mann gut zuzureden“, so Jochen von Nathusius. Dieser habe sich aber geweigert, die Steine wieder freizulegen „aus Sorge vor Hakenkreuzschmierereien und rechtsextremistischen Übergriffen“.

Die Stolpersteine sind schon vor geraumer Zeit von dem jetzigen Hauseigentümer verdeckt worden. Man habe darum nicht viel Aufhebens gemacht, weil die Steine und das Haus ansonsten womöglich erst Recht zur Zielscheibe von verbalen oder tätlichen Angriffen geworden wäre, so von Nathusius.

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Furcht vor antisemitisch motivierter Gewalt

Zur Sache

Stolpersteine in Fröndenberg

  • Die Stolpersteine in Dellwig erinnern an drei Mitglieder der Familie Cohen, die im Ort eine Kolonialwarenhandlung in dem Haus betrieben. Drei Bewohner des Hauses sind ermordet worden.
  • Arthur Cohen, Jahrgang 1908, wurde 1940 verhaftet, kam ins KZ Dachau und ins KZ Sachsenhausen und wurde am 25. März 1942 im KZ Groß-Rosen ermordet.
  • Erna-Rosa Cohen, Jahrgang 1910, wurde 1942 deportiert und am 30. September 1942 in Auschwitz ermordet.
  • Henriette „Jettchen“ Cohen, Jahrgang 1875, geborene Blumenthal, ist ebenfalls 1942 deportiert worden und kam im KZ Theresienstadt um.
  • Tochter Ilse Cohen, Jahrgang 1911, überlebte Deportationen in mehrere Arbeitslager, ging später nach Schweden und kehrte 1965 nach Dellwig zurück. Sie lebte bis zu ihrem Tod 1979 in dem Haus.
  • Weitere 18 Stolpersteine, die an die ermordeten Mitglieder der Familien Neufeld, Bernstein und Eichengrün erinnern, sind vor deren früheren Häusern im Stift und am Kirchplatz verlegt worden.
Im Gespräch mit der Redaktion bestätigte der Hauseigentümer den Sachverhalt. Er besteht aber darauf, der Verlegung vor zehn Jahren nicht zugestimmt zu haben. „Ich möchte nicht, dass die Randalierer hier etwas machen“, erklärte der Mann, „es wird ja immer schlimmer.“

Das Haus in Dellwig habe er vor Jahren von Erben der ermordeten Hausbesitzer gekauft. „Meine Oma hat in dem Krieg schon in dem Haus gewohnt“, erklärt der Dellwiger sein Interesse an der Liegenschaft.

Eine Nichte der Cohens, die in Schweden lebt, sei vor einem Jahr noch zu Gast bei ihm in Dellwig gewesen. Sie besuche regelmäßig die Grabstätten ihrer Familie auf dem jüdischen Friedhof in Dortmund.

Stolpersteine werden stets vor Wohnungen der Deportierten verlegt

Seinen Namen möchte der Dellwiger nicht in der Zeitung lesen; auch das Haus solle nicht identifizierbar sein: „Das ist eine andere Welt geworden.“

Jochen von Nathusius hält den Zustand für mehr als unbefriedigend. Die Stolpersteine werden von ihrem Erfinder Gunter Demnig stets vor dem Haus des letzten Wohnortes der deportierten Juden verlegt. „Wo sollen die Steine dann hin?“, fragt daher der Stadtarchivar.

Angst vor Antisemitismus: Mann verdeckt Stolpersteine in Fröndenberg-Dellwig

Ilse Cohen überlebte die Deportation in mehrere Arbeitslager, ging später nach Schweden und kehrte 1965 in das Haus ihrer jüdischen Familie in Dellwig zurück. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1979. Hier ist sie im Jahr 1932 im Freibad Dellwig zu sehen. © Stadtarchiv Fröndenberg

Die Stolpersteine in Dellwig sind vor allem aus Spenden der Evangelischen Kirchengemeinde Dellwig, allgemein auch stets aus der Bürgerschaft oder von den Stadtwerken Fröndenberg, finanziert worden.

Eine Versicherung könne die Stadt gegen Risiken wie Hakenkreuzschmierereien nicht abschließen, sagt Jochen von Nathusius. Er fragt sich, ob das überhaupt nötig wäre: Denn mutwillige Beschädigungen von Stolpersteinen seien ihm bislang allenfalls aus dem Osten Deutschlands bekannt geworden.

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