Am Weihnachtsbaum hängt Schmuck aus zwei Jahrhunderten

dzWeihnachten

Am Weihnachtsbaum von Rainer Ströwer hängen Christbaumkugeln aus zwei Jahrhunderten. Damit er die seltene Dekoration lange bewundern kann, steht sein Tannenbaum bereits seit dem 10. Dezember.

Ostbüren

, 19.12.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In vielen Familien ist es Tradition, den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer erst am Morgen des Heiligen Abends aufzustellen und zu schmücken. So gesehen ist Rainer Ströwer 14 Tage vor der Zeit.

Der Vorsitzende des Heimatvereins Fröndenberg stellt seinen Tannenbaum seit einigen Jahren schon Mitte Dezember auf. „Zum dritten Advent, sonst habe ich doch nichts davon“, findet Ströwer. Und an seinem Baum, einer Sauerländer Nordmanntanne, hat er wirklich viel.

„Es wollte jetzt jeder ein bisschen Besinnlichkeit und Frieden.“
Rainer Ströwer, 1. Vorsitzender des Heimatvereins Fröndenberg

An den Zweigen hängt nämlich Weihnachtsbaumschmuck, der zum Teil mehr als 100 Jahre alt ist. Silbern glänzende Vögelchen mit Schweif und Kugeln mit Brokatbezug machen aus dem Baum einen echten Zeugen von Stil und Geschmack längst vergangener Zeiten.

Sogar die Epoche, in der die sehr deutsche Tradition des Weihnachtsbaums Einzug in die Wohnzimmer hielt, spiegelt sich in Rainer Ströwers Wohnung wider: in einem Zimmer mit Originalmöbeln seiner Familie aus der Biedermeierzeit.

In diesen gut drei Jahrzehnten zwischen 1815 und 1848 gab es so etwas wie den Rückzug ins Private, die deutsche Gemütlichkeit kam auf – einschließlich Tannenbaum im wohligen Heim.

Am Weihnachtsbaum hängt Schmuck aus zwei Jahrhunderten

Der Fröndenberger Rainer Ströwer liebt das alte. So wie auch sein „Biedermeierzimmer“. © Udo Hennes

Zur Sache

Weihnachtsbaumschmuck

  • Äpfel: Die heute bekannten Christbaumkugeln gehen vermutlich auf den Brauch zurück, den im Mittelalter am 24. Dezember aufgestellten Paradiesbaum mit Äpfeln zu schmücken. Ein Glasbläser soll die ersten Kugeln 1847 hergestellt haben, weil er sich Äpfel und Nüsse als Dekoration für den Weihnachtsbaum nicht leisten konnte.
  • Strohsterne: Lange Zeit bestand ein Großteil des Weihnachtsbaumschmucks aus selbst gebastelten Dekorationen aus Papier oder Stroh. Die Sterne erinnern an den Stern von Bethlehem.
  • Kerzen: Vor der Erfindung des Stearins und Paraffins in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es üblich, Talg oder Bienenwachs in Walnusshälften zu füllen und diese als Baumbeleuchtung zu nutzen.
  • Lametta: Die metallischen Fäden kamen erst relativ spät in den 1870er-Jahren auf. Sie sollten ursprünglich Eiszapfen symbolisieren.

Die napoleonischen Kriege in Europa waren da gerade überstanden. Die Leute wollten jetzt ihre Ruhe haben, sich in ihre Zimmerchen zurückziehen zu ihrer trauten Familie. „Es wollte jetzt jeder ein bisschen Besinnlichkeit und Frieden“, weiß Rainer Ströwer.

Dazu gehörte zu Weihnachten eben auch der geschmückte Christbaum mit der Bescherung am Heiligen Abend – die übrigens erst nach der Reformation und dadurch ebenfalls vor allem in Deutschland aufkam. Denn die Protestanten lehnten die bis dahin gebräuchliche Gabenverteilung am Nikolaustag ab, weil sie keine Heiligen verehren.

Typischer Baumschmuck aus der Biedermeierzeit allerdings findet sich an Rainer Ströwers Weihnachtsbaum dann doch nicht. Das ist auch nur zu gut verständlich.

Neben Strohsternen war der Weihnachtsbaum in seiner Ursprungszeit mit roten Äpfeln, Pfeffernüssen und ganz viel Naschwerk behängt – „und wurde dann geplündert“, beschreibt Rainer Ströwer, der übrigens demnächst im Hellweg-Museum in Unna mit seinen Zuhörern auf eine Zeitreise rund ums Essen gehen wird.

Einfache Strohsterne und leckere Sachen, die die Kinder vom Baum pflücken durften, hingen auch in seiner Familie, die seit Ewigkeiten in Ostbüren beheimatet ist, noch lange am Weihnachtsbaum.

Am Weihnachtsbaum hängt Schmuck aus zwei Jahrhunderten

Rainer Ströwers ältester Baumschmuck, zwei Vögelchen, stammt aus Berlin. © Udo Hennes

Dagegen keine Weihnachtsbaumkugeln, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst in Thüringen von Heimarbeitern mundgeblasen wurden. „Meine Familie waren einfache Bauern“, erzählt der 47-Jährige.

Die teuren Glaskugeln, die seit 1870 dank Justus von Liebigs Erfindung auch mit einem Silberüberzug zum Glänzen gebracht werden konnten, hingen daher zunächst nur an den Bäumen des gehobenen Bürgertums.

„Ich interessiere mich für alles Alte.“
Rainer Ströwer

Rainer Ströwers ältester Baumschmuck aus dem Jahr 1908 stammt aus Berlin; zwei schlanke Vögelchen, eine Mischung aus Schwan und Fasan. Sie sind ein Erbstück aus der Familie von Fröndenbergs Stadtarchivar Jochen Engelhard von Nathusius und hingen am Weihnachtsbaum von dessen Großeltern.

Ströwers älteste Kugeln, die von seinen eigenen Großeltern stammen, sind aus den 1930er-Jahren; sie haben das klassische Spritzdekor, das damals ein noch viel ausgeprägteres Relief hatte als die modernen Kugeln.

Neben Kugeln und einer Art Rhombus, die mit Silberfäden und Stoff bezogen sind, typisch für die 1950er Jahre, hängt auch ein gut 80 Jahre alter Engel in den Zweigen. „Der hat extrem gelitten“, zeigt Rainer Ströwer auf schütteres Haar und hängende Flügelchen.

Am Weihnachtsbaum hängt Schmuck aus zwei Jahrhunderten

Kugeln für den Weihnachtsbaum konnte sich früher nicht jeder leisten. © Udo Hennes

Womöglich hat das himmlische Wesen über die Jahrzehnte von vielen Kinder in der Stöwerschen Familie an sich zupfen lassen müssen.

Apropos, Stöwersche Familie. Die mag es zu Weihnachten 2019 ebenfalls biedermeierlich. Geschenke stehen da überhaupt nicht im Vordergrund, sondern die Besinnlichkeit und ein gemeinsames Essen. „Das ist für mich Weihnachten“, sagt Rainer Ströwer.

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