Am Hochwasser in Ostbüren tragen auch Bürger eine Teilschuld

dzHochwasserschutz

Topografie, Planungsfehler, fehlender Straßenendausbau – und Bürger, die ihre Grundstücke nicht korrekt entwässern: Wenn auf der Ostbürener Straße das Wasser steigt, kommen viele ungünstige Faktoren zusammen.

Ostbüren

, 23.01.2020, 13:26 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Den Regen können wir nicht abstellen“, sagte der Erste Beigeordnete Heinz-Günter Freck am Mittwochabend zur Begrüßung der Bürgerinnen und Bürger, die ins Dobomil-Gebäude gekommen waren. Wohl aber habe die Stadt ein Interesse daran, die Begleiterscheinungen starker Unwetter, unter denen der Ortsteil Ostbüren ganz besonders leidet, zu mildern. Dieses Interesse teilen offenbar viele Bürgerinnen und Bürger. Der Saal war gut gefüllt.

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Die Monate Juni 2018 sowie Mai und August 2019 werden vielen Ostbürenern wohl gut im Gedächtnis geblieben sein. Es waren die Monate, in denen Starkregenereignisse, wie es sie statistisch betrachtet nur alle 100 Jahre gibt, im Ortskern für Überschwemmungen sorgten. Schlamm von den Feldern verschmutzte Straßen und Grundstücke stark.

Am Hochwasser in Ostbüren tragen auch Bürger eine Teilschuld

Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreterinnen und Vertreter der Lokalpolitik interessierten sich für die neusten Informationen zum Thema Hochwasserschutz in Ostbüren. © Udo Hennes

Die Häufung solcher Ereignisse in den vergangenen zwei Jahren, das haben auch die Bürger verstanden, spreche dafür, dass die Statistik, die die Starkregenfälle als „Jahrhundertereignis“ auszeichnet, bald korrigiert werden muss. Es ist also höchste Zeit zu handeln.

Mitarbeiter eines Umweltbüros haben die Problemlage analysiert

Um herauszufinden, warum sich Regenwasser vor allem in Ostbüren auf der Straße staut, hat die Stadtverwaltung ein Umweltbüro aus Menden beauftragt. Geschäftsführer Volker Kresse und sein Mitarbeiter stellten die Ergebnisse ihrer Analyse am Mittwoch vor. Dabei wurde deutlich, dass es in Ostbüren keinen Alleinschuldigen gibt. Ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren führt zu den Überschwmmungen.

  • Problem 1: Der Straßenquerschnitt ist in Ostbüren stellenweise sehr gering. Das Wasser entwickelt in schmalen Straßen eine besonders hohe Fließgeschwindigkeit und schießt über die Straßenabläufe hinweg. Breitere Abläufe, Berg- oder Doppelabläufe würden zumindest einen Teil des Wassers aufnehmen.
  • Problem 2: In Ostbüren gibt es einige nicht ausgebaute Straßen, die abschnittsweise noch gar keine Rinnen, Straßeneinfassung und Randabläufe haben. Der Wasserabfluss ist hier unkontrollierbar. Diese Probleme müssten im Zuge des Endausbaus realisiert werden, dessen Kosten im Rahmen des Kommunalabgabengesetzes auf Anlieger umgelegt würden.
  • Problem 3: Selbst in ausgebauten Straßen gibt es zum Teil zu wenige oder nur zu kleine Straßenabläufe.
  • Problem 4: Einige Bürgerinnen und Bürger leiten das Wasser von ihren befestigten Privatflächen direkt auf die Straße ab. In Kombination mit den schlechten Abflussmöglichkeiten auf den Straßen sei das ein „massives Problem“, wie Volker Kresse erklärte. Das Wasser von privaten Grundstücken müsste eigentlich über die Grundstücksentwässerung abgeleitet werden – und dürfte nicht auf die Straße laufen. Das ist in der Entwässerungssatzung der Stadt Fröndenberg so festgelegt.
  • Problem 5: Eines der größten Probleme ist die Kessellage der Bebauung. Der tief liegende Ortskern mit der Ostbürener Straße ist von höher gelegenen Ackerflächen umgeben. Unbestellte Felder mit trockenem Boden sind oft so hart, dass sie Wasser nicht halten, von frisch bewirtschafteten Feldern macht sich das Wasser mit viel Schlamm auf den Weg – der Straßenabflüsse und Grabeneinläufe binnen Sekunden verstopft. Blüh- und Schonstreifen schützen nicht nur Kleintiere und Insekten, sie halten auch Schlamm von den Feldern auf. Zudem helfen Gräben und Rinnen – bestenfalls vor und hinter dem Blühstreifen. Außerdem sollten Landwirte quer zum Geländegefälle pflügen.
  • Problem 6: Ausgefahrene Wirtschaftswege und zu hohe Bankettstreifen sind ebenfalls ungünstig und sollten ausgebessert werden, damit Wasser von den Feldern nicht auf die Straße fließt.
  • Problem 7: Grabeneinläufe verstopfen häufig aufgrund ihrer ungünstigen Lage.
  • Problem 8: Straßeneinläufe sind häufig vor allem durch Laub verstopft, müssten wahrscheinlich häufiger gereinigt werden.

Am Hochwasser in Ostbüren tragen auch Bürger eine Teilschuld

Der Ostbürener Hof Pieper wurde trotz Hochwasserwänden überschwemmt. Bis in die Garagen lief die Mischung aus Schlamm und Hagel. © privat

Egal, ob Stadt, Kreis, Landwirte oder Privateigentümer. Egal ob Bäume, die in Entwässerungsgräben gepflanzt wurden, mit ungünstiger Neigung angelegte Straßen oder fehlende Grundstücksentwässerung: In Ostbüren hätten viele Beteiligte kleine Fehler gemacht, die nun in Summe zu einem großen Problem für den Ortsteil führen. Deswegen sollten sich nun auch alle Seiten an Lösungen beteiligen, lautete der Tenor des Vortrags.

Anregungen an die Stadtverwaltung

  • In Sachen Hochwasserschutz nimmt die Stadt ihre Bürger mit ins Boot.
  • Mehrere Anregungen aus der Bürgerversammlung wurden direkt vor Ort aufgenommen.
  • Bis die Planung voranschreitet, haben alle Ostbürener noch ein paar Wochen Bedenkzeit.
  • So lange können sie Anregungen und Hinweise an die Mitarbeiter des Bauamts richten: Markus Törnig ist erreichbar unter Tel. (02373) 976-288 oder m.toernig@­froendenberg.de, Martin Kramme ist erreichbar unter Tel. (02373) 976-277 oder m.kramme@­froendenberg.de.

Sofortmaßnahmen wie das Anlegen von Blühstreifen, das Nachziehen von Gräben sowie die Reinigung von Einläufen und Abflüssen könnten schnell umgesetzt werden. Für alles weitere werden Stadt und Umweltbüro nun einen Maßnahmenplan mit Prioritätenliste erstellen.

Abgabenpflichtiger Straßenausbau droht in Nahe Zukunft nicht

Was die unzureichende Grundstücksentwässerung betraf, galt bisher wohl das „Wo kein Kläger, da kein Richter“-Prinzip. Die Mitarbeiter des Bauamts und Volker Kresse appellierten aber an die Bürgerinnen und Bürger, dass auch sie ihre Hausaufgaben machen.

Abgabenpflichtiger Straßenausbau ist in naher Zukunft zwar noch kein Thema. Die Probleme in Ostbüren dürften wohl aber zeigen, dass der Endausbau nicht nur eine Frage der Kosten, sondern auch der Funktionalität einer Straße ist.

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